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Diedrich Diederichsen:Marcel Duchamp
21. Juni 2008, 18.33 Uhr:

Marcel Duchamp

von Diedrich Diederichsen

Wenn jemand diesen Sommer nur ein Buch lesen wollte, sollte es dieses sein: “Beyond the Dream Syndicate - Tony Conrad and the Arts after Cage” von Branden W. Joseph, erschienen bei Zone Books. So wie sich die 50er und 60er Jahre mit Marcel Duchamp eine Figur erschaffen haben, die alles, was damals anstand, schon Jahrzehnte vorher gedacht und gemacht haben soll, und sich so über die verbürgte historische Realität eines Ahnen Sicherheit bei prekären Gegenwartsaufgaben verschafften, so machen wir es heute mit Tony Conrad. Der war in der Tat bei all den Momenten und Projekten der 60er bis 90er Jahre dabei, die uns heute noch interessieren: Drone-Musik, Queer Underground, Concept Art, Duration Pieces und Psychedelia, Infragestellung des Kino-Dispositivs, Krieg und Spiel, Velvet Underground und vieles mehr, persönlich befreundet mit Jack Smith, John Cale, Mike Kelley, Uwe Nettelbeck, Henry Flynt und vielen mehr. Josephs Buch versucht Conrad aber nicht zur geheimen Quelle zu verklären, sondern schildert ihn eher als einen, der der Hitze folgt und dann mit mathematischem Gleichmut tut und vertritt, was zu tun ist. Kein mysteriöser Urheber, aber auch nicht nur ein Zelig: Gerade die spezifische produktive Qualität des Verhältnis, das Conrad zu Situationen entwickeln konnte, macht ihn aus. Joseph versucht die Deleuze’sche “kleine Literatur” auf ihn als Produktionskatgeorie anzuwenden. Vielleicht ist es auch noch etwas Anderes. Eine Mischung aus Szene- und Hipster-Wissen ("Wo ist was los?") mit sehr klaren künstlerischen Kategorien, die immer die soziale Besonderheit der jeweiligen Szenen respektierte und ihnen nicht als um Credit in the straight world mitbietender Autor auf die Nerven fiel. So jemand wie die andere Seite des lyrischen Ichs aus “Losing my Edge” von LCD Soundsystem: also einer, der immer bei den richtigen Sachen dabei war, aber eben nicht, um später den jungen Leuten davon zu erzählen, sondern um sich die Nachricht von der Gelungenheit des eigenen Lebens hinterher von den jungen Leuten überbringen zu lassen - um hier mal die minor literature zum major Hipster-Märchen zuzuspitzen.

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