Stefan Ripplinger:Steiners Notizen
25. Oktober 2008, 16.41 Uhr:

Steiners Notizen

von Stefan Ripplinger

Meinem Hinweis auf Franz Baermann Steiner füge ich einen zweiten, auf seine Aphorismen und Notizen, an. Sie bilden einen Höhepunkt, oder sagen wir: ein Hochplateau, seines Werks. Es steht zu hoffen, dass der Wallstein Verlag auch sie vollständig herausbringt. Eine Auswahl erschien vor nunmehr zwanzig Jahren.

– Noch glaube ich, daß wir uns verirrt haben.
– Nein, bald sind wir am Ziel, und dann ist es aus mit diesen schönen Hoffnungen.

(Franz Baermann Steiner, Fluchtvergnüglichkeit. Feststellungen und Versuche. Eine Auswahl von Marion Hermann-Röttgen. Stuttgart: Flugasche 1988; Nr. 5)

Einiges setzt die Kenntnis der wissenschaftlichen Aufsätze und der Gedichte voraus. Vieles ist aber unmittelbar verständlich, beispielsweise dies:

Die sozialistische Gesellschaftsordnung ist zu bejahen, nicht etwa, weil sie jedem Menschen Wohlstand gewährt; im Gegenteil, weil nun zum erstenmal in der Geschichte Menschen arm sein dürfen, ohne dadurch wehrlos zu werden.
Sozialismus bedeutet nicht gleiche Verteilung der Güter, sondern daß der Besitz aufhört, Schutz des Menschen zu sein.

(Nr. 256)

Allem nähert sich Steiner mit nüchternem Ernst. Selbst über religiöse Themen, die ihm doch nahe gehen, spricht er ohne Schwärmerei. „Ripeness is all“, rief Pavese. Das gilt auch bei Steiner, und deshalb glaube ich nicht recht daran, dass er doch noch bekannt oder gar populär wird.

Komme, was kommen mag – aber bleibe es nicht!
(Nr. 444)

Einige, die auf seine größere Bekanntheit hoffen, rechnen darauf, es müsse doch jetzt dem Letzten klar werden, dass Steiner mit allen wichtigen Denkschulen des Jahrhunderts zu vereinbaren sei, zunächst natürlich mit der frankfurterischen* samt Canetti,** dann mit Lévi-Strauss*** und dem Strukturalismus, mit Norbert Elias, Michel Foucault und Edward Said,**** schließlich sogar mit Jacques Derrida und vermutlich noch etlichen anderen. (Ebenso bei den Gedichten, die allzu voreilig mit Rilke, George, Eliot, Borchardt, Celan, Sachs verglichen worden sind. Allein schon diese Zusammenstellung sollte stutzig machen.) Es ist fast so, als ob sich ein Mann damit empföhle, dass er mit möglichst vielem und vielen zu vereinbaren und zu vergleichen ist, und nicht umgekehrt damit, dass er das nicht ist. Jedenfalls bin ich einem wie Steiner noch nicht begegnet,***** und alle Ähnlichkeiten mit anderen, Lebenden und Toten, erscheinen mir vordergründig.

* Adorno äußerte sich begeistert über seine Schriften
** mit dem Steiner unvorsichtigerweise befreundet war
*** vor allem, was die Dekonstruktion von Begriffen wie „Tabu“ oder „Totemismus“ angeht
**** „Orientalismus“; über Saids mitunter handgreiflichen Antizionismus wird großzügig hinweggesehen
***** die Bekanntschaft verdanke ich Manfred Bauschulte

Kommentare

2. Teil



Zum anderen spricht Steiner von Zigeuner und nicht von Roma.Die Menschen sind damals als Zigeuner verfolgt wurden und nciht als Roma. Diese unhinterfragte automatische Umbenennung gibt den Zigeunerverfolgern recht, die meinen Zigeuner seien etwas schlechtes. Soll die Umbenennung eine Heilsbewegung sein? Ich selber habe mehrere Jahre Feldforschung bei Zigeunern gemacht, die äußerst ungern es haben, dass man sie als Roma bezeichnet. Dies hat die Logik, als ob man jetzt alle Deutsche als Bayern bezeihnet, nur weil die eben mal wirtschaftlich recht erfolgreich sind und eine expansive Bierzeltkultur erhorgebracht haben.



Der Grund, warum in dem Text eben mal so nebenbei geschrieben wird, dass wahrscheinlich die Hälfte der Roma (sic) vernichtet wurden ist mir abolut nicht erschließbar. Wieso sagt man so etwas? Was steckt hinter sollcher Art Rhetorik?



hs

Hallo, ich bin beim suchen nach Steiner auf diesen und den einleitenden Artikel gestoßen.

Ich bin Ethnologe und arbeite gelegentlich mit Steiner. Mich interessiert noch etwas mehr zu einigen Stellen hier im Text. Am Ende angefangen frage ich mich warum die Beziehung zu Canetti als negativ gesehen wird, ich weiß, dass beide mit Kafka in Prag bekannt waren. Irgendwie sprechen alle drei die selbe Sprache.



Dass Steiners Anliegen es war, den Begriff Tabu zu dekonstruieren, ist nur wenig erkennbar. Vielmehr dekonstruiert er wohl den Umgang anderer Autoren mit diesem Begriff, beschreibt dessen Weg in die europäische Welt und versucht ihm sich jeweils in seinen eigenen Kommentaren qualitativ zu nähern.



Ansonsten finde ich es bemerkenswert, dass das Lebensgefühl, was durch seine und die Arbeiten Canettis, Kafkas u.a. ausgedrückt wird, die Verlohrenheit und Angst - nicht zuletzt auch Georges Devereux Arbeit etwas vorwegnehmen, was stoßtreibend an der Moderne attestiert wird und möglicherweise auch jetzt im nahen Osten zu beobachten ist.



Naja, vielleicht hat ja jemand Antwort mit mir darüber mal zu diskutieren. Hier meine Emil: henningkea@live.de



beste Grüße

hs

Kommentieren

Sie müssen angemeldet sein, um Blogbeiträge kommentieren zu können. Falls Sie noch kein Passwort für jungle-world.com haben, müssen Sie sich zuerst registrieren, bevor Sie sich anmelden können.

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …

Folgen Sie uns!

Jungle World
auf Twitter

Was die anderen sagen:
Tweets über die »Jungle World«

johann10000: “reinrassiger deutscher“ http://t.co/Zb2Wruyl #fb @jungle_world @sat1

d_cantona7: RT @Jungle_World: Vollmer! Voll-mer! Volllmmmmmer! Und nun kurz zur… Das Medium von Elke Wittich und Boris Mayer http://t.co/VFH2wBcG

FAU_Freiburg: RT @Jungle_World: Lutz Getzschmann: Die Tarifverhandlungen der kommenden Monate http://t.co/0TXdmVTC

FAU_Freiburg: RT @Jungle_World: Norma Spindler: Der Europäische Gerichtshof erlaubt atypische Beschäftigungsverhältnisse http://t.co/AxBiiJhf

maysens_: RT @zeitrafferin: Cord Riechelmann in der @Jungle_World: Die Konservativen und ihre #Nazis http://t.co/aYdxOOhk