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Jörn Schulz:Das Schmetterlingssyndrom
19. Dezember 2012, 18.51 Uhr:

Das Schmetterlingssyndrom

von Jörn Schulz

Es gibt noch eine andere Art, den Massenmord von Newtown zu deuten: die Feministinnen haben schuld. „Die Tatorte sind allesamt Schulen, die Täter allesamt junge Männer. (…) Schule ist für viele Jungen in den letzten Jahren zu einem Horrortrip geworden. Sie fühlen sich dort unwohl, nicht ernst genommen, schlecht behandelt und schlechter benotet als Mädchen“, schreibt Walter Hollstein im Tagesspiegel.

Nicht etwa, dass schon Grundschüler in einen Konkurrenzkampf gehetzt werden, ist das Problem. Nein, sie müssen „im Fach Deutsch Bienengeschichten lesen, im Kunstunterricht Schmetterlinge malen und beim Sport Schleiertänze aufführen. (…) Jungen wachsen heute in einem engen Frauenkäfig von Müttern, Omas, Tanten, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen auf. (…) Sie werden mit weiblichen Werten, Erziehungszielen, Verhaltensmustern, Erwartungen und Anpassungsforderungen zugeschüttet; aber sie sind angehende Männer, möchten und müssen wissen, was denn nun eigentlich ein Mann konkret ist, was Männlichkeit bedeutet und wie sie gelebt werden kann.“

Man sollte an dieser Stelle erwarten, dass Hollstein wenigstens sagt, was seiner Meinung nach Männlichkeit bedeutet und wie sie gelebt werden kann. Aber wie im Rechtspopulismus üblich, gefällt man sich in der imaginierten Opferrolle und jammert, was das Zeug hält. Und ignoriert natürlich, dass auch Frauen mit widerprüchlichen Rollenerwartungen (Powerfrau und liebende Mutter) konfrontiert sind. Und dass die Verbreitung „weiblicher Werte“ – das Zurückdrängen „männlicher“ Kampfhahn-Rituale – die Gewalt an den Schulen erheblich reduziert hat.

Vielmehr wird der Massenmord als natürliche Folge des feministischen Gesinnungsterrors dargestellt. „Ein in sich brüchiges oder gar zerbrochenes Männerbild – auch noch willentlich herbeigeführt – ist gleichbedeutend mit Zukunftslosigkeit und provoziert dann erst jene männlichen Exzesse, die man angeblich abschaffen will.“ Ja, „angeblich abschaffen will“, in Wahrheit wünscht sich die feministische Verschwörung Massenmorde, um noch mehr Jungs zum Schmetterlingsmalen zwingen zu können.

Was das alles mit Adam Lanza zu tun hat, der von seiner Mutter schon als Kind auf den Schießplatz mitgenommen wurde, wird nicht erläutert. Lanzas Problem scheint vielmehr gewesen zu sein, dass er trotz seines Interesses für Technologie dem klassischen Männlichkeitsbild nicht entsprach. Ob das etwas mit seiner Tat zu tun hat, ist nicht klar. Er hat weder Bekenntnisse noch einen Abschiedsbrief hinterlassen und offenbar sogar Daten vernichtet, die über sein Motiv Aufschluss geben könnten. Die Tat selbst deutet darauf hin, dass er die kleinstädtische community durch die Tötung ihrer Kinder bestrafen wollte, warum und wofür, wird man vielleicht nie erfahren.

Viele Serien- und Massenmörder sind Rechtsextremisten, die zu eigenbrötlerisch sind, um sich einer Gruppe anzuschließen. Auch Sexualneurosen (Hass auf Frauen oder aus der Sicht des Täters unakzeptable Bedürfnisse, die ihn zu einer Bestrafung derer veranlassen, die sie ausleben) spielen häufig eine Rolle. Cho Seung-Hui, der an der Virginia Tech 32 Menschen erschoss, hinterließ eine Predigt gegen „Ausschweifung“ und „Hedonismus“.

Ein häufig wiederkehrendes Motiv ist, dass der Täter nicht als Versager gelten will. Robert Steinhäuser tötete in einer Schule in Erfurt 17 Menschen und sich selbst kurz vor der Abiturprüfung, nach der seine Eltern erfahren hätten, dass er gar nicht mehr zur Schule ging. Hollstein zitiert aus dem Abschiedbrief des „Amokläufers von Emsdetten“: „Das Einzigste, was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe, war, dass ich ein Verlierer bin.“ Den polizeilichen Ermittlungen zufolge war er jedoch nicht traumatisiert durch das Malen von Schmetterlingen, sondern Mobbing-Opfer.

Es gibt im Übrigen auch gar nicht so wenige Serien- und Massenmörderinnen, und es handelt weder um ein neues (seit Ende des 19. Jahrhunderts sind Fälle dokumentiert) noch um ein ausschließlich westliches oder kapitalistisches (der sowjetische „Rostov Ripper“ Andrei Chikatilo tötete mindestens 52 Menschen) Phänomen. Nicht in allen Fällen gibt es eine rational nachvollziehbare Erklärung. Abgesehen von einer möglichst weitgehenden Entwaffnung – dem Täter von Emsdetten standen nur zwei Steinschloss-Waffen und ein Kleinkalibergewehr zur Verfügung, mit Adam Lanzas Bewaffnung hätte der Dutzende Menschen töten können – gibt es daher auch keine einfachen Lösungen.

In manchen Fällen ist die Lösung banal. Steinhäuser hätte wahrscheinlich nicht gemordet, wenn er nicht gänzlich ohne Schulabschluss dagestanden hätte (das thüringische Schulgesetz wurde mittlerweile geändert) oder ihm eine weitere Abiturprüfung ermöglicht worden wäre. Oder wenn das „Versagen“ vor den Anforderungen des Marktes nicht so wichtig genommen würde. Ob der härtere Konkurrenzkampf „Amokläufe“ (tatsächlich handelt es fast immer um langfristig geplante Taten) begünstigt, ist nicht nachweisbar, doch ist die Vermutung naheliegend.

Schmetterlinge helfen da nicht weiter, denn Kinder und Jugendliche sind nicht so blöd zu glauben, das ihnen in der Schule nahegelegte Sozialverhalten sei in Karriere und Berufsleben hilfreich. Das beste Mittel gegen Mobbing ist ohnehin nicht pädagogische – also zwangsläufig autoritäre – Intervention, sondern die Ablehnung eines solchen Verhaltens durch die Kinder und Jugendlichen selbst. Deren Ansichten geben meist den gesellschaftlichen mainstream wieder, so dass es kein Wunder ist, wenn es derzeit an Solidarität häufig mangelt.

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