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Kürzliche Beiträge
Heute, 02.08 Uhr:

Pommes, Puller und Pralinen: Mussels in Brussels

von Jörn Schulz

Sie, liebe Abonnentinnen und Abonnenten, wissen ja, dass wir uns hier in Belgien nicht einfach auf Ihre Kosten eine schöne Zeit machen. Vielmehr schwärmen wir hier für diverse Recherchen aus, bei denen wir zwar viele neue Erkentnisse gewinnen, aber auch auf neue Fragen stoßen. Die Mutigsten waren heute in Molenbeek, Jihadisten gucken. Hohe Verschleierungsrate – keine Überraschung. Aber warum gehen so viele Männer mit Schlappen in die Moschee? Handelt es sich hier um das Pendant zum Berliner, der in Jogginghose und Unterhemd sein Bier einkauft? Das wäre eigentlich eine unverzeihliche Lässigkeit bei der Erfüllung religiöser Pflichten. Oder ist, wie etwa in Kairo, der Schuhklau vor der Moschee ein so verbreitetes Phänomen, dass es ratsam ist, die billigste Fußbekleidung zu wählen, wenn keine Wächter auf die Schuhe achten?

Eine andere Gruppe begab sich nach Brügge (nur am Rande sei die Frage erwähnt, warum hier und in zahlreichen anderen Ländern die Bahn pünktlich fährt, während die Deutsche Bahn diese Aufgabe nicht bewältigen kann), wo es seit dem Ende des Mittelalters eher friedlich zugegangen ist. Die Stadt, die im 14. Jahrhundert wahrscheinlich mehr Einwohner zählte als heute, war aus Arbeitersicht so etwas wie das Bangladesh des Spätmittelalters und beherbergte eine sehr bedeutende Textilindustrie (die Kaufherren und Verleger waren allerdings keine Subunternehmer, sondern global players des Frühkapitalismus). Dementsprechend hart waren die Klassenkämpfe. Die Weber haben verloren, die Kaufherren aber letztlich auch, mittlerweile ist die Stadt ein Freilichtmuseum, in dem man auch leckere Muscheln mit Fritten serviert bekommt (aber Mussels in Bruges klingt weniger schön, an dieser Stelle sei auch nochmal erwähnt, dass die Fritten hier wirklich besser sind).

Während sich Schuh- und Bahnrätsel möglicherweise lösen lassen, ist es mit der kontrafaktischen Geschichte schwieriger. Was fehlte dem spätmittelalterlichen Bürgertum, hoch entwickelt vor allem in Flandern und den italienischen Städten, in vielen Schlachten siegreich gegen den Adel, zum Durchbruch? Nur die passende Energiequelle zur Mechanisierung der Arbeit? Kolonien als Markt und Rohstoffquelle? Die belgische Kolonialpolitik war ja auch im internationalen Vergleich von immenser Brutalität, aber nicht unbedingt eine ökonomische Erfolgsgeschichte für Belgien; Leopold II. war wohl so etwas wie der Donald Trump seiner Epoche. Belgien entstand durch eine etwas theatralische Revolution, und weil es in der Zeit nach dem Wiener Kongress nicht ohne König ging, setzte man einen eher zweitrangigen Adligen auf den Thron, dessen Sohn dann glaubte, ein Reich regieren zu müssen, dass mehr als 70mal größer war als sein Belgien. Ein für die Kongolesen tödlicher Größenwahn, und ich habe den Eindruck, dass die Stimmung, die sich in der zweiten Hälfte des19. Jahrhunderts in der belgischen Oberschicht verbreitet haben muss, ihren architektonischen Ausdruck im Brüsseler Justizpalast findet, einem pompösen, den Betrachter erschlagenden und dem Größenwahn huldigenden, ohne jeden Sinn für Schönheit und Proportion errichteten Gebäude. Sozusagen der Trump Tower dieser Epoche.

Gestern, 12.22 Uhr:

"Blasphemieverbote sind politisch"

von Jungle World

Wir haben mit Michael De Dora gesprochen, Leiter der Kommunikation beim Center for Inquiry’s, das den International Blasphemy Rights Day ins Leben gerufen hat.

 

Warum haben Sie den Internationalen Blasphemietag ins Leben gerufen?

Den Internationalen Tag für das Recht auf Blasphemie gibt es seit 2009 und er erinnert an den 30. September 2005, als die dänische Zeitung Jyllands-Posten die Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, die weltweit gewaltsame Proteste auslösten. Gläubige Muslime gingen auf die Straßen, res gab viele Tote. Ziel dieses Gendenktages ist es, Solidarität mit den Opfern von Blasphemieverboten weltweit zu zeigen, und das Recht auf Meinungsfreiheit zu stärken, dazu gehört auch das Recht, die Religion zu beleidigen, ohne Repression und Verfolgung fürchten zu müssen.

 

Sollen an diesem Tag Götter und Religionen beleidigt werden?

