Stefan Ripplinger:Straschek (überarbeitet)
8. Dezember 2009, 12.58 Uhr:

Straschek (überarbeitet)

von Stefan Ripplinger

Ende der Achtziger hörten wir seine Radio-Essays über die Bibliotheken in London, Berlin und Wien.* Dank freundlicher Vermittlung habe ich sie nun, nach über zwanzig Jahren, wiedergehört. Ganz ins Vergessen gesunken war das Selbstporträt des Lesers am Anfang, fast eine Autobiographie. Aufgewachsen in Graz, der „ehemaligen Stadt der Volkserhebung“, versucht er sich wie andere vom nazistischen Erbe frei zu machen. Als Kind liest er B. Traven, als Jugendlicher entdeckt er Brecht und wundert sich über Sartre. Es war ein „mädchenloses Aufwachsen in diesen fünfziger Jahren da unten, mit Kunst als alleinigem Flucht- und Ausweg. Für die weniger Intelligenten gab es den Sport, die Blöden beschäftigten sich mit Technik. Wir waren sehr alleine, wir haben geschrieben, gelesen und gelesen. Alle unsere bzw. meine Vorurteile sind damals schon entstanden. Meine Bewunderung für Faulkner und meine Verachtung für Steinbeck oder Thornton Wilder. Meine Wertschätzung von Hans Henny Jahn und meine Geringschätzung für Werfel oder Hesse, Stefan Zweig oder Rilke.“

Vor dem österreichischen Muff flieht er nach Westberlin, gibt die Literatur für den Film auf, was ihm später, “nach meinem Scheitern in dieser Branche", wie ein Fehler erscheint. Er siedelt nach London über, beginnt ein gigantisches Werk über die (vor allem jüdischen) Exilanten der Kinoindustrie aus Nazideutschland, wohlgemerkt nicht nur über die bekannten Regisseure und Autoren, sondern auch über Kameraleute und Toningenieure, selbst über die Assistenten und die Anwälte. Er hasst es, wie die Sarrazins seiner Zeit über den Verlust großer jüdischer Genies klagen, aber über den ermordeten Gemischtwarenhändler Cohn kein Wort verlieren. Gut 1000 Interviews hat er geführt, gemeinsam mit seiner Frau über ein Jahrzehnt bis zur Erschöpfung gearbeitet; das auf viele Bände geplante Werk ist nie erschienen.**

Aber gut erinnern konnte ich mich noch so viele Jahre nach dem Anhören der Essays an seine Spitzen gegen die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Am Drehkreuz greift ihm eine Mitarbeiterin ohne Vorwarnung ins Sakko. Sie befürchtet, er könnte ein Buch gestohlen haben. Vor solchen beflissenen Subalternen graust es ihm. Es gehen ihm aber auch die Studenten auf die Nerven, die, um „aus 217 Bänden Sekundärliteratur ihre Magisterarbeit zusammenzustellen“, alles, was ihnen halbwegs interessant erscheint, zum Kopierer schleppen. „Ich kann diese Schlangen vor den Kopierapparaten nicht mehr sehen, diese Berge von Büchern unter den Armen, diese Tonnen von Fotokopien, die dann mit roten und blauen und grünen und gelben und orangenen Markern von oben bis unten vollgestrichen werden.“ Zyniker haben dieses studentische Verhalten als „Interpassivität“ beschrieben, damit verglichen erscheinen seine Sehnsucht nach ruhigem intellektuellem Arbeiten, sein Überdruss am fleißigen Abschreiben von Nichtigkeiten, sein lässig eingestandener Kulturpessimismus, lieber zum dritten Mal Stifters Nachsommer als zum ersten Mal ein Buch von Botho Strauß zu lesen, wesentlich sympathischer.

Danach hieß es im Bekanntenkreis, Günter Peter Straschek, der Unbestechlichste von allen, der Grantigste auch, der Nachwelt in Bild und Ton erhalten mit Huillets und Straubs „Einleitung zu Arnold Schoenbergs ‚Begleitmusik zu einer Lichtspielscene’“ (1972), worin er aus Schönbergs Briefen an Kandinsky (1923) über den Antisemitismus zitiert, sei ausgewandert, nach China. Dann lange nichts, erst vor zwei Wochen die Nachricht seines Todes, 29. September in Wien.

