von Stefan Ripplinger
Dass Millionäre sich Marxisten nennen, scheint eine italienische Vorliebe zu sein. In den meisten Fällen ist das bloß Chichi. Mit was will einer smarte Damen beim Dinner unterhalten: mit Börsenkursen? Ein beiläufig eingestreutes Marxzitat wirkt da anregender, gerade die offensichtliche Lüge reizt auf.
Im langweiligen Deutschland trennt man die Karrieren säuberlich. Mit 20 lassen sich manche in linker Dramatik kaum überbieten, berufen sich auch gern auf revolutionäre Massenmörder, um mit 30 Unternehmensberater oder hoffentlich selbst Unternehmer zu werden. „Sie haben sich ihre Hörner abgestoßen“, heißt es über solche.
Eine Ausnahme fällt auf: Hannsheinz Porst (1922–2010). Er war tatsächlich Millionär und Marxist – in raschem Wechsel, wie ein Schauspieler in einer Doppelrolle, der permanent von einem Kostüm ins andere schlüpft.
Seit 1955 Mitglied der FDP, hinterzog er in den Sechzigern, wie es sich für einen liberalen Staatsgegner gehört, Steuern, fast zehn Millionen Mark. Gleichzeitig war er Mitglied der SED und „IM Fotograf“.
1972 verschenkte er seine Firma, Photo Porst, an die 1400 Mitarbeiter. Das „Mitarbeiter-Unternehmen“ entstand. Porst erklärte, soweit wie möglich solle jeder Mitarbeiter „seine Persönlichkeit frei von Zwängen und Abhängigkeiten entfalten“. Er selbst war von nun an nur noch gewöhnlicher Angestellter wie alle andern auch, 1979 zog er sich ganz zurück. Das Experiment führte zu einem Aufruhr in den kapitalnahen Kreisen, aber der deutschen Linken gefiel es wohl auch nicht, oder sie hat es nicht interessiert (in ihren Blättern kommt Porst, soweit ich zurückdenken kann, nicht vor, nicht einmal als Gegner, Nachrufe haben sie ihm nicht gewidmet, er war für sie inexistent, vielleicht weil er ihr Schema überfordert hat).
Das Mitarbeiter-Unternehmen scheiterte zehn Jahre später, möglicherweise auch, wie der Spiegel damals nahe legte, weil Porst einen fähigen, aber „reaktionären“ Manager entlassen hatte. Auf den Kapitalismus verstehen sich die Reaktionäre halt besser.
Ich erinnere mich an die Abzüge von Photo Porst aus den Siebzigern. Sie hatten recht flaue Farben, runde Ecken – so praktisch! –, und auf dem Rücken klebte jeweils ein lustiger König, der aussah, wie von der Firma Rolf Kauka gezeichnet. Es waren hässliche Abzüge, schon als Kind erschienen sie mir spießig. Aber wenn ich heute über diese seltsame Geschichte nachdenke, finde ich den 1975 – also auf dem Höhepunkt dieses Sozialismus-in-einem-Betrieb – eingeführten Markennamen „Königsbild“ überraschend. Ausgerechnet König; dabei hatte er gerade abgedankt. Doch dieser König, Porst, blieb auch als abwesender präsent. Er hatte gewissermaßen zwei Körper, einen kapitalistischen, vergänglichen, und einen kommunistischen, der als Idee weitergeistert.
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