von Jörn Schulz
Der eine bekommt seinen Preis nicht und ist deshalb beleidigt, der andere ist beleidigt und will einen Preis zurückgeben. Das Regal des russischen Premierministers Putin wird keine goldene Quadriga zieren, weil das Kuratorium es sich anders überlegt hat. Henryk M. Broder hingegen will den Journalistenpreis des Deutschen Kulturrats nicht mehr haben, weil dessen Geschäftsführer Olaf Zimmermann eine „unsägliche Stellungnahme“ abgegeben hat, mit der er „sich auf die Seite des Pöbels” gestellt habe, der in Teilen von Kreuzberg mittlerweile das Sagen hat“.
Zimmermann hatte kritisiert, dass das ZDF mit dem Besuch Thilo Sarrazins einen „vorhersehbaren Eklat“ inszeniert habe. Das wirft gleich zwei Fragen auf. Kann Broder einen Preis zurückgeben, den er gar nicht bekommen hat? „Die Fernsehredaktion ‚Politik und Gesellschaft’ des Hessischen Rundfunks wird für ‚Entweder Broder – Die Deutschlandsafari’ ausgezeichnet” - das klingt eindeutig, auch wenn Broder darauf beharrt, er sei persönlich ausgezeichnet worden.
Die zweite Frage ist : Welcher Eklat? Man darf ja annehmen, dass die Youtube-Videos die dramatischsten Szenen zeigen. Doch bei fast jeder Talkshow geht es temperamentvoller zu. Gerade einmal zwei Kreuzberger, ein Passant und ein Markthändler, empören sich wirklich. Einige versuchen sich im Dialog, und ein Sprecher der alevitischen Gemeinde erläutert geduldig, man sage den Drehtermin ab, weil die Mitglieder zu dem Schluss gekommen seien, nicht die Gemeinde, sondern Sarrazin werde im Vordergrund stehen. Da hätten die Aleviten auch früher drauf kommen können, aber im Vergleich zu den unzähligen Berlinern, die allnächtlich von oftmals weit weniger freundlichen Türstehern abgewiesen werden, ist Sarrazin mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt worden.
Überdies wurde Sarrazin in einem Restaurant nicht bedient. Immerhin hat man ihm das vorher gesagt. Ich hingegen habe neulich geschlagene eineinhalb Stunden auf mein Essen warten müssen! Aber die Speichellecker der political correctness haben diesen Eklat verschwiegen! Zur Strafe gebe ich jetzt meinen Nobelpreis für Wirtschaft zurück, den ich verdient, aber nicht bekommen habe. Nebenbei bemerkt bin ich höflich geblieben und habe, anders als Sarrazin in Kreuberg, nicht mit Bemerkungen wie „Benimm dich erstmal ordentlich“ und „Für Sie als Person habe ich doch nur Verachtung“ meine Dialogbereitschaft („Versuche zum sachlichen Diskurs“ nennt es Sarrazin) bekundet.
Sarrazin hat das alles offenbar etwas anders erlebt. „Ein verdienter ehemaliger Berliner Senator (da kein anderer ehemaliger Senator zu sehen war, muss man davon ausgehen, dass er sich selbst meint), der sich nichts hat zuschulden kommen lassen, außer ein Buch mit unwillkommenen Zahlen und deren Analyse zu schreiben, wird aus einem zentralen Berliner Stadtteil, der nach eigenem Selbstverständnis die Speerspitze der Integration in Deutschland darstellt, förmlich herausgemobbt.“
„Wie ein geprügelter Hund vom Multikulti-Kiez verjagt“ wurde Sarrazin allerdings nicht, und der „wachsende Menschenauflauf“, den er vor dem Restaurant ausgemacht haben will, besteht aus drei oder vier Personen, wenn man Kameraleute und Fotografen abrechnet. Obwohl es bei seinem Besuch auf dem Markt an Wurfgeschossen nicht fehlte, wurde er keiner einzigen Tomate für würdig befunden ("Türken-Terror: EHEC-Anschlag auf Ex-Senator” wäre eine schöne Schlagzeile gewesen). Er hätte seinen Spaziergang fortsetzen und sein Bein noch an anderen Ecken heben können. Dass die Kreuzberger auf Sarrazins Anblick so reagieren, als seien sie in einen Hundehaufen getreten, sich also ärgern, je nach Temperament ein wenig schimpfen, sich über ihn aber auch nicht mehr aufregen als über andere Ärgernisse – Radfahrer, Fußgänger, Autofahrer, BVG-Busfahrer, Touristen, Nachbarn, Kinder, Kinderlose, um nur einige wenige zu nennen -, ist die eigentliche Erkenntnis, die uns das ZDF vermittelt.
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