Stefan Ripplinger:Idealismus
15. August 2008, 16.53 Uhr:

Idealismus

von Stefan Ripplinger

Mein Freund Schernikau glaubte nicht an den Idealismus in der Politik, er glaubte nur an Interessen. Der Marquis de Sade, sagte er, hielt bis an sein Ende an der Revolution fest, weil sie seinen höchsteigenen Interessen zupass kam. Diese Lehre habe ich nie vergessen. Glaub nicht dem Multimillionär, der dagegen ist, jedenfalls solange nicht, solange es mehr Gründe für ihn gibt, dafür zu sein; denn dann wird er es irgendwann sein. Aber unbegreiflich bleibt mir der Verlierer, der von ganzem Herzen Ja! zu dem System sagt, das immerzu Nein! zu ihm sagt. Kennt er seine Interessen nicht? Hofft er auf den Multimillionär? Ich weiß es nicht, und Schernikau kann ich nicht mehr fragen.

Kommentare

Das ist die Identifikation mit den Tätern um sich die eigene Opferrolle nicht eingestehen zu müssen, nehme ich an.

Identifikation mit dem Aggressor? Das könnte eine Erklärung zumindest für die ganz schweren Fälle sein.

Nicht nur die schweren Fälle. Vielleicht ein Literaturtipp dazu: Arno Gruen, Der Wahnsinn der Normalität – Realismus als Krankheit. Eine grundlegende Theorie zur menschlichen Destruktivität; 1987, ISBN 3-423-35002-4

Schernikau selbst gibt doch auch Antworten:

- das engelszitat das dem ersten kapitel vorangeht ... "es gibt hier ja keine arbeiterpartei [...] und die arbeiter zehren flott mit von dem weltmarkts- und kolonialmonopol englands"
das ist doch immer noch gültig, zumindest hierzulande (in den exkommunistischen osteuropäischen staaten vielleicht nicht so). der imperialismus wirft ja auch einiges ab, und es gibt eine korrumpierte arbeiteraristokratie etc.

- Verblendungszusammenhang. er zitiert doch auch adorno und seine kulturindustrie.

- "antikommunismus ist zu 98% ein informationsproblem"
genau. identifikation mit dem aggressor, das mag es geben, ist mir aber zu psychologisch. den meisten leuten ist es doch gar nicht klar. und schernikau sagt es auch: kapitalismus erscheint als natur, geld ist eben da oder nicht. ausserdem wissen sie gar nicht wer der täter ist, weil es die gar nicht gibt- weil das kapital ja ein automatisches subjekt ist. man muss halt die verhältnisse angreifen und nicht "die täter", es ergit sich doch aus dem marktgeschehen und es liegt nicht an der "gier" oder an den unfähigen managern; und diese information der breiten bevölkerung nicht bekanntzumachen fällt der monopolpresse doch nun nicht schwer, es ist halt so abstrakt.



Aber was ich spannend finde, kanntest du schernikau persönlich?

viele grüße aus l.:
steffen

Ja, wir waren enge Freunde, bis er nach Leipzig ging, und standen noch bis zu seinem Tod in ständigem Kontakt (dazu gebe ich Auskunft in einem biographischen Abriss auf www.schernikau.net).

Korruption: Ich meinte ja gerade diejenigen, für die keine oder nur sehr wenige Krümel vom Tisch fallen.
Ideologie: In diese Richtung muss man wohl denken, psychologische mit ökonomischen Elementen verbinden (das Modell von Althusser scheint mir nach wie vor das interessanteste).

Grüße aus Berlin.

Ich hab deine Story gelesen. Sehr interessant- aber er ist ja auch unglaublich gut! Ich verteile sein Buch hier an meine Freunde und alle werden sofort Kommunisten (naja, nicht ganz... aber die Wirkung ist vorhanden), es ist ganz prima! Jede Seite Schernikau hebt die Wirkung von zehn Ausgaben der antikommunistischen Zeitungen auf.

also: kampfesgrüße an die jungle world, die entschlossen für die interessen der werktätigen berlins ...!
-sg

