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Jörn Schulz:Neokoloniale Mentalität
17. Januar 2013, 18.52 Uhr:

Neokoloniale Mentalität

von Jörn Schulz

“When the air strikes (in Gao) ended on Sunday, people spontaneously went out into the streets to celebrate. Lots of them were on the edges of the roads, discussing, laughing and mocking the Islamists who were packing up to leave.” “In Bamako, the public’s reaction thus far has been overwhelmingly positive (…) On state TV Sunday, one Bamako resident described Serval as France’s repayment of the sacrifices made by African colonial troops during the Second World War. Malians online express heartfelt gratitude to Hollande (still well liked in Mali’s capital for having ousted Nicolas Sarkozy, probably the least popular head of state among Bamakois in recent memory).” “Here on the ground, French flags are flying in small provincial towns – something I have never seen before. In the capital, people are organising a collection for the French helicopter pilot who was killed in action.” In französischsprachigen Medien finden sich ähnliche Berichte. Offenbar begrüßt die Mehrheit derjenigen, die es vornehmlich angeht, die französische Intervention.

In der Friedensbewegung und vielen linken Gruppen wird das nicht einmal zur Kenntnis genommen. Stattdessen findet einmal mehr jenes Schema Anwendung, das als erstes die Suche nach Rohstoffquellen vorsieht. Wie immer sind die Prospektoren erfolgreich: „Der Norden Malis birgt weitere Uranvorkommen, ist aber auch reich an Bodenschätzen wie Öl, Gold und Phosphat“, stellt Heike Hänsel von der Linkspartei fest. Das wird man im malischen Bergbauministerium gerne hören, denn zuvor hatte niemand diese Rohstoffe gefunden. Hänsel sollte nun so nett sein, den Maliern als Geste der internationalen Solidarität ihre Fundstätten zu zeigen. Denn bislang war der Kenntnisstand: “Where oil and gas are concerned, talk of Mali’s ‘oil wealth’ is premature: while Mali has potential reserves, it has zero proven reserves (…) Despite rumors of uranium in northern Mali, no evidence has been made public.” Gold wurde bislang nur im Süden gefunden. Phosphat gibt es tatsächlich in Nordmali, es galt lange als nicht abbauwürdig, da die Kosten als zu hoch eingeschätzt wurden, doch gibt es nun ein Projekt von Great Quest Metals Ltd., einer kanadischen Firma, die mit einem Aktienkapital von weniger als 50 Millionen Dollar allerdings nicht einmal einen Rafale-Kampfflieger, geschweige denn eine Militärintervention kaufen könnte.

Zum Glück wird man im Nachbarland fündig: „Es geht also nicht primär um Mali, sondern vor allem um das benachbarte Niger, den drittgrößten Uranproduzenten der Welt, der de facto beherrscht wird vom weltgrößten Atomanlagenbauer und Nuklearkonzern Areva, einer französischen Firma“, glaubt man bei der der AG Friedensforschung und dem Bundesausschuss Friedensratschlag. Es wäre allerdings einfacher und weitaus billiger, die um Arlit konzentrierten Minen militärisch zu sichern, wenn sie tatsächlich bedroht würden. Auch bleibt unklar, was die Jihadisten mit den Minen, deren Uranerz sie gar nicht vermarkten könnten, eigentlich anfangen sollen.

Der zweite abzuarbeitende Punkt ist immer der Verstoß gegen das Völkerrecht. Das ist diesmal nicht so einfach, denn ein UN-Mandat liegt ebenso vor wie ein Hilfsersuchen des Präsidenten. Allerdings: „Ausdrücklich wird in Ziffer 11 dieser Resolution betont, ‚dass die militärische Planung vor dem Beginn der offensiven Operation weiter präzisiert werden’ müsse. Das ist bisher nicht geschehen.“ Es ist nicht ganz klar, woher die Friedensbewegung weiß, dass seit Oktober 2012 keine Präzisierung der Einsatzplanung stattfand. Hier liegen offenbar Geheiminformationen vor, die jedoch denen von Sevim Dagdalen (Die Linke) widersprechen: „An einen spontanen Rettungseinsatz durch das französische Militär kann man nicht glauben (…) Tatsächlich muß ein Einsatz wie der in Mali langfristig geplant sein, allein, was die Aufklärung von Zielen im Norden des Landes angeht.“ Man wird sich zwischen diesen beiden Versionen irgendwann entscheiden müssen. Nun, vielleicht auch nicht. Das erste Opfer des Krieges ist bekanntlich die Logik.

Beeindruckend ist immer wieder die Naivität, mit der behauptet wird, alle Probleme ließen sich lösen, wenn die Menschen nur mehr miteinander reden. Als Alternative zum Militäreinsatz gelten „ernsthafte Versuche, die verfeindeten Parteien zu Gesprächen zu bewegen“. Tasächlich wurde monatelang verhandelt, bis Ansar Dine Anfang Januar die Gespräche abbrach, den Waffenstillstand offiziell kündigte und wenige Tage später eine Offensive begann. Doch „Sache der Malier ist es, in einem Dialogprozess nach politischen Lösungen der Staats- und Gesellschaftskrise zu suchen“. Die einzig bedeutende Oppositionsgruppe, die eine ausländische Militärintervention ablehnt, ist das linksnationalistische Bündnis MP22, das den Putsch unterstützte. Doch auch diese Gruppe will den Norden befreien, allerdings soll die malische Armee dies allein schaffen.

Mit anderen Worten: Eine große Mehrheit in Mali ist der Ansicht, dass es allerhöchste Zeit ist, den Jihadisten in den Arsch zu treten. Wer diese Ansicht nicht teilt, sollte mehr zu bieten haben als Versöhnungsgeschwätz, das von der Realität längst überholt wurde. Und wer die Malier einer Auseinandersetzung mit ihren Ansichten nicht für würdig befindet, offenbart eine neokoloniale Mentalität.

Kommentare

Der gehässige und saloppe Ton, der hier angeschlagen wird, offenbart, dass es nicht die vorderste Absicht dieses Beitrags ist, über Hintergründe der blutigen Auseinandersetzungen in Mali zu informieren. Der Kampf gegen die Islamisten mag nötig und richtig sein; das Durchlöchern von Körpern mit Kugeln und das Zerschmettern und Verbrennen des Feindes per Raketenbeschuss mit "in den Arsch treten" zu bezeichnen ist aber geschmacklos und lässt auf eine notorisch kriegsgeile Gesinnung des mutmaßlich vergleichsweise sozial behüteten Urhebers obiger Zeilen schließen. Auch erschließt sich einem die Notwendigkeit einer derartigen Abrechnung mit sich "Friedensbewegung" nennden Kleinstgruppen aktuell nicht wirklich; weder gibt es eine deutschtümelnde Massen"friedens"bewegung wie zu Zeiten des dritten Golfkrieges, noch wird derart intensiv über Mali innerhalb der Linken debatiert wie etwa bei der Intervention in den libyischen Bürgerkrieg. So wäre es interessant gewesen, die verlinkten Quellen weiter zu verfolgen und so den LeserInnen tiefergehende Informationen über die geopolitische Lage Malis zu vermitteln. Doch letztendlich ist ein Gewinn an Einblick in die dortigen Verhältnisse ebensowenig Jörn Schulzes Ziel wie bei den von ihm lächerlich gemachten Friedensgruppen (was übrigens eine äußerst einfache Übung ist). Hier geht es doch eher um Abgrenzung, damit die Nachfrage einiger Jungle-World KundInnen nach Aufwertung des eigenen Status befriedigt wird.

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