von Stefan Ripplinger
Neben guten Manieren* haben die Konservativen, jedenfalls diejenigen, die ich meine, den Linken etwas voraus: Weisheit.
Es ist zwar prinzipiell vorstellbar, dass auch ein Linker gute Manieren haben könnte, obwohl er dadurch sofort konservativ erschiene, aber Weisheit widerstrebt der linken Unruhe, der Dialektik, dem Aufstand und dem Fortschritt. Sie siedelt nahe der Resignation, nahe dem Zweifel, aber auch in einer zur Saturiertheit neigenden Gelassenheit. Das gibt es alles nicht im linken Denken, bekanntlich vor allem den Zweifel nicht.
Wenn es mich aber, gegen Ende des Jahres, da ich den ganzen Unsinn bedenke, der hinter mir liegt, und den Schrecken vor mir, quantus tremor est futurus, nach ein wenig Weisheit verlangt, mehr aus Gründen der Entspannung, greife ich gern zu meinen Lieblingskonservativen, Chesterton, Doderer und übrigens auch zu John Selden, einem Rechts- und Universalgelehrten, der von 1584 bis 1654 gelebt hat, gar nicht sonderlich konservativ war, nicht so konservativ wie, sagen wir einmal, Hobbes oder Burke, aber doch ein Vertreter jenes Common Sense, der sich Linken verbietet. Er war ein großer Kenner des Judentums, das er gegen dessen Verächter stets verteidigt hat.
Money
1. Money makes a man laugh, A blind fidler playing to a Company & playing but scurvily, the Company laugh’d att him, his boy that lead him perceiveing it, cry’d, ffather letts bee gone, they doe nothing but laugh att you. Hold thy peace, Boy, sayes the fidler, wee shall have their money presently & then wee will laugh att them.
2. Euclide was beaten in Boccaline for teaching his Schollars a Mathematicall figure in his schoole, whereby hee shew’d that all lives both of princes & private men tended to one Center, Con Gentilezza, handsomely to gett money out of other mens pocketts & putt it into their owne.
3. The Pope heretofore us’d to send the Princes of Christendome to fight against the Turks. But prince & pope Jugled finely together the moneyes were rais’d & some men went out to the holy warr: But comonly after they had gott the money the Turke was pretty quiett & the prince & ye pope shar’d it betweene them.
(Table Talk of John Selden. Newly edited for the Selden Society by the Right Hon. Sir Frederick Pollock, Bt. London 1927, S. 82f.)
Selden hatte, wie man sieht, ein loses Mundwerk und geriet deshalb einige Male in Schwierigkeit, auch in den Tower geworfen zu werden, musste er sich gefallen lassen. Die Weisheit, an die er sich selbst nicht immer gehalten hat, lässt sich mit einer Fabel zusammenfassen:
Wisemen say nothing in dangerous times. The Lyon you knowe call’d the sheep to aske her if his breath smelt; shee said Yes: hee bitt of her head for a foole. Hee call’d the Wolfe & asked him; hee said Noe; hee tore him in peeces for a flatterer. Att last hee called the ffox, and ask’d him: why, hee had gott a cold and could not smell.
(S. 139f.)
* (Anmerkung 26.XII.) Mit schlechten Manieren meine ich bestimmt nicht die linke Szene, die ich kaum kenne und die mir gleichgültig ist (außer wenn sie die Vorführung eines Films von Lanzmann verhindert), sondern durchaus die bekannten Gestalten. Lenin schrieb in seinem Testament: “4.I. 1923. Stalin ist zu grob, und dieser Makel, der unter uns und in Beziehungen zu andern Kommunisten akzeptabel sein mag, ist ganz inakzeptabel für einen Generalsekretär.” Seitdem ich diesen Satz vor etwa 15 Jahren gelesen habe, geht er mir durch den Kopf. Warum ist Grobheit unter Kommunisten akzeptabel? Warum klingt der Begriff “communisme de pensée", von dem Blanchot im Anschluss an Dionys Mascolo sprechen wollte, wie ein Widerspruch in sich? Hier liegt ein Problem, das aber überraschenderweise nur sehr wenige zu beschäftigen scheint.
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