von Jörn Schulz
Soll Wulff nun zurücktreten oder nicht? Man kann sich natürlich zurücklehnen, sich die Posse anschauen und sagen: Möge er das Ansehen Deutschlands weiter schädigen. Möge er, den gebeutelten Griechen und allen anderen Opfern der deutschen Großmachtpolitik zum Amüsement und als kleiner Trost, beweisen, dass der Deutschen Staatsoberhaupt über seine Verhältnisse gelebt hat und dann nicht einmal ein Haus auf Kredit kaufen kann, ohne eine Staatskrise zu verursachen. Aber wie andere mit ihren Schulden umzugehen und ihren Haushalt zu führen haben, das wissen die Deutschen.
Dennoch gibt es zwei Gründe, die einen Rücktritt zwingend notwendig machen. Bekanntlich wollen die Deutschen von niemandem regiert werden, von dem sie glauben, er sei schlauer als sie. Denn so einer würde einen doch nur übers Ohr hauen. Aber muss wirklich jemand Bundespräsident sein, der sich bei der Vertuschung seiner Missetaten dusseliger anstellt als ein Sechsjähriger? Anderswo, etwa in Frankreich, hat sich die Bevölkerung, die nur Intellektuelle oder zumindest halbwegs intelligente Menschen mit einem gewissen Glamour an der Staatsspitze duldet, das Recht erkämpft, mit Stil und Niveau belogen zu werden. Das ist in Deutschland nicht drin, aber der Bundespräsident sollte in dieser Hinsicht wenigstens das Talent eines durchschnittlichen Gebrauchtwagenhändlers zeigen. Der Unterhaltungswert der Politik darf nicht noch weiter sinken, wenigstens das Skandalniveau von Bill „Ich hatte nie Sex mit dieser Frau“ Clinton sollte erreicht werden. Darauf müssen gerade wir Journalisten bestehen, die wir uns das alles ja schon aus beruflichen Gründen anschauen müssen.
Und ein Bundespräsident sollte nicht so naiv sein zu glauben, temporäre Liebdienerei der Revolverpresse habe etwas mit Freundschaft zu tun. Man kann versuchen, Kai Dieckmann als Freund zu gewinnen, ebenso wie man versuchen kann, zu einem Krokodil ins Becken zu steigen und es vom Segen des Vegetarismus zu überzeugen. Das Ergebnis wird das gleiche sein. Das Ergebnis der Naivität Wulffs ist nun, dass Bild kurz davor steht, als ernstzunehmende Zeitung zu gelten. Bislang waren Bundespräsidenten allenfalls ein Ärgernis, Wulff ist der erste, der einen echten Schaden angerichtet hat.
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