von Stefan Ripplinger
Meinem Hinweis auf Franz Baermann Steiner füge ich einen zweiten, auf seine Aphorismen und Notizen, an. Sie bilden einen Höhepunkt, oder sagen wir: ein Hochplateau, seines Werks. Es steht zu hoffen, dass der Wallstein Verlag auch sie vollständig herausbringt. Eine Auswahl erschien vor nunmehr zwanzig Jahren.
– Noch glaube ich, daß wir uns verirrt haben.
– Nein, bald sind wir am Ziel, und dann ist es aus mit diesen schönen Hoffnungen.
(Franz Baermann Steiner, Fluchtvergnüglichkeit. Feststellungen und Versuche. Eine Auswahl von Marion Hermann-Röttgen. Stuttgart: Flugasche 1988; Nr. 5)
Einiges setzt die Kenntnis der wissenschaftlichen Aufsätze und der Gedichte voraus. Vieles ist aber unmittelbar verständlich, beispielsweise dies:
Die sozialistische Gesellschaftsordnung ist zu bejahen, nicht etwa, weil sie jedem Menschen Wohlstand gewährt; im Gegenteil, weil nun zum erstenmal in der Geschichte Menschen arm sein dürfen, ohne dadurch wehrlos zu werden.
Sozialismus bedeutet nicht gleiche Verteilung der Güter, sondern daß der Besitz aufhört, Schutz des Menschen zu sein.
(Nr. 256)
Allem nähert sich Steiner mit nüchternem Ernst. Selbst über religiöse Themen, die ihm doch nahe gehen, spricht er ohne Schwärmerei. „Ripeness is all“, rief Pavese. Das gilt auch bei Steiner, und deshalb glaube ich nicht recht daran, dass er doch noch bekannt oder gar populär wird.
Komme, was kommen mag – aber bleibe es nicht!
(Nr. 444)
Einige, die auf seine größere Bekanntheit hoffen, rechnen darauf, es müsse doch jetzt dem Letzten klar werden, dass Steiner mit allen wichtigen Denkschulen des Jahrhunderts zu vereinbaren sei, zunächst natürlich mit der frankfurterischen* samt Canetti,** dann mit Lévi-Strauss*** und dem Strukturalismus, mit Norbert Elias, Michel Foucault und Edward Said,**** schließlich sogar mit Jacques Derrida und vermutlich noch etlichen anderen. (Ebenso bei den Gedichten, die allzu voreilig mit Rilke, George, Eliot, Borchardt, Celan, Sachs verglichen worden sind. Allein schon diese Zusammenstellung sollte stutzig machen.) Es ist fast so, als ob sich ein Mann damit empföhle, dass er mit möglichst vielem und vielen zu vereinbaren und zu vergleichen ist, und nicht umgekehrt damit, dass er das nicht ist. Jedenfalls bin ich einem wie Steiner noch nicht begegnet,***** und alle Ähnlichkeiten mit anderen, Lebenden und Toten, erscheinen mir vordergründig.
* Adorno äußerte sich begeistert über seine Schriften
** mit dem Steiner unvorsichtigerweise befreundet war
*** vor allem, was die Dekonstruktion von Begriffen wie „Tabu“ oder „Totemismus“ angeht
**** „Orientalismus“; über Saids mitunter handgreiflichen Antizionismus wird großzügig hinweggesehen
***** die Bekanntschaft verdanke ich Manfred Bauschulte
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