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Jungle World:Queers for Israel
5. Oktober 2016, 12.19 Uhr:

Queers for Israel

von Jungle World

Am vergangenen Wochenende fand in Berlin die Tagung »Queers and feminists against antisemitism« statt, die sich gegen Antisemitismus in der queer-feministischen Szene richtete.

Ein Bericht von Dierk Saathoff

Allein in diesem Jahr gab es in Berlin antiisraelische und antisemitische Vorfälle auf Queer-Veranstaltungen: beim CSD, dem Transgenialen X*CSD, dem lesbisch-schwulen Stadtfest und der Israeli Queer Movie Night.

Welche sind die Gründe für Israelhass in Teilen der queeren Szene und wie kann man dagegen vorgehen? Darüber wurde am vergangenen Wochenende in der Werkstatt der Kulturen in Berlin diskutiert. Dass man Antisemitismus nicht nur in dieser Szene, sondern seit Jahren in der gesamten deutschen Linken verstärkt wahrnehmen kann, machten die Veranstalter_innen im Anfangsstatement klar. Ihnen ging es auch darum, sich Angstklima und Spaltungstendenzen entgegen zu stellen. Der Zusammenhalt in der Linken solle gestärkt werden.

Zu den ganztägig laufenden Veranstaltungen am vergangenen Sonntag kamen rund 60 Teilnehmer_innen. Die Tagung fand informell statt. Die Organisator_innen hatten in ihren intern verschickten Ankündigungen explizit darum gebeten, die Tagung nicht öffentlich zu bewerben, weitere Einladungen wurden nur nach Vorschlag verschickt. Dieses Vorgehen, so vermutete eine Referentin, entspringe nicht aus blinder Paranoia, sondern es gäbe eine reale Gefahr, dass Anti-Israel-Aktivist_innen die Veranstaltung stören. Diese blieben aber aus, die Tagung verlief ruhig.

Das Erstarken antisemitischen Denkens in queeren Kreisen nicht nur in Deutschland lässt sich auf die Popularisierung von zwei Begriffen zurückführen: Homonationalismus und Pinkwashing. Der erste wurde benutzt von Judith Butler, als sie 2010 den Zivilcouragepreis des Berliner CSD ablehnte. Der zweite wurde mitgeprägt von der US-amerikanischen Professorin für Gender Studies, Jasbir Puar, die im selben Jahr auf der Konferenz »Fundamentalism and Gender« an der Humboldt-Universität in Berlin einen Vortrag mit dem Titel »Beware Israeli Pinkwashing« hielt. „Homonationalismus“ bedeute, so eine Referentin auf der Tagung, eine biopolitische Struktur, in der Schwule in einen nationalen Diskurs eingemeindet werden, um Muslime aufgrund ihrer vermeintlichen Homophobie auszuschließen. „Pinkwashing“ wiederum sei ein konkretes Beispiel für jene Struktur, nämlich eine Imagekampagne eines Staates über deren liberalen Umgang mit LGBTIQ. Der Begriff wird jedoch fast ausschließlich auf Israel angewendet. Im dieses Thema behandelnden Workshop wurde herausgearbeitet, dass die scheinbar logische Verknüpfung zwischen den Imagekampagnen Israels und der Politik gegenüber Palästinenser_innen konstruiert sei. Butler und Puar sind Unterstützerinnen der BDS-Kampagne (Boycott, Divestment and Sanctions), die einen umfassenden ökonomischen und kulturellen Boykott Israels fordert. Der deutsche Ableger bezeichnet dieses Handeln sogar als eine Schlussfolgerung aus der deutschen Geschichte. Es sei zu beobachten, so hieß es auf der Tagung, dass BDS Deutschland und ihre Verbündeten sich immer stärker nicht nur in linke Bündnisse drängen, sondern auch im akademischen Kontext an Einfluss gewinnen, zum Beispiel durch Sitze in studentischen Gremien. Allerdings sei die Situation im Vergleich zu den USA besser, da es dort kaum eine große Universität ohne BDS-Gruppe gibt. Viele Teilnehmer_innen wussten aus eigenen Erfahrungen mit BDS-Aktivist_innen in diesen Zusammenhängen negativ zu berichten.

Ein besonderes Augenmerk lag auf dem Konzept Critical Whiteness. In den neunziger Jahren schien es in der linksradikalen Szene eine höhere Sensibilität für Antisemitismus zu geben, doch diese scheint durch das Engagement gegen Rassismus geradezu verdrängt worden zu sein. Wie konnte es dazu kommen, dass aus einer sich selbst als antirassistisch verstehenden Szene heraus sich eine antiisraelische Haltung entwickelte?

Die vermeintliche Aporie Antisemitismus versus Rassismus sei, so ein Referent, auch in antideutschen Zusammenhängen verfestigt worden. In den vergangenen Jahren hätten sich innerhalb der Linken zwei Fronten gebildet, auf der einen Seite stehe der Antisemitismus, auf der anderen der Rassismus im Mittelpunkt der Kritik.

Viel intensiver ging es um den konkreten Vorwurf des Pinkwashing gegen Israel, die laut einer Referentin und mehreren Teilnehmer_innen auch gegen jeden anderen Staat theoretisch vorzubringen sei. Dies bezieht sich zwar auf das singling out Israels, jedoch nicht auf das ideologische, wahnhafte Interesse von Antizionist_innen, die sich so vehement auf den Staat Israel konzentrieren. Diese Vehemenz kann aber in der Auseinandersetzung mit Vertreter_innen von Critical Whiteness gar nicht thematisiert werden, da die Debatte rein auf der Diskursebene geführt wird. Demnach gilt eben jede_r als Rassist_in, die eine Kritik an kulturalistischem Antirassismus, also auch an ihrem Antizionismus übt, da man damit einen rassistischen Diskurs bedienen würde.

In einem Vortrag über den queeren Aktivismus in Berlin wurde deutlich gemacht: Critical Whiteness sei keine kritische Praxis, sondern ein Instrument zur Machtausübung und Machterhaltung durch autoritäre Sprechverbote in der linken Szene. Deutlich wurde in der Diskussion nach dem Vortrag, dass viele der Teilnehmer_innen Ansätze von Critical Whiteness für gerechtfertigt halten und einer generellen Ablehnung kritisch gegenüber stehen. Dass aber Jüdinnen und Juden gerade auch in intersektionalen Theorien oft nicht als eine diskriminierte Gruppe auftauchen, wurde kritisiert.

Nicht zuletzt als Vernetzungstreffen war die Tagung wichtig. Viele Teilnehmer_innen berichteten von ihren erbitterten Auseinandersetzungen mit Antisemit_innen in der queeren Szene und lobten den offenen, angstfreien Raum, den das Organisationsteam erfolgreich umgesetzt hatte. Auch die Planung von Aktionen gegen Antisemitismus wurde überlegt. Gefehlt hat trotzdem eine spezifische Auseinandersetzung mit islamistischem Antisemitismus und Antizionismus, die bei Critical Whiteness und in den Postcolonial Studies regelmäßig verharmlost werden. Außerdem muss es darum gehen, die neuen Codes des Antisemitismus zu knacken, die sich eben oft als queerfeministisch und antirassistisch tarnen. Das Sammeln von guten Argumenten gegen Antisemitismus kann nicht ausreichend sein. Es ist notwendig, den ideologischen Kern des Antisemitismus in den Blick zu bekommen: seinen antizivilisatorischen Aspekt und seine wahnhafte Projektionsleistung. Rassismus gegen Antisemitismus auszuspielen kann nicht die Lösung sein.

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