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Thomas von der Osten-Sacken:Antisemitismus bleibt zweitrangig
21. Juli 2014, 15.59 Uhr:

Antisemitismus bleibt zweitrangig

von Thomas von der Osten-Sacken

Gastbeitrag von Jan-Niklas Kniewel

„Über 4.000 Demonstranten verhinderten am Freitag den größten regelmäßig stattfindenden antisemitischen Aufmarsch Deutschlands mit einer erfolgreichen Blockade. Die 800 bis 1.000 Teilnehmer des Aufmarschs konnten nur wenige Meter laufen, bis die Veranstaltung aufgelöst und die Israelfeinde von der Polizei in die Bahn eskortiert wurden. 29 Gruppierungen, darunter Grüne, Linkspartei, die zugehörigen Jugendverbände, Jusos, Piraten, Verdi, ein gutes halbes Dutzend Antifa-Gruppen und Bürgerinitiativen hatten zu den Protesten aufgerufen.“

So oder so ähnlich müssten Berichte über den al Quds-Tag in Berlin klingen, wenn das Bekenntnis so vieler mehr oder weniger linker Gruppen gegen Antisemitismus (der, wenn heutzutage die Unzumutbarkeiten des deutschen Alltags kritisiert werden zumindest pflichtschuldige irgendwo seine Erwähnung zwischen Rassismus, Sexismus, Trans- und Homophobie findet) ernst gemeint wäre.

Abgesehen davon, dass Antisemitismus allerdings eben nicht nur eine Unzumutbarkeit unter vielen ist, muss man konstatieren, dass ein breiter und großer Protest auch in diesem Jahr unwahrscheinlich ist. Die zuvor beschriebenen Gegenproteste fanden zwar statt, aber nicht anlässlich des al Quds-Tags, sondern als in Berlin am 26. April ein erbärmlicher Haufen von 100 NPD-Mitgliedern marschieren wollte.

Viele die sonst kaum einen – noch so jämmerlich winzigen – Naziaufmarsch auslassen und noch ins letzte sächsische oder brandenburgische Kaff fahren, um sich dem menschenverachtenden Treiben entgegenzustellen, werden wohl auch diesen Freitag wieder zu Hause bleiben.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist richtig und wichtig, Neonazis wo es nur geht entgegenzutreten, doch wie kommt dieses Missverhältnis zustande?

Alljährlich wird auf der 1979 von Ayatollah Khomeini ins Leben gerufenen Demonstration in zahlreichen Städten weltweit für die Vernichtung des jüdischen Staates demonstriert. In Teheran fährt man Raketenträger durch die Straßen Spazieren auf denen „Tod Israel“ steht, hierzulande verlegt man sich mangels Raketen darauf in den Redebeiträgen keinen antisemitischen Stereotyp auszulassen, das iranische und syrische Regime sowie die Hisbollah zu feiern, ihre zahllosen Opfer zu verhöhnen und natürlich das „zionistische Gebilde“ zu verteufeln.

Ein Pflichttermin für jeden Antifaschisten, der nicht gezwungen ist zu dieser Zeit der Lohnknechtschaft nachzugehen, möchte man meinen, doch dem ist nicht so. Im vorigen Jahr fanden sich – trotz bundesweiter Mobilisierung – nicht einmal 250 Gegendemonstranten ein. Das  Antifaschistische Bündnis gegen den al Quds-Tag wird von keiner Partei, keiner Gewerkschaft und (außer von Organisationen, deren Arbeitsschwerpunkt beim Antisemitismus liegt, wie der Deutsch-Israelischen Gesellschaft) nur von sehr kleinen in der Öffentlichkeit kaum sichtbaren und kapitalschwachen UnterstützerInnen gebildet – einmal abgesehen von der Grünen Jugend München und ihrem Bundesverband.
An mehr als den Versuch einer kurzfristigen Blockade war nie und ist nicht zu denken.

