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Diedrich Diederichsen:Au contraire
16. Juni 2008, 16.22 Uhr:

Au contraire

von Diedrich Diederichsen

Dass das Gegenteil von Scheiße auch Scheiße ist, ist aus der politischen Wissenschaft bekannt. Das Gegenteil von Kapitalismus wurde National-Sozialismus, das Gegenteil von Hitler wurde Stalin, das Gegenteil von instrumenteller Vernunft wurde Esoterik, die Feinde unserer Feinde sind auch unsere Feinde. Und so weiter. Das Gegenteil dieses falschen Gegenteils ist aber auch ein falsches Gegenteil: der Opportunismus, der Mittelweg, der Tod. Liebhaber der sanften Weinhänge zwischen Stamersdorf und Strebersdorf werden daher mit der Duchwanderungs des Stadtwanderwegs 5 (Wien) auf ihre Kosten kommen. Danach schmeckt eine kräftige Jause beim Hurrikan!

Kommentare

Alexander Herzen, nicht zu vergessen.

Völlig d'accord. Ob er selbst an Politik interessiert war? - Nicht ernsthaft, in einem Interview behauptet er, wenn ich mich recht entsinne, die Wiener Gruppe habe sich zeitweise Trotzki nahe gesehen. Wohl auch Sade, Babeuf, Cloots, Stirner.

Diedrich Diederichsen sagt dazu (21.06.2008@18:06):
Nein, das stimmt, daran hat er nicht nur nicht geglaubt, er hat einen großen Teil seiner Arbeit der Kritik eines solchen Individualismus gewidmet. Dennoch verhält es sich mit dieser Kritik ein bisschen wie mit der Opferung der Sehnsucht. Wieners Texte sagen doch verzweifelt deutlich, wie einzig und wie allein er ist und sein will, wie uneinholbar. Dann gönnt er sich, von angemessener Höhe aus, Einsichten in das Maschinelle und Mechanische noch der feinsten, an sich selbst beobachteten Regung. Die bei Wiener immer wieder behauptete Brisanz dieser Einsichten beruht aber darauf, dass er sich so schön enttäuschen kann; dass er so viel investiert haben muss, in seine Einzigartigkeit, um sich und sein Publikum damit fertig machen zu können, dass selbst die Einzigartigsten aus Turing-Maschinen zusammengesetzt seien. Um Missverständnisse zu vermeiden: ich mag das alles sehr gerne und bin froh, dass Wiener hier auftauchen konnte. Aber war er an Politik denn je interessiert?

Ob er an die „unrelativierbare Individualität“ jemals geglaubt hat? Gar an ihre Rettung? Er schrieb einige Jahre später: „Die Verteidigung unserer Sehnsucht wird verlangen, dass wir ihr unsere Sehnsucht zum Opfer bringen.“ Das hat mich an dem angesprochenen Problem interessiert: Jede Politik verlangt Exposition und Entscheidung. Entweder für den Kapitalismus oder gegen ihn, entweder für Hitler oder für Stalin (so hat es jedenfalls Merleau-Ponty zugespitzt), usw. Andere, interessantere Positionen werden bald unkenntlich. Nur der Stirnersche Opportunist entzieht sich der Exposition und der Entscheidung, aber er handelt unpolitisch – und sogar gegen seine Interessen. Das hat Wiener durchaus gesehen.

Diedrich Diederichsen sagt dazu (19.06.2008@18:46):
Ja, der O.Wiener war ja auch - zumindest damals - eine wandelnde absolute Negation, der ständig all den Ärger eines nicht taktische Agierenden auf sich zog und deswegen sich so große Dinge von einem taktischen Opportunismus versprach. Fragt sich aber, auf was diese Taktik hinauswill. Wohl doch auch wieder auf den großen Triumph unrelativierbarer Individualität, vor deren moralischen Horizont es ja auch fast keinen Unterschied macht, ob man aus individualanarchistischer Machtfülle, ein bisschen kollaboriert, oder ob man seinen Opportunismus beherrscht und zu seiner anarchistischen Eigentlichkeit auf Distanz hält.

Ein Österreicher schrieb: „ich halte selber einen sorgfältigen opportunismus für eine äusserst wirksame verteidigung. ich und meinesgleichen sind bislang prächtig gefahren damit, wir haben uns ganz schön herausgemausert! unangenehm daran ist aber zweierlei: dass diese haltung, defensiv wie sie ist, im grunde den angedeuteten prozess der versteinerung fördert, wie sie ja auch, weil sie auch zurückschlägt, den sie adoptierenden in gefahr bringt, zu kollaborieren; und zweitens, dass sie einmal langweilig wird: kein feuerwerk, kein spass, keine sensation, nur die einsame freude, der realisierung eines kalküls fähig zu sein.“ (Oswald Wiener, die verbesserung von mitteleuropa, roman, 1969, S. CXLVI)

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