von Jörn Schulz
Erstaunlich wenig war bislang davon die Rede, dass die Mitglieder der NSU aus der Ostzone kommen. Neonazis gibt es ja auch im Westen mehr als genug. Andererseits aber gibt es Jana Hensel, die im Freitag erklärt, warum sie sich im Osten besonders wohlfühlen. Da sind nämlich alle – nein, keine Neonazis, aber „irgendwie rau, irgendwie zynisch, ohne Halt. (…) Die Harmloseren unter uns zogen in die Innenstadt und klauten dort Klamotten oder Fahrräder. Das war natürlich pubertär. Aber es kann bis zu einem Punkt gehen, an dem man alles Maß verliert: Im September 1997 legten die drei damals noch in Jena wohnenden Täter ihre erste Bombe.“ Ja, so kann’s gehen. Da klaut man eine Jacke, und schon - Huch! - hat man eine Rohrbombe in der Hand.
„Es ist eigenartig, dass diese doch einfache Geschichte des Abgleitens jetzt nicht erzählt wird. Dass nicht gefragt wird, unter welchen Bedingungen sich diese Jugendlichen derart radikalisieren konnten, dass ihnen sogar die Bezeichnung ‚Untergrund’ legitim erschien.“ So ein „nationalsozialistisch“ ist ja nicht so dramatisch, aber „Untergrund“ – pfui, wie radikal! Über die Bedingungen verrät Hensel unfreiwillig einiges. Die Bestsellerautorin, die sich als Repräsentantin der verkannten Ossis betrachtet, nimmt zwischen normalen Teenager-Aktivitäten und Serienmord nur ein sanftes Gleiten wahr. Hensel hält „den Rechtsradikalismus für eine Maskierung, für eine Chiffre, die die Jugendlichen benutzen, weil, ja, weil sie ihnen angeboten wurde, sie frei war, zur Provokation taugte“.
Dementsprechend ist ihr Hauptproblem mit der Mordserie, dass die Befindlichkeit der Ossis nicht gebührend gewürdigt wird. „Diese Fragen jedoch würden ins Zentrum einer Debatte über Ostdeutschland weisen, derer wir über die Jahre immer überdrüssiger geworden sind. So oft ist sie schon schiefgegangen: Statt sie offen und selbstkritisch in beiden Teilen des Landes zu führen, fanden gegenseitige Schuldzuweisungen statt, kämpften Ost gegen West und umgekehrt, ging es eher um Ideologien statt um Biografien, lag darin immer so etwas wie Herkunftsrassismus.“ Ja, da taucht der Begriff Rassismus dann doch noch auf. „Und so werde ich das Gefühl nicht los, dass nur wenig mehr als ein schmaler Grat meinen Lebenslauf von denen der drei gewalttätigen Neonazis trennt.“ Da möchte man ihr ausnahmsweise nicht widersprechen.
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