Jörn Schulz:Tea Time mit Guido
17. Februar 2010, 19.02 Uhr:

Tea Time mit Guido

von Jörn Schulz

Wie kommt Guido Westerwelle auf all diese glänzenden Ideen? Ich vermute, er hat sie den US-Republikanern geklaut. Sarah Palin scheint sein großes Vorbild zu sein, nicht nur im Hinblick auf außenpolitische Inkompetenz. Die Strategie ist simpel. Obwohl man selbst zum Establishment gehört, tut man so, als kämpfe man gegen das Establishment, gegen eine Übermacht von „Sozialisten“, die der „schweigenden Mehrheit“ alles wegnehmen wollen. Die rechten Republikaner schwatzen derzeit gar nicht so viel über Gott, sie reden lieber über Geld. Westerwelle würde sicher gerne so etwas wie die Tea Party Patriots organisieren, deren Glaubenssatz „Fiscal Responsibility, Constitutionally Limited Government and Free Markets” heißt. Mit der “fiscal responsibility” ist es so eine Sache bei der FDP, aber auch für dieses Problem haben die Republikaner eine Lösung gefunden. Machen die „Sozialisten“ Schulden, beweist das ihre Verantwortungslosigkeit, machen die Wirtschaftsliberalen Schulden, beweist das ihr Verantwortungsbewusstsein. Warum? Nun, weil alle, die etwas anderes sagen, Sozialisten sind, die den hart arbeitenden Steuerzahlern alles wegnehmen wollen. Die offensichtlichsten Fakten konsequent zu ignorieren, gehört zu den wichtigsten Regeln der Palin’schen Schule.

Westerwelle hat natürlich das Problem, dass er eigentlich mitregiert, er kann also seine Sozialneider, die den Hartz-IV-Empfängern nicht einmal den Dreck unter den Fingernägeln gönnen, schwerlich gegen Merkel aufmarschieren lassen. Es sollte mich jedoch nicht wundern, wenn Westerwelle schon bald mit einem Pendant zum „Contract From America“ aufwarten würde. „From“, nicht „For“, es geht darum, aus dem sozialdarwinistischen Wirtschaftsliberalismus eine Basis- und Massenbewegung zu machen. Ob Westerwelle der Richtige für den Job ist, bleibt zweifelhaft. Die Klientel, die er ansprechen will, mag nämlich keine Schwulen, auch wenn sie das wegen des „Terrors der politischen Korrektheit“ nicht so laut sagt, denn sie hält Schwule für zu weich für einen harten Job. Schießen kann er auch nicht. Da hat Palin ihm einiges voraus.

Vielleicht bleibt es also vorerst bei offeneren Bekundungen des Hasses auf die Armen. Auf der „Achse des Guten“, die mehr und mehr zur Achse des Wirtschaftsliberalismus wird und originellerweise Jürgen Elsässers Ansichten über den Klimabetrug und die notwendige Verteidigung der Schweizer Souveränität teilt, schreibt Bernd Zeller: „Bei den Berichten über das wachsende Armutsrisiko in Deutschland ist doch wohl eine Text-Bild-Schere zu beobachten, oder was soll man davon halten, dass die Fotos oder Filmaufnahmen Kinder in neuen, ungeflickten und sauberen Anziehsachen zeigen, die auf einem Spielplatz vor Plattenbauten schaukeln?“ Ja, so hat ein armes Kind auszusehen.

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