von Stefan Ripplinger
Die Geschichte des Opfers ist eine der Opferkritik.
Was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der HErr. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fetten von den Gemästeten und habe keine Lust zum Blut der Farren, der Lämmer und Böcke. (Jesaja, 1, 11)
Hermann Cohen, der die Opferkritik der Propheten bewundert, will gleichwohl mit dem Opfer nicht auch den öffentlichen Kultus verworfen sehen. In der Sublimierung des Opfers halten sich die alten sozialen Motive recht lange. Und vor der völligen Vergeistigung des Opfers im Protestantismus bleibt sogar das archaische noch erkennbar: Die Sakristei mancher mittelalterlichen Kirche verfügt über einen Ausguss für den in Blut verwandelten Messwein, er soll die vor den Kirchenmauern liegenden Felder düngen, so wie in Cesare Paveses Dialoghi con Leucò der Phrygier Lityerses mit dem Blut des Herakles dem Kornfeld, und nicht etwa einem Gott über dem Feld, opfern will.
Gewiss, Herakles stellt sich diesem magischen Unfug in den Weg, er will das Opferlamm nicht sein, aber Pavese, obwohl doch auch ein wenig Kommunist, lässt nicht erkennen, wem er den Sieg gönnt. Den Mythos erklärt er so:
Damit etwas stattfinden kann, muss es schon einmal stattgefunden haben, muss [es] außerhalb der Zeit begründet sein. (Übersetzung von Erna und Erwin Koppen)
Der Mythos gibt denen, die Opfer bringen und Opfer sind, das erhebende Gefühl, sie wiederholten nur etwas sehr Altes. Im Mythos lebt einer nicht mehr, sondern wiederholt nur ein Leben, stirbt er nicht mehr, sondern wiederholt nur ein Sterben. Der Witz der Dialoghi ist, dass die mythischen Halbgötter, Helden und Hamadryaden darin den Glauben an den Mythos verloren haben. Es fehlt ihnen der Sinn für das Unausweichliche, umso peinlicher wird ihnen das Opfer.
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