von Stefan Ripplinger
Ein Stündchen trotteten wir auf dem „Transgenialen CSD“ mit, bis mir das Transparent „Free Gaza“ direkt neben mir, auch die Friedrichshainer Sprüche aus dem ersten Wagen auffielen. Ich stöhnte, und G. meinte, meine schlechte Laune könnte den andern ihre gute verderben. Die Szene besteht hier und da aus ganz netten Leuten, glaube ich, kenne sie nur vom Sehen, aber ist doch intellektuell ein Elend. Das gilt allerdings auch für den großen CSD, den wir eine Woche zuvor besucht hatten. Die Kostüme waren phantastisch, aber doch nur Entr’actes in einer langen Prozession von Staatshomosexualität, erst der Wagen der Homos in der SPD, dann der Wagen der Homos in der CDU, dann der Wagen der Homos bei den Grünen, die hatten technische Probleme, vielleicht Solarstrom, dann der Wagen der Homos in der FDP, die trauen sich ja was, dachte ich, dann der Wagen der Homos bei der Linkspartei, trotz Nebenwiderspruch, man ist dabei. Für die Abfolge kann ich mich nicht verbürgen, aber der der SPD kam zuerst, das weiß ich noch, und der der CDU war mit Deutschlandflaggen geschmückt, wie übrigens einige weitere Wagen, das ist heute nicht mehr bös gemeint, habe ich mir sagen lassen.
Muss einer oder eine sich nun entscheiden, für den einen oder den anderen CSD? Lieber nicht. Der Kommentator der Taz immerhin hat sich entschieden, für beherzte Lobbyarbeit, also den ganz großen Umzug nach oben, aber kann sich wiederum nicht entscheiden, ob er Linke für Ziegen oder Hunde halten soll, denn entweder meckern sie oder sie bellen.
(Judith) Butler nobilitierte mit ihrer Preisverweigerung den neolinken Weg einer religiös anmutenden Praxis: Man hat so seine Gebete, die “Forderungen” genannt werden – dass sie auch erhört werden, ist freilich so offen wie alles, was meckernd einer höheren Macht entgegengebellt wird.
Das ist übrigens ganz so wie bei den Splittergruppen: Irgendeiner oder irgendeine singt immer schief und muss feierlich aus dem Chor ausgeschlossen werden, ja muss fortan als unmusikalisch gelten, ihm oder ihr eilt dann der Ruf voraus, für das Singen im Chor ungeeignet, im Grunde, da das chorische Singen ja eine menschliche Fähigkeit ist, auch kein Mensch zu sein, keiner wie du, ich oder Jan Feddersen jedenfalls. Ich weiß auch nicht, das nimmt mich gegen diese ganze verdammte Chorsingerei ein, obwohl ich sie ganz gern höre, wenn es der Rundfunkchor oder der Choeur de la Chapelle Royale ist, aber der Staat ist ja auch kein Chor, sondern die konzertierte Aktion der Normalen.
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