Die Grüne Jugend Berlin gehört in diesem Jahr nicht zu den UnterstützerInnen des Bündnisses, weil Gegner einer Teilnahme mit Verweis auf den LAK Shalom der Linksjugend sowie Stop The Bomb von einer „rassistischen Unterwanderung“ sprachen. Notwendige und differenzierte Kritik am Islamismus und dem mit ihm eng verbandelten islamisierten Antisemitismus als „rassistisch“ zu verstehen, spricht für falsch verstandene Political Correctness, die so sicher ein Problem von Teilen der linken Szene ist. Die Tatsache, dass derzeit auf den zahlreichen Demonstrationen gegen den jüdischen Staat, auf denen Sprechchöre wie „Hamas, Hamas – Juden ins Gas!“ oder „Kindermörder Israel“ angestimmt werden, der Holocaust relativiert und Dschihad- sowie Hamas-Fahnen entrollt werden auch immer wieder Linke mitlaufen, ist ein Indiz dafür, dass manch Linker mit den am al Quds-Tag artikulierten Forderungen auch einfach kein Problem hat. Doch das sind – auch das muss man sagen – keine Massen. Natürlich hat die Linke selbst ein Problem mit Antisemitismus, doch der Widerstand in der eigenen Szene ist groß, das zeigen zahlreiche Stellungnahmen bundesweit. Gleichzeitig wird dem aber auch nur selten und dann nicht sehr zahlreich entgegengetreten. Bleibt das, was sich hierzulande als Pazifismus oder Friedensbewegtheit tarnt, jedoch viel zu oft nichts weiter als Leichenfledderei ist. Das ideologische Ausweiden der Toten für den eigenen Zweck, gemäß der eigenen Weltsicht, die in alter stumpfer linker Tradition die Aggression nur im Westen sucht, insbesondere bei den Vereinigten Staaten, die man noch immer nur als imperialistisches Monster dämonisiert. Von der Delegitimierung des Kampfes Israels um die eigene Existenz ganz zu schweigen. Als Resultat finden sich deutsche Linke, gerade aus dem antiimperialistischen Spektrum, nicht selten auf der Seite der Despoten wieder: Also eben auch bei Assad, den iranischen Mullahs oder eben Nasrallah. Kurz: Bei denen für die man am al Quds-Tag über den Kurfürsten-damm marschiert.

Wer sich von diesem innerlinken Treiben distanzieren will, muss am al Quds-Tag auf die Straße, denn für einen Antifaschismus, der vorgibt den Antisemitismus zu verurteilen, ist alles andere ein Trauerspiel, und zeigt wieder einmal, dass Bekenntnisse eben meist nicht mehr sind, als Verbal-Aktionismus.

Kommentare

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Meine unqualifizierte Meinung ist, dass hierzulande viele "Freunde Israels" umso freundlicher werden, je weiter der nächste "Jude" entfernt ist...



Umso besser werden dann auch die Vorschläge, was Israel jetzt wieder tun sollte...

Mörderischer Antisemitismus & Warenproduktion

Die islamistische Gotteskriegerorganisation namens Hamas, deren Anhänger die Demonstrationen gegen die Gaza-Offensive der israelischen Staatsmacht dominieren, propagiert den mörderischen Antisemitismus nicht nur, sondern praktiziert ihn in Form von Raketenbeschuss und Selbstmordattentaten, weil es ihr Ziel ist, den Staat Israel zu zerstören und "die Juden ins Meer zu treiben".

Dennoch ist der Übergang vom Kritiker des Antisemitismus zum Fan des Staates Israel ein Willensakt, bei dem ausgeblendet wird, dass Israel nicht die Heimstatt der Juden, sondern eine antagonistische Gesellschaft ist, deren Zweck die unternehmerische Geldvermehrung mittels Warenproduktion ist, bei der die lohnabhängigen Israelis als Kostenfaktor eingespannt und verschlissen werden.

Antisemitismus & Antagonismus

Wenn bei Demonstrationen gegen die Gaza-Offensive der israelischen Staatsmacht gebrüllt wird: "Ihr Juden seid Bestien!", dann wird nicht das blutige Vorgehen der israelischen Staatsgewalt gegen die Insassen des Gazastreifens kritisiert, sondern die Verantwortung aller Menschen jüdischen Glaubens für die kriegerische Politik der israelischen Staatsführung herbeiphantasiert, sodass mörderischer Antisemitismus propagiert wird.

Eigenartig aber ist trotzdem, dass viele Kritiker des Antisemitismus zugleich Fans des Staates Israel sind, der ihnen als Heimstatt der Juden erscheint, obgleich es in Israel mitunter zu Sozialprotesten kommt, weil beispielsweise die Lebenshaltungskosten derart hoch sind, dass etliche Israelis ihr Leben nicht mehr mit ihrem Lohn finanzieren können. Widerlegt wird dergestalt die israelische Staatsideologie, die Israel als Heimstatt der Juden preist, vom israelischen Staatsprogramm, das die Insassen dieses Staates auf das Mitwirken an der Vermehrung des Unternehmergeldes mittels marktwirtschaftlicher Warenproduktion verpflichtet, sodass Israels Gesellschaft nicht heimstattmäßig, sondern antagonistisch ist, da sich das Interesse der Unternehmer an Geldvermehrung und das Interesse der Lohnabhängigen an einem guten Leben wechselseitig ausschließen, weil der Lohnabhängige bei der Warenproduktion ein Kostenfaktor ist, den die Unternehmer minimieren müssen, wenn sie ihr Geld vermehren wollen.

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