Jörn Schulz:Wenn die Elite dazulernt
23. Oktober 2009, 19.06 Uhr:

Wenn die Elite dazulernt

von Jörn Schulz

Ist es an der Zeit, den Straftatbestand der Holocaust-Leugnung zu streichen, wie es Henryk M. Broder fordert? „Das Gesetz war gut gemeint, hat sich aber als kontraproduktiv erwiesen, indem es Idioten dazu verhilft, sich als Märtyrer im Kampf um die historische Wahrheit zu inszenieren.“ Eben diese Leute würden die Streichung jedoch als großen Sieg feiern, allein das ist Grund genug, das Gesetz zu erhalten, bei dem man sicher sein kann, dass seine Anwendung nie den Falschen trifft.

Überdies werden sich Rechte und Rechtsextremisten immer als Märtyrer inszenieren, dafür genügt es schon, dass jemand ihren Hasspredigten widerspricht. Das beste Beispiel ist Thilo Sarrazin, den Broder verteidigt hat. Aus gänzlich falschen Gründen, denn der Wert des Beitrags Sarrazins liegt allein darin, dass er vorführt, wie sich die deutsche „Elite“ seit der Nazizeit ideologisch gewandelt hat.

Pünktlich zum 20. Jahrestag des Mauerfalls will Sarrazin in Berlin die Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit abschaffen („generell kein Zuzug mehr außer für Hochqualifizierte“) und unerwünschte arbeitslose Migranten aushungern („perspektivisch keine Transferleistungen mehr für Einwanderer“, übrigens seit langem eine Forderung der NPD). Sarrazin erläutert auch, warum heutzutage eine andere Politik nötig ist: „Wir haben noch nicht verstanden, dass wir ein kleines Volk sind. Wir verstehen uns immer noch als ein großes Volk. 1939, als der Zweite Weltkrieg begann, hatte Deutschland 79 Millionen Einwohner, die USA 135, Rußland 160 und England 50. Die Proportionen haben sich völlig verschoben.“ Da würde einem auch der größte Feldherr aller Zeiten nichts mehr nützen, die Deutschen müssen ein bisschen kürzer treten.

Das biologistische Menschenbild hat sich in gewandelter Form erhalten: „Man muss davon ausgehen, dass menschliche Begabung zu einem Teil sozial bedingt ist, zu einem anderen Teil jedoch erblich. Der Weg, den wir gehen, führt dazu, dass der Anteil der intelligenten Leistungsträger aus demographischen Gründen kontinuierlich fällt.“ Allerdings gelten nicht mehr alle Ausländer als unerwünscht, man weiß zu differenzieren und hat erkannt, dass die Juden nützlich sein können.

„Auch Einzelhandel und Banken waren großenteils in jüdischem Besitz. Das alles gab es nicht mehr, und das war gleichbedeutend mit einem gewaltigen geistigen Aderlass. Die Vernichtung und Vertreibung der Juden aus dem deutschsprachigen Raum insgesamt betraf zu sechzig bis siebzig Prozent Berlin und Wien. Dazu kam der Weggang des klassischen leistungsorientierten Bürgertums. Hermann Josef Abs“, der eine führende Rolle bei der „Arisierung“ spielte, musste nämlich auch gehen, ebenso wie viele andere Leistungsträger der Nazis. So sieht es aus, wenn die deutsche „Elite“ aus der Geschichte lernt: Auschwitz war schlecht für’s Geschäft. Sollte nicht noch einmal vorkommen, sonst kommen noch mehr Türken.

„Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung“, meint Sarrazin. Das offenbart eine gewisse Nähe zu der Ansicht, die Juden seien cleverer und geschäftstüchtiger als die Deutschen. Aber das muss man ja nicht so negativ sehen wie Hitler oder Goebbels es taten. Ich wüsste gern, wie Sarrazin den IQ der türkischen Juden einstuft und wie er ihr Fortpflanzungsverhalten beurteilt. Nein, eigentlich möchte ich das nicht wirklich wissen.

Aufschlussreich auch, dass manche Verteidiger Sarrazins nun so tun, als stünde der Mann vor einem SS-Erschießungskommando. „Wir werden hier Zeugen eines, wie ich finde, unglaublichen und schändlichen Vernichtungsfeldzuges gegen einen Menschen“, meint etwa Olaf Henkel, ehemaliger Präsident des BDI. Tatsächlich besteht Sarrazins Strafe darin, dass er nun bei der Bundesbank für das gleiche Gehalt weniger arbeiten muss. Was wohl leider auch bedeutet, dass er noch mehr Zeit hat, sich über den IQ und die Fortpflanzung von Juden und Türken Gedanken zu machen.

Kommentare

Also spricht der deutsche Spießer: Wer nicht arbeitet, soll nicht essen. Und wer arbeiten darf, bestimmen wir. Außerdem, was eine "Leistung" ist, was ein "Leistungsträger" ist, was "unproduktiv" ist usw. usw. Das Ganze dann einmal angereichert mit Rassismus wie bei Sarrazin oder roh, als unverfälschter Sozialdarwinismus, wie bei Bohrer, Münkler, Sloterdijk. Ich weise auf das Interview hin, das Berberich, der Chefredakteur von "Lettre", gegeben hat: http://www.visdp.de/post/220739692/dilettantismus-phrasen-irrefuhrung-parolen
Er sagt, es gebe in seinem Gespräch mit Sarrazin nichts, "was man nicht sagen darf". Vielleicht, weil der Berberich genauso denkt wie der Sarrazin? (Wäre ja zu komisch, wenn die Leute, die die Araber und Türken rausschmeißen wollen, ausgerechnet diese sprechenden Namen tragen). Jedenfalls wissen sie am besten, "was man sagen darf", unsere eingebildeten Leistungsträger: Fakten, Fakten, Fakten.

Man kann nur umverteilen, was vorher erarbeitet worden ist. Wirklichkeitsverweigerung hilft nicht. Sarrazin hat die Fakten auf den Tisch gelegt, dagegen zu giften ist mehr als albern - vor allem, wenn dafür wieder der böse alte Hitler (gähn) aus der Mottenkiste geholt werden muss.

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