Sein Buch habe ich immer lesen wollen, allein des Titels wegen, nie bin ich dazu gekommen, aber nun ist die Zeit doch gerade recht.

Traumfabrik, reale Dekors, soziale Wirklichkeit. Die Vorstellung ‚Traumfabrik’ muß auf den Kopf gestellt werden. Seit geraumer Zeit schon propagiert das Feuilleton, der moderne Film sei reflektierter geworden, realistisch der sozialen Wirklichkeit sich annähernd. Der Kinobesucher meint diese These selbst sehen zu können, und unwillig reagiert er auf einen gemalten Prospekt, er entlarvt das Studio als Illusionstrick nach der Devise: ‚Leider hat ‚Rückpro’ den Nachteil, daß bei mangelhafter Ausleuchtung auch der Laie den Betrug merkt.’ (…) Film ist etwas Gemachtes, Zusammengesetztes, Künstliches – zugespitzt in Sternbergs Annahme, der ideale Film werde völlig synthetisch sein. Endlich zu begreifen wäre: des Kinematografen oft zitierte ‚dokumentarische Authentizität’ ist nichts anderes als die hohe Stilisierung der Oper. Daß soziale Wirklichkeit nicht bei Abfilmung von Gegebenem sich folgerichtig einstellt, darauf ist zu verweisen in Anbetracht der herrschenden Mißverständnisse. (…) Wenn der zeitgenössische Film als ‚realistisch’ und ‚wirklichkeitsnäher’ belobt wird gegenüber der kintoppschen ‚Traumfabrik’, dann sollte sich der Kinobesucher stets fragen: die ‚Wirklichkeit’ welcher Klasseninteressen vertritt dieser ‚kapitalistische Realismus’?“
(Günter Peter Straschek, Handbuch wider das Kino. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1975)

Es ist ein böses Buch. Außer Marx und Mao bleibt keine heilige Kuh ungeschlachtet. Arnheim, Balázs: befangen in ihrem „spekulativen Pathos“, Adorno und Horkheimer: „romantische Konservative“, Underground: „pseudo-meisterliche Luxusgüter“ für die „wahre Bourgeoisie von morgen“, Nazifilm: „gar nicht so verschieden vom Kino vor 1933 in Deutschland und nach 1945 in der BRD“ (dieses Urteil hat er später revidiert), „Les enfants du paradis“: „depravierter Filmkunstklassiker“, René Clair: „essentieller Ausdruck des Verfalls der Dritten Republik“, Pasolini: „peinliche Intellektualisierung“, dagegen „die exzellent-metaphysische ‚B’-Produktion eines Edgar George Ulmer“ sowie die (das soll ein Kompliment sein) „Hofnarren“ Vlado Kristl und Will Tremper (und natürlich Straub).

Aber er ist eben nicht nur einer der in Deutschland und Österreich sattsam bekannten antiintellektuellen Polterer, er folgt einer deutlich erkennbaren und durchaus einleuchtenden Argumentation: Kino als Massenmedium, zugleich als intelligente, synthetische Kunst der Kommunikation, in seiner Klarheit der Literatur überlegen, anonymes, unfreies Produkt, Produkt unserer Zeit, die es wie kein anderes in ihrer ganzen Härte erschließt. Der gewöhnliche Kinogänger ist für ihn nicht ein „ichschwacher Konsument“, der von James-Bond-Filmen brutalisiert wird, sondern immer noch klüger als die selbst ernannten Sozialrevolutionäre. „Beispielsweise in einer Fabrik als Student der DFFB und Stipendienempfänger Arbeiter abzufilmen, sich in der Kantine kumpelhaft an den Tisch der Proletarier zu setzen und verbalradikal jene Ausbeutung zu verurteilen, von der man selbst nicht gerade schlecht dahinlebt, ein Festival mit diesem Produkt zu beschicken, es letztlich an das III. Fernsehprogramm zu verscheuern und alles andere neurotisch mit ‚revisionistisch’ abzutun: dies ist heutzutage die wohl zynischste Form einer parasitären Kulturschickeria, die auf ‚revolutionär’ ihr Brot verdient.“

