von Stefan Ripplinger
Günter Grass und seine Freunde beschweren sich über ein Plagiat und wirken selbst wie ein blasses. Wenn ich nur wüsste, wen sie plagiieren:
Jedes literarische Werk ist ein originäres Kunstwerk. Das gilt für alle Arten von Techniken der Texterstellung, auch für literarische Collagen.
Der erste Satz klingt nach dem 19. Jahrhundert, das nun wieder im Schwange ist, „Techniken der Texterstellung“ dagegen nach Word für Windows. Und sollte einer, der nicht-originäre Kunstwerke schaffen wollte, kein Dichter sein? (Wäre er nicht sogar der klügere, weil er nicht schaffen wollte, was es prinzipiell nicht geben kann, und weil er auf all diese bürgerlichen Mythen nicht hereinfällt?)
Kopieren ohne Einwilligung und Nennung des geistigen Schöpfers wird in der jüngeren Generation, auch auf Grund von Unkenntnis über den Wert kreativer Leistungen, gelegentlich als Kavaliersdelikt angesehen.
Ja, der geistige Schöpfer, tief aus seiner wunden Seele zerrt er den immergrünen Quatsch ans fahle Licht der Öffentlichkeit. Eine geschickte Plagiatorin zöge ich diesen Vertretern der älteren Generation stets vor, bloß halte ich Helene Hegemann nicht für eine solche. Zu dieser Einschätzung bin ich gelangt, als ich in der Taz zwei Sätze jeweils in der Version von Airen und von Hegemann zitiert gefunden habe:
Ich habe ein Grad Fieber sowie ein knappes Promill Alkohol im überhitzten Blut.
Das war Airen, es folgt das Hegemannsche Plagiat:
Ich habe Fieber, Koordinationsschwierigkeiten, ein Promille im überhitzten Blut.
Die „Koordinationsschwierigkeiten“ sind nicht nur ungrammatisch (da sie ja nicht im Blut sein können), sie zerschlagen auch den Rhythmus des Satzes; sie zeigen eine stilistische Koordinationsstörung an. Zweites Beispiel, bei Airen:
Ich steige aus, mache drei Schritte nach vorn und pralle rückwärts gegen die Bahn. Dann stehe ich auf, mache drei Schritte nach vorn und pralle rückwärts gegen die Bahn. Schließlich kommen zwei so grobporige Bahnbullen und verfrachten mich in ein Taxi.
Bei Hegemann:
Ich mache drei Schritte nach vorn und knalle rückwärts gegen irgendeinen sich im öffentlichen Raum befindlichen Werbeträger von Langnese. Ich drehe mich um und knalle rückwärts gegen einen grobporigen Typen in grünen Klamotten. Er [der Polizist] setzt mich in ein Taxi …
Der eine ist ein Naturtalent (er sagt, er habe nie irgendein Buch von Wert gelesen und kenne nur ein einziges Gedicht, von Benn), er weiß, was Parallelismus ist, Klarheit und Kraft. Die andere hat keinen Sinn für Musik, weiß aber, wie man ganz gute Sätze in Bürokratismen – „öffentlicher Raum“, „befindlich“ und „Werbeträger“ – marinieren kann, damit sie ironisch und nach Intellektuellenkunst schmecken.
Wer trägt die Trophäe davon, das Talent oder die gelehrige Tochter?
Ein Literaturredakteur der Taz behauptet:
Ohne Betrieb würde es keine Literatur geben, jedenfalls keine öffentlich wahrnehmbare. Punktum.
Ich behaupte das Gegenteil:
Im Betrieb gibt es keine Literatur mehr, und was im Verborgenen gut war, wird im Betrieb untergehen. Punktum.
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