von Stefan Ripplinger
… ist auch eine „Dreizehnstimmige Kantate für vier Soli, doppelten gemischten Chor, Kinderchor und Blasorchester“ von Erwin Schulhoff aus dem Jahre 1932. Fast 80 Jahre nach dem Entstehen des Stücks wurde es gestern, im Rahmen eines kleinen Festivals, zum ersten Mal in Berlin (und vermutlich auch zum ersten Mal in Deutschland) aufgeführt. Leider nicht mit einem Blasorchester, sondern mit einem trockenen Klavier, aber in Berlin sind wir seit den Preußen Armut gewöhnt und denken uns die Posaunen von Jericho zu den heftig erschütternden Ausbrüchen der Chöre hinzu: „Es geht ein Gespenst um in Europa“, „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ und vor allem „Jaaaaaa, in die Luft sprengen, diese Schichten der offiziellen Gesellschaft!“
Das Libretto von Rudolf Fuchs wählt lediglich Sätze aus dem Manifest und stellt sie geschickt zusammen, seine Bearbeitung ist Brevier. So ergeben sich Solopassagen in Straubscher Prosodie: „Kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch hat die Bourgeoisie übrig gelassen als das nackte Interesse, die gefühllose bare Zahlung; an die Stelle der früheren, durch religiöse und politische Illusionen bemäntelte Ausbeutung, hat sie die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.“ Wie das Wort „Ausbeutung“ vom Sopran entwickelt und ausgearbeitet wird – phantastisch.
Schulhoff, geboren am 8. Juni 1894, Sohn bürgerlicher Eltern aus Prag, mit denen er sich später überwirft, „ich klage alle an, die nicht gewillt sind, ’ihre Eltern’ zu vernichten und somit alle Traditionen“, ist ein Wunderkind am Klavier, beeindruckt Anton Dvorák, geht für Max Reger Bier holen, bewundert Claude Debussy, korrespondiert mit Alban Berg und Tristan Tzara und ist ein sarkastischer, oft zynischer Mann, der vom rauflustigen Dadaismus eines George Grosz angezogen wird, mit Bardamen Nächte durchzecht, Saarbrücken für den Abort Deutschlands hält, ein urbaner, nervöser Komponist, der alle möglichen Einflüsse der Zeit, die gesamte „internationale Stilistik“ vom Zwölfton bis Jazz zu geistreichen, manchmal leisen, manchmal lachenden, immer tänzerischen Stücken zusammenführt. Sein Streichsextett oder sein erstes Streichquartett sind Meisterwerke, die erst in den letzten Jahren, von Gidon Kremer und anderen, außerhalb Tschechiens wieder gespielt worden sind.
Kein Unbekannter in den Zwanzigern, sinkt mit dem Kommunistischen Manifest sein Stern. Inzwischen wieder in der Tschechoslowakei, gibt man ihm kaum Aufträge, er schreibt unter Pseudonymen Tanzmusik und arbeitet als Pianist. Im festen Vertrauen auf den „zusammenbruch der alten ordnung“ und den Sieg des Sozialismus verkennt er die Gefahr. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt wird Schulhoff, der jüdische Kommunist, Bürger der Sowjetunion und glaubt sich gerettet, am 13. Juni 1941 holt er die Visa beim Konsulat ab, am 22. Juni erfährt er vom Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion, am nächsten Tag werden er und sein Sohn von der Ausländerpolizei festgenommen und Ende 1941 von den Deutschen ins Internierungslager Wülzburg geschafft. Am 28. August 1942 stirbt Erwin Schulhoff dort, ausgezehrt, an einer Tuberkulose. Die Toten werden mit Tierkadavern in eine „Aasgrube“ geworfen.
„Nach dem Augenzeugenbericht eines Mitglieds des Begräbniskommandos, unseres Genossen Viktor Schulepnikow, liefen bei der Aasgrube Füchse zusammen und schleppten die Leichen in die Umgebung auseinander. Zweifellos war dies auch der letzte Weg Erwin Schulhoffs.“ (Lew Bereskin, „Im Internierungslager Wülzburg“, zit.n. Josef Bek, Erwin Schulhoff. Leben und Werk. Hamburg 1994)
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