Stefan Ripplinger:Säuretest
4. August 2008, 08.20 Uhr:

Säuretest

von Stefan Ripplinger

Der Philosoph Shaftesbury schrieb Satire eine hygienische Wirkung zu. In seinem Essay concerning Enthusiasm bemerkt er, nichts sei so ernst und heilig, dass es nicht dem „Test of Ridicule“ ausgesetzt werden dürfe. Ja, das Säurebad des Spotts sei durchaus notwendig, denn ernst und heilig geben sich die Schwindler und Schwätzer. Leg die Dinge erst einmal in ätzende Säure, dann schau, was von ihnen übrig bleibt.

Doch macht das Beispiel, das er anführt, stutzig.

Sokrates habe nicht nur den Nerv gehabt, sich die böse Satire, die Aristophanes gegen ihn schrieb, anzuschauen, sondern er sei selbst auf die Bühne gesprungen, um dem Publikum zu zeigen: „Schaut her, so sieht Sokrates wirklich aus.“ Beispielhaft lässig. Dabei vergisst Shaftesbury allerdings zu erwähnen, dass Sokrates kurz nach den Aufführungen des Stücks, das ihn der Gottlosigkeit zeiht, wegen Gottlosigkeit zum Tode verurteilt wurde.

Und noch etwas anderes spricht gegen Shaftesburys Lehre: Das Lächerliche lässt sich nicht mehr lächerlich machen. Kohorten von Komikern übten ihren Witz an Altkanzler Kohl. Und am Ende stand er doch im gefütterten Mantel der Geschichte da. Zwei der besten Köpfe in Deutschland nahmen sich Theo Sommer vor; wäre es mit rechten Dingen zugegangen, hätte er für alle Zeit erledigt sein müssen. Doch er fuhr nicht nur darin fort, immer so weiterzusalbadern, wie er stets salbadert hat, er blieb eine solche unerschütterliche Respektsperson im In- und Ausland, dass seine Gegner sich schließlich entnervt anderen Gegenständen zugewendet haben. Die Satire ätzt das Feine weg, während sie am Groben nicht kratzen kann.

Kommentare

Behauptet Shaftesbury tatsächlich, daß Satire eine gesellschaftliche Macht sei, deren Urteil direkt zu einer Verurteilung des Verätzten führe, und dies sei die zugeschriebene Hygiene? Das wäre in der Tat englisch erbarmungslos und auch falsch. Aber nur so lassen sich für mich die beiden Einwände verstehen. Könnte man auch, wohlwollender, annehmen, daß statt gesellschaftlicher schon bei Shaftesbury individuelle Hygiene gemeint war? Vielleicht wollte er an Sokrates nur demonstrieren, daß dieser auf der Bühne bloß zeigte, daß er den Mechanismus der Satire schon genauso begriff wie der nachgeborene Perückenträger? Dann wäre das Urteil gegen Sokrates keines gegen Shaftesburys Satirebegriff. Weiter dürften so Gremliza und Henscheid nervig bleiben, was sie wohl auch tatsächlich sind. Wenigstens heute ist Satire doch wohl preaching to the saved, ein Trost für die paar, die noch nicht mitblöken wollen. Für diese aber legt sie ätzend gerade das Allergröbste frei und um, und das kommt mir doch sehr hygienisch vor. Der General Sommer aber hat es ja gar nicht nötig, die geifernden kleinen Narren überhaupt wahrzunehmen, das Heer der Strammen reicht doch bis Hintern Horizont.

Shaftesbury will seinem Fürsten die Satire als reinigende Kraft annehmlich machen. Der aufgeklärte Fürst, die amtlich zugelassene Satire - man kennt die Widersprüche aus der deutschen Aufklärung. Das nimmt der Satire nicht unbedingt ihren Sporn; sie wird politisch, wenn sie politisch ausgelegt wird. Bei der Lektüre von Gremlizas besten Satiren und Polemiken fühle ich mich gar nicht "saved".

Shaftesbury: Wenn das so ist: Vielen Dank für die Aufklärung.
Gremliza: Hat Ihnen der oberste Herrmann (oh mein Gott, lieber nochmal S. 5 in der neuesten Konkret nachsehen, ich hab’s ja geahnt:) Hermann. Hat Ihnen der oberste Hermann etwa auch schon mal eine Stilblüte durch die Nase in’s Hirn zurückgedrückt? Mein zartes Mitgefühl.

Nein, nein, ich lese ihn einfach gern. Und unter einer guten Lektüre verstehe ich nicht eine beruhigende.

Ja. Dann allerdings unterliegen wir einem mißlichen Mißverständnis: preaching to the saved soll heißen: Predigen zu den bereits Geretteten, Eulen nach Athen tragen. Es ist ja doch fast unmöglich, etwas zu lernen, was einem nicht ohnehin schon sympathisch ist. Wenn es aber, wie bei Satire der Fall, auch noch feindselig daherkommt, wird es schier unmöglich, etwa zu sagen: Ja, ich schätzte Herrn Hüsch bisher sehr, nun aber sehe ich ein, daß er nicht schätzenswert ist. Durch die Satire wird doch bloß aus dem angesichts des eifrigen Herrn qualvoll und machtlos hervorgestöhnten Stöhnen ein befreiendes Lachen. Und das ist zwar gut im Sinne individueller Hygiene, trägt aber politisch nirgends hin. Ich glaube auch nicht, daß Gremliza das erwartet.
Wird eigentlich am Ende des Märchens "Des Kaisers neue Kleider" der nackte Kaiser ausgelacht? Müßte er eigentlich. Auch in diesem Fall aber ist das Märchen nur insofern realistisch als es Utopie ist.

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