Manche Leute nutzen diesen Tag als eine Gelegenheit, sich über die verschiedenen Konzepte von Gott lustig zu machen, aber in erster Linie geht es darum, das Recht auf Kritik und Dissens zu verteidigen und zu stärken. Wenn wir über Blasphemie reden, reden wir nicht nur über Atheisten, die sich über Gott und Religion lustig machen, was natürlich ihr Recht ist. Blasphemieverbote treffen aber nicht nur Atheisten, sondern auch durchaus gläubige Menschen, die versuchen, religiöse Praktiken und Traditionen zu hinterfragen und sich für Reformen einsetzen.

 

Spielen Blasphemieverbote weltweit heute eine größere Rolle als in der Vergangenheit, was sind Ihre Beobachtungen?

Studien des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center zufolge zeigen, dass staatliche Einschränkungen der Religions- und Meinungsfreiheit – unter anderem, aber nicht nur durch Blasphemieverbote – in den vergangenen Jahren relativ konstant geblieben sind. Gestiegen sind aber die religiösen Spannungen innerhalb der Gesellschaften. Auch wenn die Gesetze, die Blasphemie verbieten, sich kaum geändert haben, herrscht in vielen Ländern ein gesellschaftliches Klima, das dazu führen kann, dass Menschen aufgrund eines Blasphemievorwurfes getötet werden. In manchen Ländern spielt das Thema Blasphemie eine wichtigere Rolle als in anderen, und es ist bekannt, dass viele Staaten die Gotteslästerung kriminalisieren und die Rechte religiöser sowie nichtreligiöser Minderheiten eingeschränken. Bedenklicher ist aber, dass es immer mehr Länder gibt, in denen Pseudo-Blasphemieverbote eingeführt werden, etwa das „Anstiften von religiösem Hass“. Diese Sprache wird auch in Resolutionen den Vereinten Nationen verwendet, wodurch bestimmte Begriffe säkularer klingen mögen, aber in vielen Staaten werden solche Gesetze einfach dafür benutzt, um Blasphemie durch andere, „softere“, Mittel zu verfolgen.

 

Welche politische Funktion haben Blasphemieverbote?

Blasphemieverbote sind in erster Linie politisch. Viele Regierungen nutzen sie als eine Form der sozialen und gesellschaftlichen Kontrolle, um Kritik an ihren politischen Entscheidungen tot zu machen. Der Vorwurf der Blasphemie spielt auch gesellschaftlich eine Rolle, etwa wenn er benutzt wird, um persönliche oder familiäre Konflikte zu regeln.

 

Interview: Julia Hoffmann

28. September 2016, 00.06 Uhr:

Pommes, Puller und Pralinen: Lifestyle Superpower

von Jörn Schulz

Wie Sie vermutlich bereits wissen, entsteht unsere Auslandsausgabe dieses Jahr in Brüssel. Wie Sie vermutlich auch wissen, logiert hier eine Institution namens EU, die diverse europäische Staaten vertreten und zusammenführen soll, obwohl das Gastgeberland Belgien Probleme hat, seine Existenz zu rechtfertigen und viele Belgier der Ansicht sind, man solle zwei Länder draus machen, mindestens, und einige würden hier gerne einen ganz anderen Vereinigungsprozess in Gang setzen und dienen sich einem unrasierten Möchtegern-Kalifen an. Die EU kann da nichts dafür, ob die Belgier was dafür können, werden wir vielleicht herausfinden.

Das erste, was man hier tut, ist natürlich Pommes essen. Nicht irgendwo, sondern dort, wo auch Angela Merkel ihre Pommes ist. Guter Tipp der Kanzlerin übrigens. Danke, Merkel. Und selbstverständlich haben wir dann die EU-Kommission besucht, diverse Vorträge gehört, an einer Pressekonferenz teilgenommen und ein bisschen debattiert. Ist natürlich nur eine kurzer Einblick, aber es wird recht schnell klar, dass die berühmt-berüchtigte Bürokratie so etwas wie eine “internationale Gemeinschaft” von Menschen aus diversen Ländern ist, die ein sense of mission vereint und die derzeit, nun ja, offenbar ein wenig beunruhigt sind und sich fragen, wie das alles wohl weitergehen wird. Und tatsächlich hat die EU ja Bedingungen geschaffen, in denen das Leben in anderen Ländern nicht mehr ein Privileg der Oberschicht oder eine existentielle Entscheidung für “Gastarbeiter” ist. Nicht für alle, aber für weitaus mehr Menschen als jemals zuvor. Das (und vieles andere) steht nun auf der Kippe.

Erwartungsgemäß hat man uns hier natürlich nicht alle Geheimnisse und Zukunftspläne verraten. Letztere scheint es immerhin zu geben, wobei unklar bleibt, ob die EU die Grundwidersprüche, etwa den zwischen nationalstaatlicher Konkurrenz und gemeinsamer Wirtschaftspolitik, lösen kann. Im Vordergrund stehen wohl auch akutere Probleme wie die Gefahr, dass die Ahndung dubioser Geschäfte der Deutschen Bank durch US-Behörden im Verbund mit der italienischen Bankenkrise - nun, “We’re not in the if-business", hieß es bei der Pressekonferenz. Auch auf Spekulationen über die Folgen des Referendums in Ungarn will man sich nicht einlassen. Sehr hübsch aber die Formulierung, dass die EU trotz aller Probleme (und mangels besserer Angebote) eine “lifestyle superpower” sei. In Sachen Kaffeequalität und Raucherecken in EU-Gebäuden gibt es allerdings noch ein wenig Luft nach oben.

