von Jörn Schulz
Wieviel Wein muss man trinken, um einen Abend mit Kai Diekmann ertragen zu können? Ist eine Tischrede von Angela Merkel einschläfernder als die Konversation von Jürgen Hambrecht (BASF)? Was hat der Vegetarier Frank Elstner mit seinem Schnitzel gemacht? Mit welcher Ausrede hat Merkels Ehemann sich gedrückt? Statt die wirklich wichtigen Fragen zu stellen, beschäftigen sich Presse und Öffentlichkeit einmal mehr mit Nebensächlichkeiten. Eines aber sollte jedem klar sein: Ein Spaß war Ackermanns Geburtstagsfeier im Kanzleramt sicher nicht. Es gibt keinen Grund, an den Angaben Klaus-Dieter Lehmanns, des Präsidenten des Goethe-Instituts, zu zweifeln, der sagt, dass Merkel ein „ertragreiches Gespräch über gesellschaftspolitische Positionen zustande gebracht“ hat.
Bereits vor Jahren habe ich erläutert, dass die Bourgeoisie zu ihren puritanischen Wurzeln zurückkehrt, und natürlich folgt ihr das politische Personal auf diesem Weg wie auf jedem anderen. Sorgen sollte uns deshalb nicht die Tatsache bereiten, dass Merkel Steuergelder verprasst hat. Das ist ihr Job, und für den Preis einer Hypo Real Estate ließen sich Millionen Ackermänner bewirten. Doch ist offenbar der Irrglaube sehr weit verbreitet, wenn Merkel Ackermann eine Rechnung geschickt hätte, wäre dies ein Zeichen für eine von den Interessen der Deutschen Bank unabhängige Regierungspolitik.
Sorgen sollte uns vielmehr die Tatsache bereiten, dass die Herrschenden nicht mehr zu Feiern verstehen. Denn eine herrschende Klasse, die sich zu amüsieren versteht, ist weit eher bereit, auch dem Pöbel etwas Amüsement zuzugestehen, wenn sie sich denn überhaupt für dessen Treiben interessiert. Die gehässige und bürokratische Pedanterie, mit der Hartz-IV-Empfänger schikaniert werden, ist ein Ausdruck der gleichen Haltung, mit der SPD und „Die Linke“ nun über Ackermanns Schnitzel quengeln. Es ist wie bei den US-Evangelikalen, die besessen sind von dem Gedanken, jemand anders könnte gerade den Sex haben, den sie selbst sich verbieten. Weil sie selbst sich nicht amüsieren können, ertragen sie nicht, wenn jemand anders es ihrer Ansicht nach tut. Noch dazu ohne sie.
Amerika ist da leider kein Vorbild mehr. Früher war das anders. Bei der Feier zur Erstellung der US-Verfassung wurden für 55 Männer 55 Flaschen Madeira, 60 Flaschen Bordeaux, 22 Flaschen Port, acht Flaschen Whiskey, sieben Bottiche Punsch sowie Bier und Cider gereicht. Die schöne Idee mit dem „pursuit of happiness“ hatten die Amerikaner schon elf Jahre vorher. Wer käme heute noch auf so eine Idee? Obama vielleicht, aber den Kongress würde das Glücksversprechen sicher nicht passieren. Die US-Bourgeoisie ist nun sogar führend in Sachen Puritanismus.
Es geht nicht mehr um Genuss, sondern um Status. Das gilt auch für die Boni der Banker. Die Empfänger wollen sich nicht etwas besonders Schönes kaufen und benötigen dafür das Geld. Der Bonus belegt den Status, seine Höhe zeigt, welchen Rang man in der Oligarchie einnimmt. Deshalb kämpfen die Banker so erbittert für die Sonderzahlungen wie einst barocke Fürsten über die Sitzordnung bei einem Hofbankett stritten.
Auch bei den Einladungen ins Kanzleramt geht es um den Status. Die Eingeladenen kämen auch, wenn trockene Brotkanten gereicht würden. Hauptsache, man gehört dazu. Das wäre eine harmlose Schrulle, wenn die Betreffenden nicht tatsächlich glauben würden, es sei „eine erstaunlich gute Mischung aus Wirtschaft, Politik und Kultur“ (Lehmann), wenn sie sich treffen. Es ist ähnlich wie in der linken Szene. Auch da treffen sich die immer gleichen Leute zu ertragreichen Gesprächen über gesellschaftspolitische Positionen, versichern einander ihre Wichtigkeit, intrigieren, kämpfen erbittert um ihren Status und den ihrer Combo, schimpfen über die Ignoranten da draußen und verwechseln dann irgendwann ihre eigene kleine Welt mit dem wirklichen Leben. So wird dann etwa die Kleider- und Fahnenordnung bei Demonstrationen zum Brennpunkt leidenschaftlicher Debatten.
Die autonome Szene im Kanzleramt kann erheblich mehr Schaden anrichten. Ich wüsste gern, wann zum ersten Mal „die Wirtschaft“ als Synonym für Manager und Unternehmer benutzt wurde. Kaum jemand käme auf die Idee, jeden Junkie zum Drogenexperten zu ernennen, während die Tatsache, dass jemand viel Geld verdient, ihn umgehend zum Ökonomen bzw. „der Wirtschaft“ höchstpersönlich macht. So verbreitet sich dann die Einschätzung, die Wirtschaftskrise sei überstanden. Da alle in der kleinen Welt der Merkels und Ackermänner das glauben oder wenigstens behaupten, muss es ja so sein.
Muss man dann auch noch lesen „Merkel schätzt die Bildung Ackermanns“, und befürchten, dass es stimmt, so wird deutlich, dass „die Wirtschaft“ auch für gesellschaftpolitisch kompetent gehalten wird. Ein beträchtlicher Teil der eingeladenen „Wirtschaft“ (u.a. BASF, Roland Berger, Trumpf) engagiert sich in der „Wissenfabrik“, die u.a. unschuldige Kinder mit betriebswirtschaftlichem Unfug quälen will. Dort ist auch Hochtief Mitglied, ein Unternehmen, das führend bei der Privatisierung des Schulbetriebs ist. Da bekommt der Begriff des ertragreichen Gesprächs gleich einen ganz anderen Klang.
Bisher keine Rückmeldungen.
Sie müssen angemeldet sein, um Blogbeiträge kommentieren zu können. Falls Sie noch kein Passwort für jungle-world.com haben, müssen Sie sich zuerst registrieren, bevor Sie sich anmelden können.
Welchen Planeten hätten Sie denn gerne?Die Mormonen gelten als etwas wunderlich und als ziemlich konservativ. Doch in einer Hinsicht sind …
Lasst 100 Barsche anbeißen!Hoch lebe Si Hong Ri, Held der Demokratischen Volksrepublik Korea. Standhaft widersetzte sich der …
"Krauts to hell" II oder Germanys new warJetzt also auch die Times. Da sieht Anatole Kaletsky gar einen neuen deutschen Krieg gegen Europa …
Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …
Was die anderen sagen:
Tweets über die »Jungle World«