von Jörn Schulz
„Es gibt keine Pause im Kampf gegen antisoziales Benehmen. Wir wissen, dass ein frühes Eingreifen gegen Unruhestifter wirksam ist, aber ich will härtere Maßnahmen gegen Gewohnheitstäter.“ Eine Rede des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad zur Motivierung der Revolutionswächter? Nein, die britische Innenministerin Jacqui Smith kündigte neue Schritte im „war on youth“ an. Die Wiedereinführung der Prügelstrafe ist vorerst nicht vorgesehen, vielmehr soll die von der Polizei in Essex erprobte Methode „frame and shame“ auf das ganze Land ausgeweitet werden. „Sie filmen, an ihre Türen klopfen, ihnen auf die Grundstücke folgen, sie immer wieder durchsuchen“, fasst ein Sprecher der Polizei von Essex die Taktik zusammen.
Es geht nicht um nachweisbare Straftaten, die ja juristisch verfolgt würden, reagiert wird auf die Denunziation „antisozialen Verhaltens“. Dazu zählt, wie das Innenministerium erläutert, unter anderem „noise nuisance“, „joy riding“ sowie der Konsum von Alkohol oder Zigaretten bei Minderjährigen. Angesichts dieser Zustände ist es kein Wunder, dass das Komasaufen (binge drinking) unter britischen Jugendlichen beliebter wird. Erstaunlich ist, dass es immer noch Jugendliche gibt, die das Leben in Großbritannien nüchtern ertragen können. Manche müssen es auch, wenigstens für kurze Zeit, denn im April konfiszierte die britische Polizei 25.000 Liter Alkohol bei 5000 Jugendlichen.
Dass solche Maßnahmen den Anpassungsdruck verstärken und Jugendliche zu stromlinienförmigen Leistungsträgern machen sollen, ist offensichtlich. Doch scheint es da auch eine verborgene psychologische Dimension zu geben. Denn recht viele britische Politiker, unter ihnen Smith, mussten ihr eigenes „antisoziales Verhalten“ in der Jugend eingestehen: Sie haben gekifft, erstaunlicherweise fast alle angeblich nur ein oder zwei Mal, manche können sich wohl glücklich schätzen, dass es damals keine Kameraüberwachung gab. Einerseits hassen sie nun ihre rebellische Jugend, andererseits hassen sie sich selbst, weil sie die Rebellion aufgegeben haben. Allein die Vorstellung, dass irgendwo in Großbritannien ein Jugendlicher eine Dose Bier aufreißt, einen Joint raucht oder „Keep Britain Untidy“ an die Wand sprüht, ist für sie eine unerträgliche Erinnerung an ihren inneren Konflikt. Smith drückt es so aus: „Ich hoffe, dass die Erfahrungen in meinem Leben mir geholfen haben, zu verstehen, dass ich die Kriminalität bekämpfen will.“
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