20. September 2016, 13.56 Uhr:

Ohne Qual der Wahl

von Ute Weinmann

Moskau, es ist Wahltag. Gewählt wird die Duma, schon die siebte in postsowjetischer Zeitrechnung. Wählen darf ich allerdings nicht. Das ist nicht nur eine Frage des Passes, sondern der Meldeadresse. Etwa zwei Drittel der volljährigen Einwohner der Megastadt haben offiziell ihren festen Wohnsitz an einem anderen Ort und verfügen bestenfalls über eine befristete Anmeldung. In dem Fall ist der Versuch sich in Moskau einen Wahlzettel zu erschleichen sinnlos. Nur einmal habe ich es wohl aus Versehen bei den Bürgermeisterwahlen in eine Liste ehrenwerter Hauptstadtbewohner geschafft und ein Schreiben vom Bürgermeister bekommen mit dem fast unwiderstehlichen Vorschlag, meine Stimme abzugeben. Von dem Angebot habe ich keinen Gebrauch gemacht. Vermutlich hat das dann jemand anderer an meiner Stelle erledigt.

Ungefähr so: In der Metro stoße ich buchstäblich mit meiner alten Bekannten Dascha zusammen, ihres Zeichens Moskauer Vertreterin des Außenministeriums der Donezker “Volksrepublik". Sie kandidierte bei den Dumawahlen für die “Kommunisten Russlands” - nicht zu verwechseln mit der Kommunistischen Partei KPRF -, und das nur deshalb, weil ihrem eigentlichen Favoriten, der “Vereinigten Kommunistischen Partei", bislang kein Erfolg beschert war sich zu registrieren. Früher war sie schon mal Abgeordnete, aber damals war das Parlament noch nicht so übersichtlich strukturiert wie heutzutage und das Einige Russland existierte noch nicht einmal. Dascha kommt gerade aus einem Wahllokal und ist auf dem Weg an höherer Stelle eine Beschwerde einzureichen. Im Wahlregister entdeckte sie die Namen ihrer beiden Nachbarinnen, daneben eine Unterschrift, mit der die Aushändigung der Wahlzettel ordentlich quittiert werden. Dascha hat allerdings berechtigte Zweifel an deren Echtheit, denn ihre russlanddeutschen Nachbarinnen halten sich seit mehreren Jahren arbeitsbedingt in Deutschland auf. Unwahrscheinlich, dass sie die Wahlbehörde davon in Kenntnis gesetzt haben. Dascha aber sollte es ohnehin besser wissen als die Menschen vom Amt, sie hütet nämlich derweil deren Wohnung und hätte es sicherlich bemerkt, wenn die beiden Damen, oder eine davon, um ihrer moralischen, ja vaterländischen Pflicht als wahlberechtigte Moskauerinnen nachzukommen, am vergangenen Sonntag an ihrem Wohnsitz aufgetaucht wären. Die Wahlhelferin konnte und wollte diese Logik nicht nachvollziehen. Anfangs versuchte sie es mit klassischen Zurechtweisungen von wegen Dascha sei so eine Dahergelaufene, da könne schließlich jeder irgendwelche Behauptungen aufstellen. Und ein Recht sich zu beschweren habe sie sowieso nicht. Aber weil das bei Dascha keinen Eindruck hinterließ, folgte das denkbar schlagkräftigste Argument: “Ich habe die Frau doch gesehen! Sie war hier!” Das soll mal jemand widerlegen.

Noch nie haben so wenige Wahlberechtigte ihre Stimme abgegeben wie bei diesen Parlamentswahlen. Will sagen selber abgegeben. Andere haben nachgeholfen, damit die Beteiligung nicht bei desaströsen zwanzig Prozent bleibt, sondern wenigstens knapp 50 Prozent erreicht. So mancher Beobachter durfte mit eigenen Augen zusehen, ansonsten kursieren Videos im Netz, beispielsweise aus Rostow am Don. An der Längsseite einer Turnhalle läuft das reguläre Wahlgeschäft, ein paar Meter weiter an der Wand das irreguläre. Dort wirft eine aus einem Nebenraum mit einem Stapel Papier gekommene Frau ein Blatt nach dem anderen in die Wahlurne und holt dann Nachschub. Tschetschenien liegt hinsichtlich der Wahlbeteiligung nur auf dem dritten Platz, dafür durfte die kleine Vorzeigerepublik erstmals seit 13 Jahren über ihren Präsidenten abstimmen. Gewonnen hat, wie es sich gehört, Amtsinhaber Ramsan Kadyrow. Für ihn persönlich war das Prozedere also ein Novum, und die tschetschenischen Wahlen waren selbstredend die transparentesten und fairsten überhaupt. So was von Transparenz und Fairness hat mensch dort noch nie erlebt. Alles klar.

