Jungle World abonnieren
Jungle World - shop
Jungle World:"Blasphemieverbote sind politisch"
30. September 2016, 12.22 Uhr:

"Blasphemieverbote sind politisch"

von Jungle World

Wir haben mit Michael De Dora gesprochen, Leiter der Kommunikation beim Center for Inquiry’s, das den International Blasphemy Rights Day ins Leben gerufen hat.

 

Warum haben Sie den Internationalen Blasphemietag ins Leben gerufen?

Den Internationalen Tag für das Recht auf Blasphemie gibt es seit 2009 und er erinnert an den 30. September 2005, als die dänische Zeitung Jyllands-Posten die Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, die weltweit gewaltsame Proteste auslösten. Gläubige Muslime gingen auf die Straßen, res gab viele Tote. Ziel dieses Gendenktages ist es, Solidarität mit den Opfern von Blasphemieverboten weltweit zu zeigen, und das Recht auf Meinungsfreiheit zu stärken, dazu gehört auch das Recht, die Religion zu beleidigen, ohne Repression und Verfolgung fürchten zu müssen.

 

Sollen an diesem Tag Götter und Religionen beleidigt werden?

Manche Leute nutzen diesen Tag als eine Gelegenheit, sich über die verschiedenen Konzepte von Gott lustig zu machen, aber in erster Linie geht es darum, das Recht auf Kritik und Dissens zu verteidigen und zu stärken. Wenn wir über Blasphemie reden, reden wir nicht nur über Atheisten, die sich über Gott und Religion lustig machen, was natürlich ihr Recht ist. Blasphemieverbote treffen aber nicht nur Atheisten, sondern auch durchaus gläubige Menschen, die versuchen, religiöse Praktiken und Traditionen zu hinterfragen und sich für Reformen einsetzen.

 

Spielen Blasphemieverbote weltweit heute eine größere Rolle als in der Vergangenheit, was sind Ihre Beobachtungen?

Studien des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center zufolge zeigen, dass staatliche Einschränkungen der Religions- und Meinungsfreiheit – unter anderem, aber nicht nur durch Blasphemieverbote – in den vergangenen Jahren relativ konstant geblieben sind. Gestiegen sind aber die religiösen Spannungen innerhalb der Gesellschaften. Auch wenn die Gesetze, die Blasphemie verbieten, sich kaum geändert haben, herrscht in vielen Ländern ein gesellschaftliches Klima, das dazu führen kann, dass Menschen aufgrund eines Blasphemievorwurfes getötet werden. In manchen Ländern spielt das Thema Blasphemie eine wichtigere Rolle als in anderen, und es ist bekannt, dass viele Staaten die Gotteslästerung kriminalisieren und die Rechte religiöser sowie nichtreligiöser Minderheiten eingeschränken. Bedenklicher ist aber, dass es immer mehr Länder gibt, in denen Pseudo-Blasphemieverbote eingeführt werden, etwa das „Anstiften von religiösem Hass“. Diese Sprache wird auch in Resolutionen den Vereinten Nationen verwendet, wodurch bestimmte Begriffe säkularer klingen mögen, aber in vielen Staaten werden solche Gesetze einfach dafür benutzt, um Blasphemie durch andere, „softere“, Mittel zu verfolgen.

 

Welche politische Funktion haben Blasphemieverbote?

Blasphemieverbote sind in erster Linie politisch. Viele Regierungen nutzen sie als eine Form der sozialen und gesellschaftlichen Kontrolle, um Kritik an ihren politischen Entscheidungen tot zu machen. Der Vorwurf der Blasphemie spielt auch gesellschaftlich eine Rolle, etwa wenn er benutzt wird, um persönliche oder familiäre Konflikte zu regeln.

 

Interview: Julia Hoffmann

Kommentare

Für diesen Beitrag sind die Kommentare abgeschaltet.

Anzeige Transformellae Ikeae

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …