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Diedrich Diederichsen:Roger Martin Du Gard
11. September 2008, 01.38 Uhr:

Roger Martin Du Gard

von Diedrich Diederichsen

Letzte Woche war der 50ste Todestag von Roger Martin Du Gard. Ein weitgehend vergessener Nobelpreisträger für Literatur. Fast noch pünktlich zu diesem Datum habe ich sein 2000 Seiten Hauptwerk zu Ende gelesen, eine Sequenz von Romanen über die Familie Thibault. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sperrt der alte Patriarch, der reaktionär katholische Witwer Thibault, eine Stütze der Gesellschaft, sogenannter Philanthrop, Chauvinist und Sittenwächter seinen rebellischen, poetischen Sohn Jacques in eine Besserungsanstalt, die er selbst gestiftet hat. 2000 Seiten und knapp 20 Jahre später stirbt der letzte Überlebende der Dynastie, Jacques’ älterer Bruder Antoine, Arzt und Pragmatiker an den Folgen eines deutschen Giftgasangriff, die er in einem Tagebuch detailliert diagnostiziert, dabei immer deutlicher das unausweichliche, elende Ende vor Augen. Zwischen diesen Situationen probiert Martin Du Gard einen bunten Strauß literarischer Mittel aus, wie sie die Moderne um ihn herum entwickelt hat. Die anderen waren zwar viel besessener von der Richtigkeit einer Methode, Martin Du Gard springt dagegen von Roman zu Roman vom allwissenden Erzähler zum inneren Traum, von Dialogen zu Briefen und zurück zum Tagebuch, das sein armer, sterbender Antoine – Mann ohne Eigenschaften, Homo Faber etc. - schließlich in eine Mischung aus medizinischer Selbstbeobachtung und Klage über nicht gehabte Meinungen und Weltanschauungen hineinbohrt.
Circa eineinhalb Romane davor tobt dagegen der linksradikale Positionenkampf in einer Dichte und Debattenfreudigkeit, wie ich es in literarischen Schilderungen der Zeit vor 1914 noch nie erlebt habe. Viele reale Player europäischer sozialistischer Bewegungen tauchen als Figuren auf, ein aus dem Schweizer Exil in die europäischen Zentren (Paris, Berlin, Wien, Brüssel) versprengter Kreis von Radikalen, politisierten Künstlern, Poeten und Handwerkern versucht zu retten, was natürlich nicht mehr zu retten ist. Jacques ist zum radikalen Pazifisten geworden, der die sozialistischen Parteien Europas vor dem Ausbruch des Krieges noch verzweifelt und schließlich selbstmörderisch zu einem Euro-Generalstreik zwingen will. Sein minimal 400 Seiten lang absehbares, sich zuspitzendes Scheitern wird zu einem immer unerträglicher anschwellenden Unheils-KREISCH-Geräusch, während um ihn herum Jaurés ermordet wird, Paris platzt und die sittenstrenge Jenny, Tochter einer esoterischen Hyperprotestantin und eines hyperhedonistischen Bankrotteurs und liebenswerten Luderjahn, die er schon seit einigen Romanen, sich seiner Gefühle natürlich bockig unklar, anhimmelt, sich endlich in die atemlose Liebe und die revolutionäre Unruhe stürzt. Am Ende stürzen alle und obwohl – ACHTUNG SPOILER! – ein Nachkomme überlebt, dem der sterbende Onkel noch ein paar Lebensweisheiten mit auf den Weg geben kann, ist hier 1918 alles zu Ende. Absurd, danach mit irgendwas – Kunst, Literatur, Liebe, Politik – noch einmal anfangen zu wollen. Als ganz leise Stimme der Vernunft hat Amerika mit Präsident Woodrow Wilson und der Völkerbund-Idee einen über den Horizont huschenden Auftritt.
Man versteht durch diesen Roman ganz gut, warum vielen Avantgardisten der Nachkriegszeit alles so elendsegal war, warum Gründungsheilige der Surrealisten wie Jachques Vaché eben nicht aus lauter Lebenslust und unprofessionellen Überschwang eingingen wie die Befreiungstoten der 60er und die Intensitätsopfer der US-Gegenkulturen, sondern auch an der fetten Fadheit einer Welt, die danach allen Ernstes weitermachen konnte. Die 20er, die immer als, zwar von Armut und Faschos bedrohte, aber doch hyperlebendige Elan-Dekade und Fortschrittsfeier beschrieben werden, kannten lange Monate, in denen die weitermachende Welt so wahnsinnig lächerlich wirkte; noch lächerlicher ihr nun ausgerechnet mit forcierten Albernheiten und Kabarett begegnen zu wollen (Dada). Alternativen dazu gab’s wohl auch nicht. Aber viele hielten dies nicht aus. Das steht allerdings nicht bei den Thibaults. Aber dass ihr Autor sein ganzes Personal dann doch recht rabiat – gegen frühere Pläne – ausradierte, zeigt, dass ihm bei der Niederschrift der letzten Bände während der 30er Jahre klar geworden sein muss, dass man die für ein Leben vor 1914 gebauten Leutchen nicht einfach hätte weiterleben lassen können. Das wäre dann doch ein anderes Buch geworden. Mir fällt gerade keines ein, übrigens, das erfolgreich über diese Zäsur hinweg erzählt hätte; anders als nach dem zweiten Weltkrieg – da glaubte man dann eh nicht mehr an die Kontinuität von Personen und ihren Projekten.

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