Das Einige Russland hat landesweit alle Direktmandate gewonnen, in denen die Partei einen Kandidaten aufstellen ließ, also in 203 von 225. In den anderen durften kremlnahe Politiker absahnen. Oppositionelle hatten das Nachsehen. Selbst Jabloko blieb unter drei Prozent, somit erhält die Partei, die im Unterschied zur liberalen Konkurrenz PARNAS ein Bündnis mit rechtsextremen und nationalistischen Kräften kategorisch ausschließt, nun auch keine Rubel mehr aus der Staatskasse. Verhalten optimistische Stimmen gibt es dennoch. Dass die Jabloko-Kandidatin und profilierte Kommunalpolitikerin Jelena Rusakowa in ihrem Moskauer Wahlkreis auf dem dritten Platz mit nur wenig Rückstand zur KPRF landete, ist eine nicht zu unterschätzende Leistung. Mangels finanzieller Ressourcen fiel ihr Wahlkampf bescheiden aus, die Konkurrenz sorgte dafür, dass ihre Flugblätter schnell von der Bildfläche verschwanden und sie kann von sich auch nicht behaupten, dass der übermächtige Staat hinter ihr stehe. Vielmehr lässt er sie beobachten. Die russische Opposition hat viele Mankos, eines davon ist die fehlende Politikerfahrung. Menschen wie Jelena Rusakowa versuchen sich durch Politik der kleinen Schritte langsam nach vorne zu arbeiten und sammeln dabei wertvolle Erfahrungen, die dem Protestpublikum vor fünf Jahren fehlte. Damals haben viele ihre Stimme gegen das Einige Russland abgegeben aus dem Kalkül heraus, der Kremlpartei damit wenigstens eine Ohrfeige zu erteilen. Enttäuscht vom Wahlergebnis gingen sie auf die Straße. Am Tag nach der diesjährigen Dumawahl blieben alle zu Hause. Auf Distanz gehen ist der sicherste Weg nichts falsch zu machen. Das tun dafür die Anderen.

19. September 2016, 14.26 Uhr:

In Memoriam Paul Parin

von Thomas von der Osten-Sacken

Biografische Facetten aus dem Leben eines Forschungsreisenden. Zum 100. Geburtstag des Psychoanalytikers und Schriftstellers Paul Parin

Gastbeitrag von Roland Kaufhold

„Für einen Juden ist „nach Auschwitz“ nichts mehr so, wie es früher war. Auch an ihm (meinem Vater) sind die Ereignisse nicht vorbeigegangen.“
Paul Parin (Parin, 1993, S. 28)

„Ich würde nicht schreiben, wenn Goldy meine Texte nicht gerne hören oder lesen würde.“
Paul Parin (1993, S. 164)

 

Mit Paul Parin verbindet mich vor allem, dass ich ihn immer gerne gelesen habe. Er hat mir viel bedeutet. Und er hat mich mein Leben lang immer mal wieder begleitet.

Erstmals gelesen habe ich Paul Parin 1981 im Philosophieunterricht eines Gymnasiums, bei einem „progressiven“ Lehrer, Dieter Ferfers, kurz vor meinem Abitur. Er muss mich berührt haben, zumindest habe ich mir seinen Namen gemerkt. Es war die Zeit der „Züricher Jugendunruhen“. Der seinerzeit 65-jährige, gesellschaftlich „etablierte“ linke Psychoanalytiker bemühte sich, die aufbegehrende Jugend solidarisch zu unterstützen – mit seinen Mitteln: Er nahm an Demonstrationen für den Erhalt eines autonomen Züricher Jugendzentrums teil und publizierte psychoanalytische Studien, in denen er die legitimen Motive der aufbegehrenden Jugendlichen darlegte: „Warum die Psychoanalytiker so ungern zu brennenden Zeitproblemen Stellung nehmen“, „Befreit Grönland vom Packeis“, „Der Knopf an der Uniform des Genossen“: typische Essayüberschriften für sein seinerzeitiges publizistisches Engagement (in: Reichmayr, 2006).

Im Studium begegnete mir Paul Parin dann wieder. Ich erinnerte seinen Namen und las seine späteren Werke gleich nach ihrem Erscheinen. Zweimal erlebte ich ihn bei Lesungen in Köln. Meine gelegentlichen Besprechungen seiner Bücher nahm er bewusst wahr und schrieb mir jeweils ausführlich und sehr freundlich. Als er schon nahezu vollständig erblindet war besprach ich sein letztes Werk „Lesereise 1955 bis 2005“ (Parin, 2006). Paul Parin, inzwischen 91 alt, war sehr erfreut, wessen ich mir zuvor nicht sicher gewesen war. Er rief mich extra an, sprach sehr lange mit mir, und danach schickte er mir einen ausführlichen, trotz seiner Erblindung gut lesbaren Brief. Hierin schrieb er u.a.: „Ich bin mir bewusst, dass bei einem solchen Lebensalter Misserfolge und Fakten weggelassen werden. Es wäre aber falsche Bescheidenheit wenn ich Ihre tiefe und einfühlsame Darstellung nicht mit voller Zustimmung und ganz herzlichem Dank beantworten würde. Jeder Schriftsteller hofft auf Leser dieser Art. Doch nur selten darf ich auf eine so eingehende Würdigung hoffen. Ich kann wieder leserlich (?) schreiben, bin aber nicht im Stande dieses Brieflein zu lesen.“ (Brief Parins vom 24.11.2007)