„- ‚antikommunismus ist zu 98% ein informationsproblem’“. Mich überrascht diese Aussage Schernikaus, las ich doch gerade eben in Rainer Bohns Vorwort zu Schernikau: „Dann hätten wir noch eine Chance“ (Gremliza Verlags GmbH, Hamburg, 1992, S.10) das Gegenteil: „’allergrößte bewußtheit bei null aktivität. das ist das merkmal des spätkapitalismus. ich brauche den leuten nichts zu erzählen.’(T (i. e. Schernikau:„die tage in l.“, konkret Literatur Verlag, Hamburg, A. H.)/29f.) ‚alle wissen alles, niemand braucht irgendwem etwas zu sagen, die dinge sind deutlich vorhanden in der welt.’(T111)“ Letzteres spricht mir aus der Seele, und ich glaube, ohne Psychologie kommt man bei diesem Problem gar nicht weiter. Unbestritten die zweite Natur, unbestritten die Schwierigkeit, daß es nichts nützt, den Fettsack mit Zigarre a la lanterne zu expedieren. Trotz dem Allen aber sollte man erwarten, daß die Leute sagen: Das Fernseh macht mich krank, ich schmeiß es aus dem Fenster. Erinnern wir uns des Tons aus dem Manifest der kommunistischen Partei: Die Menschen verelenden, also werden sie ihre Ketten abwerfen!. So einfach ist das. Ist es aber nicht. Die Menschen verdrängen und produzieren Reaktionsbildungen. Sie machen aus ihren Peinigern ihre Helden und hassen die, die ihnen das vorhalten. Da helfen keine Depressionen, da helfen keine Rückenschmerzen, da hilft noch nicht mal Krebs: wer will, der kann, und den Tüchtigen gehört die Welt.

Stimmt, du hast recht, das sagt er auch. Andererseits wieder:
"die welt ist groß und übersichtlich. wenn wir auf einen berg steigen, können wir alles sehen. aber wo ist ein berg."
(auch in: dann hätten wir noch eine chance)
Das klingt wiederum gegenteilig. Vielleicht weiß er's selbst nicht.

du sagst "Die Menschen verdrängen und produzieren Reaktionsbildungen. Sie machen aus ihren Peinigern ihre Helden" -
aber wer macht denn aus den Peinigern die Helden? Ich bin mir nicht so sicher, dass das "sie", also "die Menschen" sind. Viele Leute sind doch unzufrieden, alle möglichen Leute haben was gegen "die da oben" etc. und verehren sie keinesfalls als Helden; nur bringt einen das nicht weiter, weil das zu stark personalisiert ist.
Zu Helden werden die Peiniger doch eher durch die Medien gemacht, durch Leute also, denen es halt nicht soo schlecht geht; und dass sie diese Heldengeschichten erzählen, ist vielleicht Bedingung dafür, dass es ihnen weiterhin besser geht als der Unterschicht. Die Heroisierung kommt vielleicht auch unten bei manchen an und wird von ihnen übernommen; aber dass das jetzt nur aus deren Psyche käme, stimmt doch einfach nicht- oder?

also nochmal die frage nach dem informationsproblem; liegt alles offen da oder nicht, wissen alle alles oder nicht?

in die tage in l. gibt es einen anderen absatz, den mit frau bahlsen, der "besitzerin der kekse", wie sie in der kneipe sitzt und ihr nachbar erklärt ihr: wer hitler wählt, wählt krieg- das hat thälmann schon '30 gesagt! darauf sie: ach echt, das hat der damals schon gesagt? schernikaus conclusio ist: sie sind nicht böse, sie sind nur dumm.

es gibt noch andere absätze, die sind in der aussage ähnlich; z.b. der mit dem jungen in london ("die unglaubliche dummheit im westen") oder das interview mit einem "ronald", der sagt: im westen gibt es nur zeitungen, die entweder einfach dumm sind, wie bild, oder etwas wie den spiegel, der unglaublich viele details liefert, aber niemals etwas in den zusammenhang einordnet, und die leute allein lässt mit dem gefühl, nix machen zu können.

wenn er also sagt, "allergrößte bewußtheit bei null aktivität. das ist das merkmal des spätkapitalismus. ich brauche den leuten nichts zu erzählen", und er damit tatsächlich das bewusstsein um die gesellschaftlichen verhältnisse meint, widerspricht das vielen seiner sonstigen aussagen, die eher das funktionieren des verblendungszusammenhangs herausstellen.

