Ivo Bozic:Gender Mainstreaming für Arme
31. März 2008, 00.01 Uhr:

Gender Mainstreaming für Arme

von Ivo Bozic

Vorweg, damit kein Zweifel aufkommt: Ich bin ein Freund basisdemokratischer Mitbestimmung bei lokalpolitischen Themen und es liegt mir fern, Gender Mainstreaming dissen zu wollen. Doch was ich in der letzten Ausgabe unseres Lokalblättchens „FriedrichsHain“ las, hat denn doch ein paar Fragen aufgeworfen. (Alle Zitate aus „FriedrichsHain“ 1/2008, S. 4)

Ausgangslage ist, dass ein kleiner Trampelpfad zwischen zwei Straßen (Scharnweber- und Dossestr.), eine Abkürzung, die sich die Bürger selbst ertrampelt haben, als „öffentliche Wegeverbindung hergerichtet“ werden soll, also als „öffentliche Fläche“. Denn dass die Anwohner einfach so einen Weg mit den Füßen anlegen, ohne dass alles geordnet, asphaltiert und von oben abgesegnet ist, das kann ja wohl nicht sein, zumindest genießt es nicht das Sigel der Öffentlichkeit.

Nun hat man zu diesem Zwecke eine kleine Bürgerversammlung abgehalten, die man „Workshop“ nannte, damit auch ja keine demokratischen Rechte daraus abgeleitet werden können. Alle Betroffenengruppen waren geladen, und außerdem sollte das Projekt „zum ersten Mal in einem Sanierungsgebiet in Friedrichshain“ auch unter den Vorgaben des Gender Mainsteramings erfolgen. Alle Gesichtspunkte sollten Berücksichtigt werden, die von „Männern und Frauen, aber auch Jugendlichen und Senioren“. Über so einen kleinen Gehweg, der zwar schon existiert und seinen Zweck bestens erfüllt, aber noch nicht offiziell legalisiert und gepflastert wurde, besteht natürlich jede Menge Gesprächsbedarf. Und so waren sie denn alle gekommen zu dem „Workshop“: „Vertreter der Verwaltung, Streetworker, Erzieher und Mitglieder des Frauenbeirats“ und ein „Seniorenvertreter“. Behinderte, Migranten und der Pastor fehlten leider.

Nun war Phantasie gefragt. Was kann man aus diesem kleinen „Schleichweg“ Schönes machen und dabei möglichst alle Interessen der Anwohner berücksichtigen? Leider waren die anwesenden Interessenvertreter da sehr unterschiedlicher Ansicht. Mit der Idee, für die armen Senioren, für die es „kaum Angebote im öffentlichen Raum“ gibt, einen „Schachplatz oder Fitnessgeräte“ am Rand des Weges aufzustellen, konnte sich der Seniorenvertreter nicht so richtig anfreunden: „nicht sinnvoll“. Man kann sich gut vorstellen, wie er sich in Gedanken selbst wie abgestellt an so einem Schachtisch sitzen sah oder gar unter den Blicken grinsender Jugendlicher an einer Trimm-Dich-Stange hängen. Einfache „Sitzbänke“ hätte er lieber gesehen, doch die wurden mit dem Einwand bedacht, dort könnten sich „lärmende Jugendliche oder Trinkercliquen“ niederlassen. Ein „Hundeverbot“ wurde gefordert, doch von den Hundebesitzern im „Workshop“ gleich wieder abgelehnt. Dass der Weg von „Fußgängern und Radfahrern gemeinsam genutzt“ werden solle, fand dagegen der Seniorenvertreter nicht gut, wegen der „rücksichtlosen Radler“. Immerhin auf ein „Wandbild“ an einer der tristen Brandwände konnte man sich einigen.

So weit so wenig. Nun sollte der künftige zum Freizeitpark gemauserte Trampelpfad aber auch noch dem Gender Mainstreaming entsprechen, was bedeutet, „geschlechtsspezifische Aspekte“ zu berücksichtigen. Etwa die Tatsache, „dass Frauen besonderen Wert auf kurze Wege und gute Erreichbarkeit von Bus- und U-Bahn-Haltestelle legen“. Männer gehen nämlich gerne ein paar Meter Umweg, muss man wissen. Dass sie überhaupt die Abkürzung auf dem Trampelpfad benutzen, läuft ihrem geschlechtsspezifischen Trieb zu langen Wegen eigentlich total entgegen. Aber wieso wollen speziell Frauen „kurze Wege“? Deshalb: „Sie sind es in der Regel, die den Einkauf erledigen und das Kind von der Kita abholen.“ Und damit das auch bis in alle Ewigkeit so bleibt und die Frauen schnell wieder zuhause in der Küche sind, und damit bloß kein Mann auf die Idee kommt, mal den Einkauf zu übernehmen, soll der neue Weg also frauenfreundlich gestaltet werden. Aber was kann man da machen, bei so einem kleinen Pfad? „Die einzige genderspezifische Forderung“, die den anwesenden Bürgervertretern einfiel, war schließlich eine „ausreichende Beleuchtung“. Das ist natürlich ein großer Erfolg des Gender Mainstreamings. Denn ohne dieses hätte es womöglich nur eine ‚nicht ausreichende Beleuchtung’ gegeben - für Senioren, Männer und lärmende Radlercliquen hätte das ja wohl genügt! (Zum Glück war die Betroffenengruppe ‚Liebespärchen’ nicht eingeladen worden, die womöglich für ein eher schummriges Licht plädiert hätte.) Nun aber können die Damen ihre Einkaufstaschen künftig durchs gleißende Licht schleppen. Wie schön.

Schon bald werden wir den neu gentrifizierten Erlebnisweg bewundern dürfen. Denn die „Anregungen aus dem Workshop bieten die Planungsvorgaben“ für die „teilnehmenden Landschaftsplanungsbüros“, von denen gleich vier (!) mit der Arbeit beauftragt wurden. Da kann man nur frohes Schaffen wünschen.

Kommentare

Die Ergebnisse dieses Workshops verwundern gar nicht, ist doch allein die Idee einer "gemainstreamten Gender-Straße" absurd. Denn wo bitte gibt es queere Pflastersteine?
Das einzig sexistische im Straßen- und Fußgängerverkehr sind wohl die Spaziergänger- oder Bauarbeiterschilder, die quasi Abziehbilder konservativer Rollenbilder sind. Und jene Schilder sind sicher nicht allein das Problem eines Friedrichshainer Trampelpfades.

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