Kindheit und Jugend in Slowenien: ein Glückspilz auf der Suche nach Abenteuern

Paul Parin wächst in Slowenien als Sohn eines Großgrundbesitzers auf. Sein Elternhaus ist „multikulturell“, assimiliert jüdisch, anregungsreich – aber auch einsam. Der junge Paul findet auf dem elterlichen Anwesen kaum gleichaltrige Freunde. Seine Erinnerungen an seine begüterte Jugend auf dem Landgut Novikloster, wie er sie in seinem literarischen Erstlingswerk „Jahre in Slowenien“ (1980) erinnert hat, sind von einer eindrücklichen Lebendigkeit und emotionalen Nähe. Im multikulturellen, ländlichen Novikloster wird sein Interesse für seelische und soziale Beobachtungen früh geweckt. Parin führt aus: „Ein Psychoanalytiker könnte als Kind keinen besseren Anschauungsunterricht haben als die starr durch Machtverhältnisse und Arbeitsteilung gegliederte, gegen außen, von der profanen Welt der Bauern und der Städte durch Wiesen und Forste getrennte Welt eines Großgrundbesitzes, einer vielköpfigen Großfamilie, die untergründig von Liebe und Hass durchströmt und bewegt wird. Die Rätsel des Lebens müssen erst hier gelöst werden, bevor man hinausblickt in die unheimliche und verführerisch lockende Fremde.“ (Parin, 1980, S. 26)

Frühe Belastungen

Paul Parin muss als Kleinkind sehr früh schwere Belastungen überstehen. Wegen einer angeborenen schweren Missbildung seines Hüftgelenkes ist er als Kind für knapp zwei Jahre von Kopf bis Fuß eingegipst – und hat doch zugleich eine liebevolle, einfühlsame Mutter. Für diese war ihr Sohn nicht behindert, sondern einfach ein „Glückspilz“ (Parin, 1993a, S. 16). Auch erinnert Parin sich mehrerer slowenischer Frauen, hierunter auch seiner geliebten Kinderfrau Mimi, die sich einfühlsam um ihn kümmerten. Seine Beobachtungsgabe wurde früh geweckt. In seiner Dankesrede zur Verleihung des Erich Fried Literaturpreises (1992) führt Parin aus: „Ich bin mit einer Missbildung der Hüftgelenke zur Welt gekommen und habe zeitlebens gehinkt. Immerhin konnte ich mein Gebrechen kompensieren, war also körperlich besser dran als er. Sprache und Rede waren auch für mich wichtiger als für gesunde Kinder, und haben mir während eines ganz anderen Berufslebens so viel bedeutet, dass ich mich im Alter dem Schreiben zuwenden konnte und heute hier vor Ihnen stehe.“ (Parin, 1993a, S. 128).

Der polnische und der preussische Adler

In dem späten, stark autobiografisch geprägten literarischen Text „Der polnische und der preußi­sche Adler – beschädigt beide“ (Parin, 1995, S. 9-41) erinnert sich Parin in einer traumähnlichen Dichte an einige frühere Kindheits- und Urlaubsepisoden, gefüllt mit farbigen Landschaftsbeschreibungen. Mit acht Jahren verbringt Paul gemeinsam mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder Otto einen Sommer in einem Schloss in Polen. Zu Otto hatte er als Kind eine gute Beziehung: „Wir waren ein Herz und eine Seele, gingen zusammen fischen und auf die Jagd. Daß wir miteinander konkurrierten oder eifersüchtig aufeinander waren, kam überhaupt nicht in Frage. Wir gingen uns sogar bewußt aus dem Wege, wenn klar war, daß einer besser war als der andere, zum Beispiel im Sport, beim Tennis und so weiter.“ (Rütten, 1996, S. 64f.)

