Jörn Schulz:Friesische Ohren
9. Juni 2009, 17.34 Uhr:

Friesische Ohren

von Jörn Schulz

Kennen Sie das Vier-Ohren-Modell? Es ist ein sehr nützliches Hilfsmittel der Kommunikationsanalyse. Nehmen wir etwa den SPD-Abgeordneten Jörn Thießen aus Dithmarschen, der sagte: „Wir Politiker müssen im Parlament abstimmen, das kann man auch von den Wählern bei einer Wahl verlangen. Wer nicht zu einer Wahl geht, sollte 50 Euro Strafe zahlen. Demokratie ohne Demokraten funktioniert nicht.“

Versuchen Sie gar nicht erst, so einem Mann mit Logik zu kommen, wie eigenwillig diesbezüglich seine Vorstellungen sind, lehrt er auf seiner Webseite, wo er über sich selbst schreibt: „Der Krieg im Kosovo überzeugt ihn einmal mehr, dass Deutschland seine militärische Macht und demokratische Energie für den Frieden einsetzen muss. So wechselt er als Direktor und Professor in das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr.“

Schauen wir lieber, was Thießen uns wirklich sagen will. Vergessen wir die hier unbedeutende Sachebene. Interessanter ist die Ebene der Selbstoffenbarung: „Ich könnte mich in den Arsch beißen. 20 Prozent! Wenn das so weitergeht, muss ich bald Torf stechen.“ Alsdann wäre da die Beziehungsebene, die zum Ausdruck bringt, wie der Sender zum Empfänger steht: „Undankbares Gesindel! Was habe ich nicht alles für euch getan! Und ihr, was tut ihr für mich? Prügeln sollte man euch zur Urne!“ Nicht zu vergessen die Ebene des Appells: „Bitte, bitte wählt mich im September. Ich will nicht Torf stechen.“

Kommentare

Lesenswert zum Thema: José Saramagos Roman "Die Stadt der Sehenden". (Und interessant, dass im deutschen Wahlrecht die Option der Enthaltung gar nicht existiert.)

50 euro strafe? naja nicht viel zu sagen. aber das durchaus ernster werdende problem der zu geringen wahlbeteiligung über die ins lächerliche gezogenen persönlichen belange thießens zu kommentieren.....jörn da ging schonmal mehr.

Na ja,
wir hebeln die Demokratie mit der Demokratie aus.
Wählst nicht, kriegst de Ärger, ärgerst dich gehst nicht mehr wählen.
Jeder weiß, dass durch Wahlen sich nichts ändert, trotzdem gehe ich immer wieder hin, da die Chance besteht, dass andere Zählmehrheiten/ Entscheidungsprozesse etc. zustande kommen, die die Möglichkeiten schafft, Einfluss auf politische Inhalte zu nehmen und dann doch verändernd wirken.
Bei den Europawahlen ist der Wähler weiter weg vom Sachverhalt wie z.B. bei Kommunalwahlen. Hilflosigkeit ist in der Politik aller Orten zu spüren.
Die Ohnmacht des nicht Verändern-Könnens bei EU-Wahlen noch grösser, da weiter von den Entscheidungsebenen weg wie z.B. bei Kommunalwahlen.
Also geht Wähler erst gar nicht hin. Sagt so - ehr unbewußt - Nein zu dieser "Wahldemokratur".

Aber warum gehe ich da immer doch wieder hin? Ertrage ich Hilflosigkeit nicht?

Wäre es, wenn wie ich von erfahrenen Wählern hörte, die meinten, dass wenn nicht mindestens 50 % der Wähler zur Wahlurne gehen, die Wahl nicht gültig ist.
Käme dann die "Wahl-Demokratie" erst recht vom Regen in die Traufe?
Lothar

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