von Stefan Ripplinger
Weil sich der Selbstmord Carl Einsteins, eines der wenigen Europäer – denn ein Deutscher war er ja nicht –, die im letzten Jahrhundert interessant über Kunst geschrieben haben, zum 70. Male jährt, erlaubt sich die Frankfurter Rundschau ein wenig Ironie:
„Bei Kurt Tucholsky fand sich eine freche Bemerkung. 1931 zitierte er aus einer Rezension Einsteins - offenbar zu Gedichten Gottfried Benns - einen peinlich pompösen Satz. Dessen einziger Sinn, so Tucholsky, bestehe offenbar darin, auszuloten, was einer Redaktion alles zuzumuten sei. Tucholskys Methode ist fies, aber leider funktioniert sie stets, wie die Blattkritik täglich beweist. In diesem Fall kann man daraus aber einen versöhnlichen Schluss ziehen: Ein Schriftsteller muss kein guter Journalist sein und eine Zeitungskolumne keine Literatur.“
Der Satz, den Tucholsky für unzumutbar und die Rundschau für „peinlich pompös“ hält, lautet:
„Nach den beschreibenden Gedichten der Jugend bemerkt man im Gedicht ‚Karyatide‘ das Eindringen eines stärker dynamisierenden Wortvorgangs; das Motiv schwindet, zerrinnt fast in den zeitflutenden Verben; das zeithaltige funktionsreiche Ich läßt das Motiv vibrieren und aktiviert den Dingzustand im Prozeß; nun lebt das Motiv stärker, doch nur in der Zentrierung in das Ich; die Bedingtheit der Welt durch das lyrische Ich wird gewiesen.“
Er ist Teil einer klar sehenden Kritik.* Aber es geht gar nicht um einen Satz. Tucholsky hatte Einstein und die moderne Kunst schon Jahre zuvor auf dem Kieker. In dem von Einstein und Paul Westheim herausgegebenen „Europa-Almanach“ von 1925, in dem neben vielen anderen Werke von Alexander Blok, Constantin Brancusi, Georges Braque, Bertolt Brecht, Blaise Cendrars, Le Corbusier, Otto Dix, James Ensor, Lionel Feininger, André Gide, Juan Gris, Sergej Jessenin, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Else Lasker-Schüler, Fernand Léger, El Lissitzky, Wladimir Majakowski, Kasimir Malewitsch, Amedeo Modigliani, Benjamin Péret, Pablo Picasso, Pierre Reverdy, Arthur Rimbaud, Erik Satie, Tatlin und Melchior Vischer erschienen sind, wollte Tucholsky einzig und allein ein Berliner Icke-Gedicht („Ick sitze da un esse Klops“) und ein paar Zeichnungen von George Grosz gelten lassen.
„Unter Europa tun wirs heute nicht mehr - das weniger besteht denn je -, und die Kontinente purzeln nur so umher, wenn Einer ein kleines Gedicht macht, um das Niemand sich kümmert. Wenn man diese Anhäufung der neuen avant-garde-Flügelmänner durchblättert, so muß man das mit den Augen Eines tun, der das Buch im Jahre 1935 wiederfindet und nun seinesteils den Wollkrümelstaub wegbläst. Kaum zur Welt gekommen, ist das blaß, tot und alt.“ (Peter Panter, d.i. Kurt Tucholsky, Die Weltbühne, 15 / 1925)
Das ist allerdings von einer beispielhaften Vernageltheit. Linke Gemütlichkeit hat sich stets gegen alles Neue, Internationale, Schwierige, Feine abgeschottet. Deshalb, und nicht weil ihm ein Satz missfallen hätte, war Einstein Tucholsky ein Dorn im Auge.
Dazu noch eine Anekdote: Als ein besonders übles Schicksal mich in die Redaktion einer linken Tageszeitung verschlagen hatte, klingelte eines Morgens das Telefon. Ich hob ab, ein erregter Leser war dran: „Was ist denn heute für ein Tag?“ „Wir haben den neunten Januar“, antwortete ich arglos. „Und? Was ist das für ein Tag?“ – „Keine Ahnung.“ –„Tucho! Es ist Tuchos Geburtstag!“ Er konnte sich kaum darüber beruhigen, dass ich zum soundsovielten Geburtstag seines „Tucho“ keinen Jubiläumsartikel bestellt hatte, denn der Abonnent war über Jahrzehnte daran gewöhnt worden, dass jedes Jahr pünktlich am 9. Januar einer erscheint. Ich glaube, das war der Augenblick, in dem ich mich für alle Zeit von der deutschen Gefühlslinken verabschiedet habe.
* C.E., „Gottfried Benns ‚Gesammelte Gedichte‘“ in Die Neue Rundschau, Oktober 1927, S. 446f., erneut in ders., „Werke“, Bd. 2, hg. v. Marion Schmid, Berlin 1981, S. 369-372. Die Besprechung endet mit „Vor Leistung ist Lob töricht; ich stelle meine Bewunderung fest“. Die „Abneigung gegen die teleologische Dynamik des Entwicklungs- und Kausalitätsnepps“ versteht sich aus der Ästhetik des jungen Einstein von selbst, die Bewunderung von Benns „objektentbundenem Subjektivismus“, seinen „zerebralen Halluzinationen” und seiner „autistischen Beschwörung“ wird von Einsteins posthumer Schrift „Die Fabrikation der Fiktionen“ widerrufen. Aber dass er so glasklar diagnostiziert hat, was seiner späteren Kritik verfallen musste, ist nur ein weiterer Beweis für die Stärke seiner Analyse.
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