Sein Vater verwaltet es für einen „reichen Wiener Kriegsgewinnler“ (Parin, 1995, S. 12). Es ist eine Märchenwelt, aus der Perspektive des verwunderten Kindes beschrieben. Paul interessiert sich für die Natur und für Tiere. Eine literarische Erinnerung: „Immer im Sonnenlicht liegt die sumpfige Wiese da, es sind ein, zwei oder drei Störche zu sehen, die auf Frösche lauern und – wenn man lange und aufmerksam hinschaut – ist der graue Pflock, der aus der Wiese ragt, ein Silberreiher. Abends fliegt er mit weichen wippenden Schwingen fort. Ganz weit weg ist das Dorf. Die schmutzigbraunen Dächer der Häuser verfärben sich weder golden, noch rot, noch blau. Der Abschluß der bunten Märchenwelt.“ (Parin, 1995, S. 11)

Zunehmend mutiger werdend erkundet er die Wildnis: „Hier ist die Maikuhle, die wunderbare und unheimliche Wildnis, mein Polen, das ich noch immer in mir herumtrage; es taucht von Zeit zu Zeit wieder auf, unverändert geheimnisvoll.“ (Parin, 1995, S. 14)

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17. September 2016, 05.02 Uhr:

Die Paralympischen Spiele in Rio de Janeiro – wird wer integriert?

von Jungle World

GASTBEITRAG VON GUNDO RIAL Y COSTAS

Die Sommerspiele in Rio haben ordentlich Wellen geschlagen und das nicht nur im Sprung- und Schwimmbecken. Das brasilianische Nationalgefühl - wenn es so etwas überhaupt gibt - war verletzt als die internationale Öffentlichkeit wie ein Tsunami über dem angeblich unsportlichem brasilianischen Fanverhalten hereinbrach. Wir erinnern uns: viele Olympia-Gegner waren ausgepfiffen worden – ein Brauch, den viele brasilianische Fans vom Fußball in die olympischen Stadien importiert hatten.

Wie würde das alles nun weitergehen, bei den vom Olympischen Komitee angepriesenen „Paralympischen Spielen des Respekts und der Integration“? Unmut war bereits im Vorfeld aufgekommen, darüber, dass gerade arme Menschen (fast) nichts von den Megavents haben, von den Schattenseiten mal abgesehen: Zwangsumsiedlungen, um für die Olympiastätten Platz zu machen, eine die Grundstücks- und Mietpreise in schwindlige Höhen treibende Gentrifizierung, sowie ausgebliebene Verbesserungen in anderen Lebensbereichen. Besonders im Bildungs- und Gesundheitsbereich hätte mit dem munter verschleuderten Olympiageld viel bewegt werden können. Es war also nicht zur Integration aller Gesellschaftsschichten der Stadt gekommen, die Eduardo Paes, der amtierende Bürgermeister von Rio de Janeiro, vollmundig versprochen hatte.

Ein trauriges Sinnbild in dieser Hinsicht stellte die Auftaktzeremonie dar, bombastisch und farbenfroh im Maracaná-Stadion abgefeiert. Die Menschen, die nur wenige hundert Meter entfernt in der Favela Mangueira leben, mussten derweil wegen eines Stromausfalls im Dunkeln sitzen. Was den Olympiabesuch selbst anging, hieß es für Menschen mit geringen Einkünften dann auch: „wir müssen draußen bleiben“, denn die Ticketpreise entpuppten sich für sie als viel zu hoch hängende Mangos. Einige kitschig medial inszenierte „Wir-bringen-die-Favela-Kids-ins-Stadion“ Aktionen konnten dabei nicht über den verschwindend geringen Zuschaueranteil der ärmsten Bevölkerungsschichten hinwegtäuschen.

Aufgrund der viel niedrigeren Eintrittspreise ist das bei den Paraolympischen Spielen nun anders. Plötzlich sind die Stadien voll! Am Eröffnungswochenende waren mehr Zuschauer gekommen als einen Monat zuvor bei Olympia, wie Rios Tageszeitung O Dia frohlockte. Viele der hauptsächlich in gelbe Trikots der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft oder Leibchen regionaler Ballsport-Clubs gekleideten Fans hatten eher zufällig in die Stadien gefunden. So wie etwa die in der Favela Vidigal lebende Australierin Amber, die dem Wink eines Freundes mit Gratistickets gefolgt war und sich interessiert Leichtathletikwettbewerbe anschaute.

Die Medien in Rio schenken den Paralympics deutlich mehr Aufmerksamkeit als dies bei früheren Auflagen in anderen Weltregionen der Fall war, auch wenn die meisten Tageszeitungen auf eine gesonderte Beilage verzichten. Allgemein wird bei Reportagen häufig auf die Tränendrüse gedrückt, Einzelschicksale groß aufgemacht, immer wieder fallen Worte und Wendungen wie „Respekt“, „Integration“, „über sich selbst hinauswachsen“, wobei das Sportliche oft verloren im Hintergrund steht. Ein marokkanischer Sportler wird so von der Tageszeitung Extra sensationalistisch als Held gehyped, weil er eine Haiattacke nicht mit seinem Leben, sondern „nur“ mit einem Bein bezahlen musste. Besonders brasilianische Sportler werden im Kreise ihrer Familien als gut integrierte, ausnahmslos glückliche Menschen dargestellt, die ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben. Alles im Duktus einer repetitiven Politcal Correctness, die häufig die geringe Kenntnis der Para-Sportler und verschiedenen Disziplinen mit ihrem häufig komplizierten Regelwerk übertüncht.

