von Stefan Ripplinger
Das Problem von Männlichkeit und Weiblichkeit, das nicht nur für einen Otto Weininger noch ein existenzielles, für einen Klaus Theweleit noch ein kritisches war, das von der Gender-Theorie abgewickelt und das am Ende in Modefotografien entsorgt worden ist, hat mich seit meiner Adoleszenz nicht mehr bekümmert; meine Weiblichkeit ist meine Männlichkeit. Doch zufälligerweise beziehen sich die beiden amüsantesten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe, auf dieses Problem.
Romain Garys in Form eines fingierten Interviews gelieferte Autobiographie (La nuit sera calme, Paris 1974) erzählt zwar die Geschichte eines Abenteurers, der Pilot in der Résistance war, gaullistischer Diplomat, Romancier, ein großer Liebhaber, ein Freund von John Ford, glückloser Regisseur und verheiratet mit Jean Seberg, aber all das nicht wie „der Saft- und Kraftkerl der Literatur, der er einmal war“ (Katharina Döbler), sondern gewissermaßen wie ein Anti-Malraux, ein Anti-Hemingway, keine Heldentaten, komische Zwischenfälle, keine Eroberungen, glory in defeat, „ich erzähle keine Geschichten gegen mich selbst, aber gegen das Ich, gegen dieses ‚Reich des Ich’“, das auch ein zinnenbewehrtes Reich des Männlichen zu sein scheint, der Selbstzufriedenheit, Härte und Grobheit. „Ein Mensch, der sich wohl in seiner Haut fühlt, weiß entweder nicht, was er sagt, oder er ist ein Schuft.“ Grotesker Höhepunkt dieses Buches, das ich nur mit großer Sympathie lesen konnte, ist seine, des Juden Gary, Liebeserklärung an Jesus von Nazareth, dessen mütterliche Zärtlichkeit von Generationen Kirchenfürsten, Kreuzzüglern und anderen „Machos“ in den Staub getreten worden sei. „Ich habe dir ja gesagt, dass ich etwas von einem Hund habe, eine überstark instinktive Seite, also hätte ich, wäre ich Jesus begegnet, sofort mit dem Schwanz gewedelt und ihm Pfötchen gegeben.“
Die umgekehrte Überraschung dann bei Charles E. Ives, von dem ich jahrzehntelang nur Central Park in the Dark kannte, weshalb ich ihn für eine Art Debussy mit gelegentlichen atonalen Kapricen gehalten habe, für einen zarten, stillen, verträumten Komponisten, und der das genaue Gegenteil davon ist, spröde, kantig, unberechenbar, komplex und dennoch zur Zartheit begabt. Seit ich dieses Jahr seine Vierte Symphonie, seine Lieder und vor allem das Monument seiner Concord Sonata kennen gelernt habe, gehört er zu meinen Favoriten. Wie seine nachgelassenen Memos (hg. v. John Kirkpatrick, London 1973) beweisen, hat der von allen geschmähte und verlachte, von der europäischen Avantgarde abgeschnittene Künstler, der sich immerzu anhören musste, das sei gar keine Musik, das könne man nicht einmal spielen, sich aus dieser langen Misere einen Groll bewahrt, der sich in immer neuen, komischen Tiraden entlädt.
Schuld waren in seinen Augen ältere Hühner, die bei der Hausmusik dünnen Tee trinken, nach süßen Klängen verlangen und aus allen Musikkritikern Hühnerliebhaber gemacht haben. Diese Kritiker müssen deshalb, wenn ein Löwe in die Stube tritt, empört aufschreien: „Er ist völlig verwachsen – keine Federn, falsche Farbe, zu lang, zu viele Füße –, er ist nicht wie ein Huhn!“ Ives, der Löwe, findet, und das ist nicht mehr so komisch, die Musik der Zeit „emasculated“, verweichlicht, verweiblicht. Und wenn ihm keine älteren Damen einfallen, die er für den allgemeinen Verfall verantwortlich machen könnte, travestiert er seine Gegner, so den Musikkritiker Philip Hale. „Tante Hale“, eine „nette und liebe alte Dame aus Boston (die meistens Hosen anhat)“, schrieb, Ives sei von Hindemith beeinflusst. Aber „Hindemith (ein netter deutscher Junge) hat nicht vor 1920 damit begonnen, ernsthaft zu komponieren, einige Jahre, nachdem ich meine (gute oder schlechte) Musik bereits abgeschlossen hatte, von der Tante Hale behauptet, sie sei von Hindemith beeinflusst“.
Es fällt schwer, nicht zu psychologisieren, in dem einen wie dem andern Fall, doch Gary und Ives bieten Zeugnisse aus einer andern Zeit, von andern Kämpfen, die vielleicht, wie aller Quatsch, verändert wiederkehren und Jungs, die sich partout nicht auf dem Fußballplatz balgen, sondern lesen oder Klavier spielen, Mädchen, die lieber Bagger fahren als Barbies umziehen wollen, erhebliche Schwierigkeiten bereiten werden, aber fürs Erste sind das bloß seltsame Echos aus der Tiefe oder Wunden, die unsern Vorfahren geschlagen worden sind.
Felix Klopotek weist mich noch auf diese schöne Aufnahme hin:
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