Jörn Schulz:Beten für das Reich
15. April 2009, 19.04 Uhr:

Beten für das Reich

von Jörn Schulz

Es hat eine Weile gedauert, bis die verschlafene katholische Kirche die Grundlagen der modernen rechtspopulistischen PR erkannte und übernahm. Doch die Benediktbrüder haben mittlerweile von den Muslimbrüdern viel gelernt. Die wichtigsten Regeln: Wenn du gegen Andersdenkende hetzt, behaupte immer, du seist das Opfer der Hetze der Andersdenkenden. Fordere Respekt von ihnen, bringe ihnen aber keinen Respekt entgegen. Ignoriere getrost die Fakten, denn die Gläubigen glauben dir sowieso, deshalb nennt man sie ja auch Gläubige. Widerspricht dir jemand, so beweist er nur, wie recht du hast, denn er hetzt gegen dich und bringt dir keinen Respekt entgegen.

Von einer besonderen Verfolgung der Christen und Kirchen im Nationalsozialismus fabuliert Bischof Mixa. „Seine Heiligkeit Papst Pius XI. und der Deutsche Reichspräsident“ trafen allerdings 1933 „eine feierliche Übereinkunft“, das Reichskonkordat, um „die zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich bestehenden freundschaftlichen Beziehungen zu festigen und zu fördern“. Die Nazis versprachen den Pfaffen, dass sie „gegen Beleidigungen ihrer Person oder ihrer Eigenschaft als Geistliche sowie gegen Störungen ihrer Amtshandlungen nach Maßgabe der allgemeinen staatlichen Gesetzgebung vorgehen und im Bedarfsfall behördlichen Schutz gewähren“ werden. Die Pfaffen versprachen den Nazis: „Im Religionsunterricht wird die Erziehung zu vaterländischem, staatsbürgerlichem und sozialem Pflichtbewußtsein aus dem Geiste des christlichen Glaubens des Sittengesetzes mit besonderem Nachdruck gepflegt werden“. Nicht zu vergessen: Jeden Sonntag wird „ein Gebet für das Wohlergehen des Deutschen Reiches und Volkes eingelegt.“ Dein Reich komme, dein Wille geschehe.

Es gab ein paar Unstimmigkeiten, wie den deutschnationalen Großbürgern galten auch den hohen Geistlichen die Nazis als, heute würde man wohl sagen: Angehörige bildungsferner Schichten. Der Rassismus der Nazis war einer weltumspannenden Organisation wie der katholischen Kirche bei aller Vaterlandsliebe zu kleingeistig. Doch was zählen kleine Meinungsverschiedenheiten, solange man einander Respekt entgegenbringt. Schließlich ging es ums große Ganze. Der Münchner Kardinal Faulhuber meinte 1933: „Wenn die neue Regierung auch weiterhin im Kampf gegen den Anmarsch des Bolschewismus und die öffentliche Unsittlichkeit stark bleibt, werden die Bischöfe das Misstrauen gegen die Partei gerne aufgeben“. Lobet den Herrn.

Der Vertrag gilt noch immer, auch wenn nicht mehr für das Reich gebetet wird. Im 2005 geschlossenen Vertrag mit Hamburg ist „unter Anerkennung der Fortgeltung des Konkordates zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich vom 20. Juli 1933“ vielmehr davon die Rede, dass der christliche Glaube „auch einen Beitrag zum Wohle des Ganzen wie auch zur Stärkung des Gemeinsinns der Bürger“ leistet. Was den Anmarsch gegen die öffentliche Unsittlichkeit betrifft, wurde in Sachen Rundfunk vereinbart: „Die Freie und Hansestadt Hamburg wird sich nach ihren Möglichkeiten dafür einsetzen, dass in den Programmen auf die sittlichen und religiösen Überzeugungen der Bevölkerung Rücksicht genommen wird.“ Hallelujah.

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