Der brasilianische Goldschwimmer Daniel Dias fordert „Respekt“ für seinen Sport und Manoel, pensionierter Zeitungsverkäufer aus Copacabana erzählt mir stolz, dass das brasilianische Team auf dem fünften Platz im Medaillenspiegel liegt. Das ist was man allgemein auf den Straßen, in den Cafés und in den Metro-Warteschlangen von Rio de Janeiro hört, sofern die Spiele Gesprächsthema sind. So mag man sich fragen, ob die Paralympischen Spiele ansatzweise und im kleineren Rahmen eine Funktion erfüllen, welche die Sommerspiele nicht leisten konnten: den Menschen etwas vom Stolz auf das eigene Land (zurückzu)geben und eine riesengroße Party zu feiern.

Nur leider geht es dabei primär nicht um die Integration der, wie vom Portugiesischen wörtlich übersetzt „adaptierten Sportler“ und ihrer Disziplinen, sondern um Brasilien als Medaillenhamsterer und den Stolz darüber, nun endlich „jemand zu sein“ der ganz weit vorne mitmischt. Dabei schwingt ein nicht gerade leiser chauvinistischer Unterton mit, der leider wieder in Pfeifkonzerte gegenüber gegnerischen Mannschaften ausartet. Beim Goalball musste die heimische Herrenmannschaft deswegen sogar einen Strafstoß gegen Schweden in Kauf nehmen, da der Schiedsrichter aufgrund des Lärms der brasilianischen Schlachtenbummler nicht hören konnte, wohin der Ball gefallen war.

16. September 2016, 15.45 Uhr:

Politik nach Gefühl

von Jungle World

GASTBEITRAG VON KAI SCHNIER

Das Studiopublikum lacht, als Georg Pazderskis Satz zu Ende ist. Zu abstrus scheint vielen die Aussage, die der AfD-Spitzenkandidat gerade in der RBB-Elefantenrunde zur Berliner Wahl 2016 getätigt hat. „Perception is reality“, Wahrnehmung ist Realität - das war seine Antwort auf die Frage, ob das Thema Ausländerkriminalität von der AfD nicht unberechtigterweise zur Stimmungsmache missbraucht werde. Eine gute Frage, legen die Kriminalitätsstatistiken des Bundesinnenministeriums doch nahe, dass Ausländer nur unwesentlich mehr Straftaten begehen als die deutsche Bevölkerung.

Aber Pazderski lässt sich von Zahlen nicht einschüchtern. Es gehe eben „nicht nur um die reine Statistik, sondern darum, was der Bürger empfindet“. Wie man im Englischen so schön sage, sei das, was man fühle, eben auch Realität. Ob Ausländer wirklich öfter straffällig werden als Deutsche, ist nach Pazderskis Logik somit unwesentlich. Fühlen die Wählerinnen und Wähler, dass es so ist, dann ist es eben so. Punkt. Im Gegensatz zum Publikum können Pazderskis politische Widersacher in der Runde darüber nicht lachen. Klaus Lederer von der Linkspartei starrt kurz in den luftleeren Raum, nickt konsterniert, als wolle er sich selbst versichern, dass er richtig gehört habe. CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel sieht aus, als wolle er sich per Stoßgebet aus dem Raum wünschen.

Es war ein ganz besonderer Moment, der sich im Fernsehstudio zugetragen hatte, einer, dem man Aufmerksamkeit schenken sollte. Denn Pazderski griff nicht irgendein amerikanisches Sprichwort auf. Er zitierte Lee Atwater, einen berüchtigten republikanischen Wahlkampfmanager, der in den achtziger Jahren für Ronald Reagan und George Bush Senior arbeitete. Atwater galt als besonders skrupellos, war nicht nur dafür bekannt, Schmutzkampagnen gegen politische Gegner anzuzetteln, sondern auch vermeintlich unabhängige Wahlumfragen fälschen zu lassen. Vor allem zeichnete sich Atwater aber durch eines aus: seinen Erfolg. Bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl 1988 war es seiner aggressiven Kampagne zu verdanken, dass Bush Senior einen vorübergehenden Rückstand von 17 Prozentpunkten auf den Demokraten Michael Dukakis in einen Wahlsieg verwandeln konnte.

Atwaters Credo „perception is reality“ gab seiner Überzeugung Ausdruck, dass Fakten im Wahlkampf keine allzu wichtige Rolle spielen sollten. Denn wer es vermochte, den Wählerinnen und Wählern ein bestimmtes Gefühl einzuimpfen, der schuf Atwater zufolge Fakten. Wenn die Menschen an etwas glaubten, war es dann noch wichtig, ob ihr Glaube von den Tatsachen gestützt wurde? So wie Atwater diese Frage damals verneinte, so verneinen sie heute Pazderski und andere Mitglieder der AfD. Sie machen Politik mit Gefühlen. So wurde sein Parteikollege Guido Reil vor kurzem im Polittalk „Hart aber fair“ auch nicht müde zu betonen, dass die etablierten Parteien die Augen vor der Realität verschlössen. Er sehe diese Realität jeden Tag in seiner Heimatstadt Essen: Als Konsequenz der Zuwanderung von Geflüchteten und Migranten nehme die Zahl sexueller Übergriffe zu, Sicherheitsmaßnahmen, etwa auf öffentlichen Veranstaltungen und in Supermärkten, würden deshalb ständig verschärft. Die Gäste Peter Altmaier und Gesine Schwan protestierten und wiesen darauf hin, dass dies doch eine recht dreiste Verquickung völlig verschiedener Themen sei, von Zuwanderung, Terror und Kriminalität. Reil ließ das kalt.

