Jörn Schulz:Da muss noch Curry bei die Wurst
2. September 2009, 19.00 Uhr:

Da muss noch Curry bei die Wurst

von Jörn Schulz

Vera Lengsfeld scheint Dieter Althaus nicht zu mögen, das immerhin spricht für sie. Doch scheint sie, wie viele ehemalige DDR-Bürgerrechtler, Probleme zu haben, sich im real existierenden Kapitalismus zurechtzufinden. Lengsfeld tritt in Kreuzberg an, wo die CDU es schon als Sieg feiern kann, wenn sie die Fünf-Prozent-Hürde überspringt. Überdies scheint sie erhebliche Integrationsprobleme zu haben.

Auf ihrem Blog wird betont: „Wir halten es uns als Vorzug zugute, dass wir keine professionelle Marketing-Kampagne ausrollen. Das ist alles selbstgemacht, was Ihr hier lest.“ Weil das Plakat so ein Erfolg war, glaubt Lengsfeld vermutlich, ihr Wahlkampf laufe gut. Doch das ist nicht der Fall. Deshalb, Frau Lengsfeld, werde ich Ihnen, ohne ein Honorar zu verlangen, ein paar Tipps geben, damit Sie den Ströbele doch noch schlagen können. Warum? Ich möchte einfach das dumme Gesicht von Ströbele sehen, wenn er die Wahl verloren hat. Und ich erwarte, dass Sie dann, gestärkt durch den für unmöglich gehaltenen Sieg, mal eben nach Thüringen gehen und dem Althaus gehörig in den… Ich hoffe, der Deal steht.

Mein erster Rat: Informieren Sie sich besser über die Berliner Stammestraditionen. Damit es nicht mehr zu solchen Ausrutschern kommt: „Oder wie der Berliner sagt: ‚Butter bei die Fische!’“ Der Berliner? Die Redensart stammt aus Norddeutschland. „Curry bei die Wurst“ ginge schon eher. Die Berliner wissen ja kaum, wie ein Fisch aussieht. Damit wären wir beim zweiten Rat: Widmen Sie sich als erste Berliner Politikerin dem Kampf gegen die Versorgungsnöte. Das Problem dürfte Ihnen ja aus der DDR noch bekannt sein. Dass es unter einer rot-roten Regierung wieder auftaucht, wird Sie nicht überraschen. Neben dem Mangel an frischem, aber erschwinglichem Seefisch ist es vor allem der Mangel an schmackhaften Backwaren, der den Berliner bewegt. Da wird er staunen, der Ströbele, wenn Sie ihm mal nicht mit der üblichen Predigt kommen, sondern ihn fragen, warum unter seiner Herrschaft so viele vertrocknete Mandelhörnchen verkauft werden.

Mein dritter Rat: Denken Sie daran, dass Sie in Berlin kandidieren. Auf Ihrem Blog musste ich lesen: „Die Eliten von heute sind Leistungseliten, die keine gesellschaftlichen Privilegien genießen und sich am Markt durchsetzen müssen. Die kulturelle Intelligenz dagegen hätte nach wie vor gerne lieber staatliche Gelder als Gewinne auf dem Markt. Deshalb findet man in dieser Gruppe die aktivsten Kämpfer für einen alles bestimmenden Staat. (…) Dabei wird eine schamlose Ausbeutung der Leistungsträger anstandslos in Kauf genommen.“ Mal abgesehen davon, dass Frau Merkel Sie sicher gern darüber informieren wird, dass es ohne gewaltige Mengen Staatsknete keinen Markt mehr gäbe, auf dem sich Leistungsträger tummeln können, sollten Sie sich eines vor Augen halten: Ohne schamlose Ausbeutung des Staates gäbe es diese Stadt gar nicht. Zwei aufgeblähte und privilegierte Hauptstädte wurden 1990 zu einer verschmolzen, die, rein marktwirtschaftlich betrachtet, zu schätzungsweise 90 Prozent überflüssig ist. Deshalb ist in Berlin auch soviel von Kultur die Rede, irgendwie muss man ja versuchen, der Stadt eine Existenzberechtigung zu geben. Keiner in der Stadt gibt das zu, aber alle wissen es, deshalb wird hier nur jemand Erfolg haben, von dem man erwarten kann, dass er mit allen Mitteln um Staatsknete kämpft.

Damit kommen wir zum vierten Rat: Sagen Sie nicht im falschen Moment die Wahrheit. „Aus aller Welt strömen die ‚Kreativen’ nach Berlin. Hier ist es im Vergleich mit anderen Großstädten billig.“ Das stimmt natürlich, aber so verärgern Sie gleich zwei Wählergruppen, die Lokalpatrioten, denen Sie die Illusion nehmen, die Anziehungskraft Berlins beruhe auf der Schönheit der Stadt oder dem tollen Nachtleben, und die „Kreativen“, die natürlich nie zugeben würden, dass sie nur hier sind, weil sie sich die Miete in Paris nicht leisten können.

Womit wir beim letzten und wichtigsten Rat wären: Verärgern Sie nicht die Leute, die Sie wählen sollen. Sie mögen die „Kreativen“ nicht, das ist verständlich. Doch wenn Sie erzählen sollen, was Sie für diese Leute tun wollen, nörgeln Sie über „Besetzer“ im Bethanien, die längst Mietverträge haben und über Leute, die auf der Admiralitätsbrücke Lärm machen. Dem Moderator, der Sie dann unterbrach, sollten Sie noch heute einen Dankesbrief schreiben, denn vermutlich wollten Sie nochmal den 1. Mai Revue passieren lassen. Doch in Kreuzberg gilt nicht der Polizist als Leistungsträger, der die meisten Demonstranten verprügelt, sondern der „Kreative“.

Wenn in dieser Stadt außerhalb des Staatsapparats noch jemand arbeitet, dann ist es ein „Kreativer“. Und diese Leute sammeln sich in Kreuzberg. Ja, in Ihrem Wahlkreis. Wenn Sie mir das nicht glauben, dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung werden Sie doch wohl noch vertrauen. Also: Spalten Sie die „Kreativen“! Sprühen Sie ein Graffito ans Bethanien und lassen Sie sich dabei erwischen! Versprechen Sie, bei Merkel ein Rettungspaket für Kreative anzumahnen! Schwatzen Sie von kultureller Vielfalt, versprechen Sie Change! Stellen Sie dabei Ströbele als den Kim Jong-il von Kreuzberg da, dessen altmodische Politik den kreativen Fortschritt bremst! Wenn Sie diese Ratschläge beherzigen, ist der Sieg sicher. Aber vergessen Sie unseren Deal in Sachen Althaus nicht.

Kommentare

Lieber Jörn, wenn es die Parteien geschafft hätten, es als eine Bewegung des Wahlkampfs zu initiieren, dann wäre die Vollmündigkeit auf ein Strafmaß der Ungenauigkeit der opponierenden Kapitalien zurück und abgestumpft worden.


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