Jörn Schulz:Bei sonnigem Wetter ist das Leben in Teheran recht angenehm
2. Juli 2009, 18.24 Uhr:

Bei sonnigem Wetter ist das Leben in Teheran recht angenehm

von Jörn Schulz

Was hätte die Linke wohl gesagt, wenn nach dem Aufstand in Soweto jemand so etwas geschrieben hätte?

„Natürlich bedarf es klarer Worte gegen die Niederschlagung friedlicher Demonstrationen. Jede darüber hinaus gehende politische Einmischung des Westens in diesen internen südafrikanischen Machtkampf aber wäre falsch, weil kontraproduktiv. Sicher, die Vorstellung, weitere Jahre mit einem inbrünstigen Hardliner an der Spitze der südafrikanischen Regierung umgehen zu müssen, ist alles andere als angenehm. Aber hüten wir uns davor, nach Ian Smith in John Vorster den nächsten „Hitler Afrikas“ als Projektionsfläche für wie auch immer geartete, gar „humanitäre“, Interventionen aufzubauen. (…) ‚Diplomacy’ steht nicht erst seit Henry Kissinger im fatalen Geruch, nur eine Technik zum kaltherzigen Vollzug von Machtinteressen zu sein. Diplomatie, die den Namen verdient, (…) braucht den nüchternen Blick auf die Verhältnisse in Südafrika. (…) Das System erscheint stabiler als vermutet. Dieser Befund darf vor dem Hintergrund der politischen Geschichte Südafrikas nicht wirklich überraschen.“

Oder so etwas:
„Brennende Autos, wüste Straßenschlachten, prügelnde Bullenhorden und Massenproteste. Seit dem Erlass des Dekrets sind ‚Action Weeks’ in Südafrika. Hunderttausende protestieren gegen angebliche Diskriminierung und für eine ‚Reform’ des Apartheidstaates. Es gibt Tote und viele Verhaftete. Vor allem Jugendliche beteiligen sich an der Revolte. (…) Was woanders als ‚extremistische Ausschreitungen’ und ‚sinnlose Gewalt’ abgewatscht worden wäre, gilt im Fall Südafrikas als ‚Freiheitskampf’ und ‚gelebte Demokratie’. Die Proteste passen den Propagandisten des Menschenrechtsimperialismus gut ins Konzept. Durch die Nebelbombe der bürgerlichen Presse verunsichert, tut sich die radikale Linke mit einer Analyse der Ereignisse dagegen schwer.“

Nun ersetzen Sie einfach mal alle Bezüge auf Südafrika durch die entsprechenden Bezüge auf den Iran, und schon landen Sie beim Freitag und der Antifaschistischen Linke Berlin. Bei zahlreichen anderen Stellungnahmen aus der Linken und „Der Linken“ funktioniert das Verfahren genauso gut.

Man hat dem „Imperialismus“ früher alles mögliche vorgworfen, dass er sich erdreistet, Menschenrechte verbreiten zu wollen, gehörte allerdings nicht dazu. Die gängige Forderung war vielmehr, ob es um das Chile Pinochets ging oder das Apartheid-Regime, die demokratische Opposition zu unterstützen, vor allem durch ökonomische Sanktionen. Den Dialog mit rechtsextremen Diktaturen zu suchen, überließ man damals dem Stahlhelm-Flügel der CDU, Leuten wie Bruno Heck, der Folter, Massenverhaftungen und die Internierung in einem Fußballstadion in Chile so kommentierte: „Bei sonnigem Wetter ist das Leben im Stadion recht angenehm.“

Dass Linksliberale, die sich ärgern, weil der Joschka und nicht sie selbst den Außenminister geben durften, nun wenigstens fiktive Politikberatung betreiben wollen und für staatsmännische Weisheit halten, was zufällig den deutschen Wirtschaftsinteressen entspricht, erstaunt nicht. Aber was ist bei den Autonomen los? Ist es ein Minderwertigkeitskomplex, weil die Iraner sie trotz der ungleich härteren Bedingungen in Sachen Riot deklassiert haben? Für ein radikales Selbstbewusstsein spricht es jedenfalls nicht, wenn man sich durch „Nebelbomben“ bürgerlicher Medien an eigenen Analysen hindern lässt. Wird ein Vorbeter vermisst? Auch fragt man sich, ob diese Leute wirklich so traurig darüber sind, dass in der Bild-Zeitung nicht steht: „Neuer Erfolg im Kreuzberger Freiheitskampf! Wieder eine Bonzenschüssel flambiert!“

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