Stefan Ripplinger:Katastrophe in der Katastrophe
31. Juli 2010, 21.57 Uhr:

Katastrophe in der Katastrophe

von Stefan Ripplinger

Die Duisburger Love Parade hat die Besserwisser, Spezialisten und Sicherheitsberater Schlange stehen lassen. Jeder, der nicht in die Ferien gefahren war, wollte dringend etwas dazu bemerken. Allein im Deutschlandfunk jeden Tag mindestens ein halbes Dutzend unfroher Gestalten, auch in staatstragenden und sonstigen Zeitungen eine endlose Parade alter Männer, die so etwas nie und nimmer genehmigt hätten, vor drei Monaten schon dies und das gesagt haben und die Schuld abwechselnd mal dem Veranstalter, mal dem Bürgermeister, mal der Polizei, mal sogar den Teilnehmern gaben, die selbst schuld sind, was hören sie auch für eine Musik, was nehmen sie auch für Drogen, warum sind sie auch nicht vernünftig und sitzen mit Emma uff de Banke.

Nach über einer Woche von diesen immer gleichen Besserwissern völlig abgestumpft wie noch selten vom Techno meines Nachbarn, musste es mich doch verblüffen, noch einmal verblüfft zu werden, nämlich heute Mittag im Deutschlandfunk von dem unvergleichlichen Rainer Burchardt, früher Chefredakteur des Senders, heute freier Publizist, Professor und Träger der 1. Hochschulmedaille, in seinem Kommentar zur Woche.

Burchardt muss als 500. Vernünftiger und Sachverständiger ordentlich aufsatteln, spricht nun sogar von einer „politisch-moralischen Katastrophe in der Katastrophe“. So als ob die Katastrophe eine Babuschkapuppe wäre, kaum betrachtet man sie näher, steckt da noch eine zweite, kleinere, ein Kataströphchen, und in ihr noch eine kleinere, usw. bis hinab zu dem Miniminikataströpheleinchen, das Burchardts Katastrophenkommentar selbst ist.

Sein Hauptgegner ist, weil CDU (Burchardt war Sprecher des SPD-Bundesvorstands), Duisburgs ungeschickter Bürgermeister, der ohnehin schon fast zurückgetreten ist, aber nun noch einmal einen kräftigen Tritt in den Hintern bekommt. Dann geht Burchardt unvermittelt von dem einen „Sesselkleber“ zu den vielen Sesselflüchtern über. Angespornt vom „Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und amtierenden Ratsvorsitzenden der EKD“ (ein irgendwie an Erich Honecker erinnernder Titel) Nikolaus Schneider, der die Verantwortungslosigkeit von Politikern beklagte, schießt er als Feldjäger gegen solche, die „von der Fahne gehen“, als ob sie nicht gedient hätten, und so preußisch weiter, natürlich Kants „verdammte Pflicht und Schuldigkeit“ und als krönender Abschluss „nota bene Bismarck“, „die Furcht vor der Verantwortung eine Krankheit der Zeit“.

Otto von Bismarck hat die Rede, aus der dieses Zitat stammt, am 1. März 1870 gehalten. In ihr nennt er die Todesstrafe ein Gebot göttlicher Gerechtigkeit. Verantwortung, meine Herren! Aber die verantwortungslosen Abgeordneten des norddeutschen Reichstags stimmten gegen ihn und schafften die Todesstrafe ab. Dies nur zur Erinnerung daran, dass manches auch vorläufig gut ausgeht, selbst wenn hinterher immer ein Burchardt nachkommt und die Trommel rührt.

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