von Jörn Schulz
Bei der Debatte über die Bombardierung bei Kunduz geht es vornehmlich darum, wer wann warum gelogen hat. Da geraten andere Fragen leicht in Vergessenheit. Zum Beispiel die eigentlich nahe liegende Frage, warum Oberst Klein zwei Lkw mit militärischem Nachschub unbewacht in der Dunkelheit durch ein Gebiet fahren ließ, das von den Taliban kontrolliert wird. Das war zumindest unverantwortlicher Leichtsinn, der mindestens einen Fahrer das Leben gekostet hat.
Die Bundeswehr behauptet: „Eine als sehr zuverlässig eingestufte afghanische Quelle des PRT Kunduz bestätigte in der Folge mehrfach ausdrücklich, dass es sich bei den Personen an den Treibstoff-Lkw ausschließlich um regierungsfeindliche Kräfte handele“. Das war bekanntlich nicht der Fall, “regierungsfeindliche Kräfte” ist allerdings ein dehnbarer Begriff. Doch wie und warum kam der Informnat überhaupt dahin? Sieben Mal soll er mit der Bundeswehr telefoniert haben. Infiltriert hatte er die Taliban-Gruppe also offenbar nicht, da man annehmen kann, dass es Misstrauen erregt hätte, wenn sich jemand so oft in die Büsche schlägt. Überdies wollte der Mann sicher nicht als Kollateralschaden enden. Andererseits hat er angeblich vier Taliban-Führer erkannt, und man muss einem vollbärtigen Turbanträger bei Nacht schon sehr nahe sein, um ihn identifizieren zu können. Ging da jemand im Mondschein spazieren, beobachtete zufällig die Szene und leitete dann faktisch einen Militäreinsatz? Vermutlich nicht.
Die entscheidende Frage ist: Waren die beiden Tanklastwagen ein Köder? Man konnte davon ausgehen, dass die Taliban ihn schlucken und die örtliche Führung sich versammelt, um die Beute zu begutachten. So hätte die Bundeswehr endlich einmal einen militärischen Erfolg feiern können, ohne ein Risiko einzugehen. Das wäre nicht sehr rücksichtsvoll gegenüber den Fahrern und den bei der Bombardierung getöteten Zivilisten, auch setzt es eine Cleverness voraus, die man der Bundeswehr kaum zutraut. Aber so ergeben die bekannten Fakten einen Sinn.
Der ungeschützte Transport bei Nacht etwa, ansonsten eine kaum erklärliche Dummheit, und auch die Präsenz der geheimnisvollen “Quelle". Ein Informant aus dem Umfeld der Taliban dürfte wissen, wo ein Hinterhalt zu erwarten ist, er kennt auch den Ort, den die Jihadisten mit ihrer Beute ansteuern würden und muss niemanden auf Sicht identifizieren, weil er weiß, mit wem er es zu tun hat oder das wenigstens glaubt. Die Beteiligung der KSK, deren Job die Jagd auf Taliban-Führer ist, wäre ebenso erklärlich wie das Drängeln Kleins, schnell zu bombardieren.
Die Luftaufklärung zeigte nach Angaben der Bundeswehr einige Bewaffnete („several“, die Bundeswehr übersetzt „etliche“). Hätte der Oberst sich auf die zufällig eintreffenden Angaben eines Informanten verlassen? Jeder Anfänger bei Militär und Geheimdienst weiß, dass man von solchen Leuten, die häufig Doppelagenten sind oder eigene Interessen verfolgen, mindestens so oft belogen wird wie von Ministern. Es wurden mehrere Fälle bekannt, in denen Informanten US-Luftangriffe auf feindliche Clans lenkten. Bei den Bewaffneten hätte es sich auch um Bauern handeln können, die von den Taliban bereits aufgegebene Lkw begutachten, denn ohne Waffe geht schon gar in der Nacht im ländlichen Afghanistan kaum jemand aus dem Haus. Doch Klein war sich seiner Sache offenbar sehr sicher.
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