Einerseits der Verblendungszusammenhang. Wir gehen aus vom Fetischkapitel im „Kapital“ und verfeinern und aktualisieren dessen Analyse, vielleicht Richtung Kulturindustrie pipapo. Die Menschen sind demnach nicht in der Lage, die Verhältnisse zu durchschauen und also zu erkennen, daß die Bildzeitung, die sie kaufen, sie belügt. Diese Macht gibt es zweifellos, hat aber schon zu Marxens Zeiten mächtg gehunken, wenn sie die ganze Misere erklären sollte. Haben wir nicht alle, trotz mächtig glühender Ohren und Gemüter, bei der Lektüre des Mani-fests der kommunistischen Partei wenigstens kurz, wenigstens en passant gestutzt zweidrei-mal, als die geschichtliche Lokomotive mit Kapitalismus-Verelendung-Revolution unaufhalt-sam auf uns zu donnerte? Marx und Engels sagten wohl zurecht: Wenn man nichts zu fressen hat, nützt auch die beste Entfremdung nichts mehr, da muß der Verblendungszusammenhang auseinanderfallen, besser: -gerissen werden. Und also keine Blümchen mehr an den Ketten usw. usf.
Nun sitzt die Menschheit heute aber tiefer im kapitalistischen Scheißdreck als je. Dorten hin-term Horizont nichts zu fressen, hiero Krebs und Kretinismus. Wer dem Hunger entfliehen und wenigstens als satter Kretin verenden will, wird im Mittelmeer auf- und möglichst gleich umgebracht. Und: Das kommt jeden Tag alles im Fernseh. Der objektive Verblendungszu-sammenhang allein, jedenfalls verstanden als Lügenmaschinerie, erklärt nicht mehr viel.

Dagegen sein kleiner bucklichter Bruder, der innere Schweinehund, heute die Arbeit fast allein vollbringt. Und hier geht es, fürchte ich, nicht so sehr um „schwere Fälle“, sondern vielmehr um die ganz normale Psychopathologie des Alltagslebens. Papi ist Gott. Ich will aber anders. Papi schimpft auf mich und verbietet meinen Willen. Gefalle ich ihm nicht, so radiert er mich aus. Ich sterbe schon vor Angst. Da kommt die Erlösung: Papi hat recht! Ich will, was Papi will. Und ich gefalle ihm. Ich bin gerettet. Ich denke positiv. My heart belongs to Papi. Diesen Mechanismus, der so läppisch klingt, muß man fühlen können, um seine Macht zu erfassen. Es geht dabei nicht um: Najagut, ich komm alleene irgendwie nich zupotte, ich identifizier mich maeben mim Aggressor, sondern es geht um scharfe Todesangst, die, die wir als Kinder noch wahrgenommen haben. Die Not lehrt beten. Und wenn diese Lektion erstmal sitzt, dann kann man an Papis Seite die ganze Welt erobern. Und Papi kann viele Gesichter haben: Arbeitsmarkt, Polizei, Demokratie, Ordnung, Sauberkeit, Auto waschen, Frau verprügeln und: Kinder erziehen (sie können lernen, allein einzuschlafen und sie brauchen Grenzen!)

Nota bene: Die Migrantinnen und -en, die durch Frontex gehindert werden, Europa zu erreichen, können einfach nicht alle aufgenommen werden. Unser Boot ist auch voll, haha. Wir könnten die ganzen Menschen und -innen schon logistisch nicht verkraften. Und dann die kulturellen Widersprüche etc. pp.
Solche mörderischen Sprüche, die immerhin die hier und heute tragende politische Meinung darstellen, kommen weder aus Unkenntnis noch aus irgendwelchen direkten Verkleisterungen zum Thema. Primär haben wir hier psychische Defekte vor uns, die allerdings wiederum gesellschaftlich geformt sind. Insofern sind also, wie immer, wenn man nicht genau weiß, wer was wem, Schwein und Bewußtschwein in dialektischer Vergletscherung. Je weniger aber von den Herrschenden gelogen werden muß, desto stärker die innere, psychische Zerrüttung, desto schwächer dann aber auch die Möglichkeit von Utopie.
Schernikau tut gut, beiden Seiten ihr Recht zu lassen. Ich glaube allerdings, heute tut Freud mehr not als Marx.
Herzliche Grüße aus den unendlichen Weiten Mäcpomms.

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