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Diedrich Diederichsen:David La Flamme
3. Juni 2008, 17.32 Uhr:

David La Flamme

von Diedrich Diederichsen

Da heute schon wieder ein heißer Sommertag ist, fiel mir die Umfrage ein, die Heike Runge neulich rumgeschickt hat und nach Sommerpräferenzen fragte. Ich hatte wieder mal vergessen zu antworten. Grund: mir fiel zu allen Fragen nichts ein, zu einer Frage, aber alles. Jedenfalls zuviel; nämlich zur Frage nach dem Lieblingssong zum Sommer. Nach einer Weile inneren Auflistens wurde mir klar, dass die so entstandene Liste fast identisch war mit der Trackliste einer von meinem Bruder um 1971 aufgenommenen MusiCassette (Agfa C90), die wir während eines heißen Sommers in Spanien gehört hatten. Darunter “Codine” von Buffy Sainte Marie in der Fassung von Quicksilver Messenger Service, der Höhepunkt weinerlich drogenanklagender Drogenverherrlichung, eine köstliche Überdosis selbstmitleidiger Männersentimentalität, “Can’t Be So Bad” von den gleichwohl schwächeren, weil nüchterneren Moby Grape, irgendwas von Bloodwyn Pig, “Good Morning, Little Schoolgirl” in der Fassung von Grateful Dead, und eben auch, durchaus zwei Stücke von It’s A Beautiful Day, nämlich das flotte “Soapstone Mountain", wo einer sich an seine Kindheit in einer One-room-cabin erinnert: “One room full of love, and that was all” - das ist das Allerschönste, sich an seine Kindheit erinnern, die man damit verbrachte, anderer Leute Kindheitserinnerungen zuzuhören - und “Hot Summer Day", der größenwahnsinnigste und unschlagbarste Kitsch des Jahrhunderts. Am Anfang wird durch die Geige und eine zischende Orgel programmmusikalisch die flirrende Hitze des Sommertages erzeugt und im Mittelteil pompert die Macho-Stimme des geigenden Sängers David La Flamme über die Kämme der Sierra Nevada hinweg, so dass man sie bis Colorado hören kann: “Love, LOVE - where did you go?”

Jeder Dreck kann also mein Lieblingslied sein. Pop-Songs sind also tatsächlich nichts anderes als Löschblätter der Seele. Sie haben keinen eigenen Sinn, man muss sie nur zur rechten Zeit am rechten Ort hören und sie speichern ein Gefühl. Als Adorno in seinem Grammophon-Aufsatz schrieb, dass Hörer aufgezeichneter Musik, Musik nur noch so hören, wie man sich Fotos in einem Fotoalbum ansieht, hatte er mal wieder recht. So dachte ich und vergaß die Umfrage. Wechselte zwischendurch zwischen den heißen Hauptstädten und fragte mich: Warum sich mit der Struktur des Löschblattes beschäftigen, wenn es doch nur ein beliebiges Gefäß ist? Bin ich Medienwissenschaftler? Scheißt Bob Dylan in den Wald?

Je nun. David La Flamme war einer dieser vielen französischnamigen, entweder kanadisch- oder Bayou-stämmigen Wundermachos, die der Pop-Musik und der Hell’s-Angel-Bewegung viel gegeben haben. Vor It’s A Beautiful Day hatte er eine Improv-Band mit seinem in dieser Hinsicht Vetter Bobby Beausoleil, der den ersten Manson-Mord beging (auch wenn er zu der Truppe nur am Rande gehörte), später aus dem Knast, wo er noch heute sitzt, die Musik zur überaus dubiosen Extersteine-Passage von Kenneth Angers “Lucifer Rising” schrieb, ein ebenfalls grandios überschlocktes Krautrockzeugs ohne Kraut, und heute bombastische New-Age-Rock-Symphonien komponiert und aus dem Knast als teure Picturediscs verkauft. Die schlimmste vorstellbare Musik, aber ich habe sie komplett. La Flammes Verbrechen bestand dagegen darin, mit der Bandkasse von It’s A Beautiful Day abzuhauen.

Meine Kinderempfindung der Sommerhitze und das, was sich da wirr an Hippie-Macho-Spinnzeugs in die heiße Sommertags-Phantasie ergoß, war vielleicht doch nicht so beliebig verbunden. Diese unterentwickelten, vieles ahnenden, nicht wissenden und mit überschüssigen Kräften rumsauenden Gewaltsentimentalos standen meiner Halbwüchsigkeit wahrscheinlich wirklich nahe. Nur mit künstlerischer Qualität des Löschpapiers haben solche Erinnerungsflashs nichts zu tun. Oder eben doch? Die Pop-Musik mit ihrem gnadenlosen Wahrheitsindex: Du bist, was Du hörst. Das ist ihre Qualität.

Der entscheidende Sommersong wäre dann, hätte ich ausgefüllt, “Summer’s Almost Gone” von den Doors geworden, etwas später kennen gelernt, im verkifften Sommer 1973. Man hörte das an der Außenalster, der eine ältere Typ, den alle Scholz oder Kröger oder so nannten, hatte einen Armybeutel mit dem Dope und das Schöne war, dass einem erzählt wurde, dass erst aus der Perspektive des Vorüberseins der Sommer schön gewesen sein wird, wir uns das aber noch mitten in der Hitze der Sommerferien anhörten, also die sentimentale Erinnerung an das genießen konnten, was doch noch Gegenwart war. Und die Gegenwart als Dreingabe.

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