von Stefan Ripplinger
Wie sähe Westdeutschland für einen Marsianer aus? Wie erschiene uns das Land, hätten wir nicht über Jahrzehnte in ihm gelebt und gedarbt? Welche Bilder schienen uns repräsentativ, kennten wir nicht die paar Rückzugsorte, Nischen und Schlupfwinkel (so wie jeder, der es eine Zeitlang in der Hölle aushält, weiß, wo sie nicht gar so heftig stinkt)? Die Antwort kann allein der Zufall geben.
So hat der Filmemacher Rüdiger Neumann (1944–2007) in den Siebzigern und Achtzigern von einem Zufallsgenerator errechnete Orte in der BRD aufgesucht und nach einem strengen Schema gefilmt.
Die bislang äußerst selten zu sehenden Filme (ihr Autor hielt sie regelrecht unter Verschluss) sind nun auf zwei DVDs bei Filmgalerie 451 / Arsenal und in einer sehr hübschen Sonderedition mit ausführlichem Booklet, Archiv der Blicke / Archive of Gazes, im Hamburger Materialverlag erschienen.
Bei ihrer Präsentation vor ein paar Wochen sagte Neumanns Freund Klaus Wyborny, zwei Einsichten über die BRD habe das Verfahren provoziert: 1. Das Land ist kaum besiedelt; dort, wo der Zufall einen hinschickt, ist fast immer ödeste Pampa. 2. Das Land ist nirgendwo still. Egal, auf welchem Acker, in welchem verkrüppelten Wäldchen, an welchem leeren Strand sich einer gerade befinden mag, überall hört er Autos vorbeirauschen, kommt der Trecker eines Bauern heran oder dröhnt gerade ein Flugzeug vorbei. Es ist kein Land für Klaustrophobiker und Eremiten.
Zufalls-Stadt (1978), der leider nicht auf den DVDs enthalten ist, gleicht die Zersiedeltheit aus, indem er auschließlich in die Städte und Käffer geht, 98 zufällig ausgewählte werden porträtiert. Zufalls-Horizonte (1980) dagegen nimmt alles auf und befindet sich deshalb meist im kaum bewohnten Bezirk. Archiv der Blicke (1985) schließlich mischt Städte und Landschaften. Es ist ein Film des Sich-Abwendens. Es naht eine Blaskapelle, es erscheinen Autokolonnen, spielende Kinder, Markt- und Kirmesbesucher – die Kamera ist immer schon im Aufbruch begriffen. Hinaus, hinaus. Die fast notwendige Fortschreibung sind die „heilig nüchternen“ Naturfilme des Neumannschen Spätwerks (Nordlicht, Stein/Licht).
Eine andere mögliche Abwandlung bietet Meridian oder Theater vor dem Regen (1983). Auf einer Texttafel heißt es im Vorspann: „Als ich ein kleiner Junge war, entdeckte ich auf der neuen Alsterbrücke in Hamburg eine Linie im Straßenpflaster, die dort den Verlauf des 10. Meridians bezeichnet. Ich fragte mich, wo die Linie wohl hinführt und wie es dort aussehen mochte. Das Fernweh wurde genährt von meiner Großmutter, die 1905 von Hildesheim nach Hamburg gezogen war und deshalb mir und sich als weltläufig galt. Ich habe mir den Lauf des 10. Meridians in Mitteleuropa angesehen: von Carrara an der italienischen Riviera bis Hirtshals im Norden Jütlands. Zur Zeit der Dreharbeiten an Meridian äußerte der amerikanische Präsident Ronald Reagan, unter dem Einsatz von ’Theater Nuclear Forces’ sei ein auf Europa begrenzter Atomkrieg gegen die Sowjets vorstellbar. Sehen wir uns noch einmal an, wo das nukleare Theater stattfinden soll. Die Arbeiten an der Inszenierung schreiten voran.”
Die Friedensbewegung wurde, ich erinnere mich deutlich, damals patriotisch, „Hilfe! Reagan will unsere Heimat in Klump bomben!“ Nach Zufalls-Horizonte oder Archiv der Blicke hätte man darauf erwidern können: „Na und? Wäre so viel verloren?“ Neumann lockert in Meridian die formalen Prämissen erheblich. Er wählt Ansichten aus, er beginnt zu malen, entwirft atemberaubende Landschaftsperspektiven, wenn sie auch nie so lange stehenbleiben, dass ein Schwärmer sich in sie versenken könnte. Und es ist viel „Fernweh“ darin. Neumann beschränkt sich eben hier nicht auf die BRD, sondern folgt dem 10. Meridian von Italien bis Dänemark. Und, ich kann mir nicht helfen, wiederum derselbe Eindruck: Die arme italienische Provinz, die Alpen, schließlich das Meer sind unendlich schöner als das, was selbst ein geschickter Maler aus der dazwischen liegenden BRD machen kann. Was ginge verloren, wenn ein Atomkrieg alles zerstörte? Im Süden und Norden sehr viel, dazwischen sehr wenig. Vielleicht spielt mir die Lebenserfahrung einen Streich. Ich sehe Häuschen im Schwäbischen und muss mir die hinterhältigen Spießer vorstellen, die darin wohnen; die Italiener und Dänen kenne ich kaum.
Meridian unterscheidet sich von den andern Filmen auch dadurch, dass die hier und da eingesprengte Musik, Zitate aus dem Radioprogramm von AFN, eines westdeutschen und eines ostdeutschen Radiosenders usw. die Bilder kommentieren. Um nicht die Geschichte des Landes zu verschweigen, spricht Neumann an einer Stelle die „Todesfuge“ ein, das nach dem „Erlkönig“ wohl am häufigsten parodierte und verspottete Gedicht der deutschen Literatur. Von diesen Misshandlungen wird es sich erst in ferner Zukunft erholen. Man erkennt die gute Absicht Neumanns, aber genauer und besser als die beste Absicht funktioniert der Zufallsgenerator.
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