„Was ich auf der Straße sehe, ist Realität, was ich fühle, ist Realität“, schien er sagen zu wollen. Und daran wäre per se auch nichts auszusetzen, wenn dieser Haltung nicht zwangsläufig ein Zusatz folgen würde. Denn wer das eigene Gefühl zur Gewissheit erklärt, der sagt auch: Was andere fühlen, zählt nicht, was die Statistik aussagt, zählt nicht, wenn es sich nicht mit meinen Gefühlen deckt. So schien Reil im Umkehrschluss auch gar nicht in Betracht zu ziehen, dass die Probleme vor seiner Haustür nur ein Ausschnitt der gesamtdeutschen Realität sein könnten, dass sein Essener Alltag nicht sinnbildlich steht für die komplette Bundesrepublik – und vielleicht nicht einmal für Essen selbst. Nachdem verschiedene Essener Supermarktketten im Nachgang der Sendung betont hatten, nur äußerst selten Sicherheitspersonal einzusetzen, ruderte Reil zurück. Er habe auch nur zwei spezielle Filialen gemeint, in denen er Wachleute gesehen habe.

Die Deutungshoheit über die „Realität“ der deutschen Bürgerinnen und Bürger für sich zu beanspruchen, das haben schon viele Parteien vor der AfD getan. Politik hat nicht erst seit gestern auch eine emotionale Dimension, vor allem im Wahlkampf. Doch die AfD ist gerade im Begriff, sich auf drastische Art und Weise von der Faktenlage zu entkoppeln. Wenn die Realität nicht zum Programm passt, dann wird sie eben passend gemacht. In Mecklenburg-Vorpommern schürte die Partei im Wahlkampf die Angst vor „Überfremdung“, obwohl der Ausländeranteil dort bei unter vier Prozent liegt. In absoluten Zahlen halten sich in dem Bundesland sogar deutschlandweit die wenigsten Ausländer auf. Aber es fühlt sich für die Menschen eben nicht so an.

Woran mag das liegen? Wohl nicht zuletzt daran, dass die AfD Wählerinnen und Wählern die Gefühle, auf die sie sich später beruft, perfiderweise überhaupt erst suggeriert. In Wahlwerbespots der Partei brennen Wohnhäuser zu apokalyptischer Musik, Nachrichtensprecher reden von Terror, während die Texteinblendung vor der Zerstörung Deutschlands warnt. Das ist die AfD-Realität und so abwegig sie auch scheinen mag: Diese freie Interpretation der Tatsachen hat gereicht, um die Partei in Mecklenburg-Vorpommern zur zweitstärksten Kraft zu machen.

Ängste schüren, Fakten durch Ahnungen ersetzen und diese Ahnungen zur politischen Handlungsmaxime erheben: Die AfD hat die „Politik nach Gefühl“ in der Bundesrepublik wieder etabliert und ist damit erfolgreich. Auch in den USA, der Heimat Atwaters, zeichnet sich längst ab, was es bedeutet, wenn Fakten zur Gefühlsfrage degradiert werden. Symptomatisch dafür steht ein mittlerweile zum Kult gewordenes Interview des republikanischen Politikers Newt Gingrich mit dem Nachrichtensender CNN. Die Zahl der Gewaltverbrechen in den USA hätte unter Präsident Obama zugenommen, behauptete Gingrich vor laufenden Kameras. Von der CNN-Moderatorin mit offiziellen Statistiken des FBI konfrontiert, die seine Aussage direkt widerlegten, antwortete Gingrich schlicht: „Aber der durchschnittliche Amerikaner fühlt das nicht, das ist auch ein Fakt und genauso wahr wie ihre Statistik.“ Der Journalistin standen Entsetzen und Verzweiflung ins Gesicht geschrieben.

Wenn für Politikerinnen und Politiker das eigene Bauchgefühl genau so glaubwürdig, im Zweifelsfall sogar glaubwürdiger ist als eine statistische Erhebung, dann werden inhaltliche Debatten zwecklos. Vielleicht war es das, was Frank Henkel, Michael Müller und die anderen dachten, als Pazderski im RBB fertig gesprochen hatte. Nach dem jüngsten Wahlerfolg der AfD in Mecklenburg-Vorpommern und den ebenfalls positiven Prognosen für die Landtagswahlen in Berlin und andernorts werden sie nicht die Letzten sein, denen die Frage, wie man einer faktenbefreiten Politik erfolgreich entgegentritt, Kopfzerbrechen bereiten wird.

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