Vor dieser Haltung können selbstverständlich die Autorentheorie, die Vergötzung großer Heroen der Filmgeschichte (Chaplin! Eisenstein!), die Widerspiegelungslehre, die sentimentale Sozialkritik nicht bestehen, also all das nicht, was noch heute Kulturspießer zur Rettung des Kinos hochhalten. Und vergnüglicherweise ist für einen, der so denkt, das Musical politischer als der Problemfilm: „Der ‚kritische’ Film und partikular auch das Kunstkino stellen heute in der kapitalistischen Produktion eine ungleich größere Gefahr der sozialen Dekomposition dar als das Musical, weil ‚ernste’ Konflikte vorgegeben werden und im Interesse der Herrschenden unter Anteilnahme privater Konsumtionsbedürfnisse ihre Scheinlösung erfahren.“ Nebenbei: Hier verteidigt ein Linker Hollywoods Studiosystem gegen die europäischen Meister (schöne Pointe: Murnau und Renoir waren in den USA besser als in Europa).

Problematisch scheint mir, dass er zwischen ästhetischem Urteil und ökonomischer Analyse munter hin- und herspringt, weder ihre Grundlage noch ihren Zusammenhang irgendwo erläutert. Den Begriff der „Ideologie“ meidet er jedenfalls, vielleicht zu Recht. Dass die wirtschaftliche oder gesellschaftliche Rolle der Kunst, selbst der Massenkunst, gern überschätzt wird, ist eine Binsenweisheit. Schmälert es ihren Wert, dass weder der Rechte (Priorität der Wirtschaft) noch der Linke (Priorität der Politik) allzuviel mit ihr anzufangen weiß? Straschek lässt den Film in der „Produktion“ untergehen; sein Buch bezeugt jedoch eine ganz verblüffend genaue Kenntnis des Untergegangenen. Dieser ungerechte Abgesang aufs Kino wird ihm mehr gerecht als sämtliche Apologien.

Strascheks Buch hat den Furor eines jungen Mannes, der wild entschlossen ist, sich alle Chancen zu vermasseln. Die Zeit nannte es in ihrem Verriss einen „mit abgestandenem SDS-Jargon gewürzten Daten-, Zahlen-, Zitaten- und Namensbrei“, es sei ein „Handbuch wider das Lesen“, das sich an „Großen der Filmgeschichte“ vergreife.

Es ist, mit anderen Worten, höchst lesenswert.

* „Besuch mich mal im Lesesaal. Erfahrungen mit dem materiellen Gedächtnis“ (Sender Freies Berlin, 21./22. März 1988).
** Immerhin entstand 1975 die fünfstündige Fernsehdokumentation “Filmemigration aus Nazideutschland” (WDR / SFB), in der er mit einer Vielzahl von Emigranten spricht, mit Lotte H. Eisner, der berühmten Historikerin in Paris, mit dem Regisseur Anatole Litvak, mit George Froeschel, der als Drehbuchautor in Hollywood erfolgreich war und die Zeit mit Brecht, Eisler und Feuchtwanger miterlebt hatte, mit der wunderbaren Schauspielerin Dolly Haas, mit dem scharfzüngigen Publizisten Heinrich Fraenkel und dem in Anekdoten schwelgenden Regisseur Franz Marischka, nebst vielen andern. Es wird deutlich, was es bedeutet hat, über Nacht Haus und Freunde zu verlassen, woanders ganz von vorn anzufangen. Es entsteht die kollektive Geschichte einer oft abenteuerlichen Flucht, vieler Rückschläge und Verzweiflungen, aber auch von Anderswerden und Glück. Mit wenigen Ausnahmen (Marischka) kehrten nur die Linken zurück nach Deutschland, die andern mieden das Land, wo ihre Verwandten verschleppt und ermordet und sie selbst mit dem Tod bedroht worden waren. Und die, die Nachkriegsdeutschland besuchten, mussten hören, dass die wahren Opfer die Deutschen seien.

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