von Stefan Ripplinger
Gegen Adorno, Horkheimer und Scholem, denen Walter Benjamins Vulgärmarxismus peinlich war, hebt Hannah Arendt dessen Freundschaft mit Bertolt Brecht hervor. Da waren einmal zwei Vulgärmarxisten beisammen, die gemeinsam auf manche Idee gekommen sind („plumpes Denken“). Aber ein Beleg Arendts für die einzigartige Freundschaft erscheint mir tatsächlich unangenehm vulgär. Brecht soll, als er vom Tod Benjamins erfuhr, „gesagt haben, dies sei der erste wirkliche Verlust, den Hitler der deutschen Literatur zugefügt habe“.*
Hoffentlich hat er das nicht gesagt, denn es klingt mehr nach Ernst Jünger als nach Brecht. Benjamin starb im September 1940. Es waren also schon tot: Carl Einstein (Juli 1940), Egon Friedell (1938), Walter Hasenclever (Juni 1940), Karl Kautsky (1938), Erich Mühsam (1934), Carl von Ossietzky (1938), Ernst Toller (1939), Kurt Tucholsky (1935), Ernst Weiß (Juni 1940). War Benjamin wichtiger als alle diese? Vielleicht. Aber ist es nicht ganz gleichgültig, wie wichtig einer ist, wenn er ermordet oder in den Tod getrieben wird? Muss sich einer erst mit einem Meisterwerk die Trauer verdienen?
Karl Kraus bemerkte 1933 über eine duckmäuserische Zeitung:
Nie schlägt sie selbst übers Ziel; und bis heute hält sie an der Version fest, es werde vermutet, daß der Ermordung Lessings politische Motive zugrundeliegen.**
Theodor Lessing, der am 31. August des Jahres in Marienbad von einem SA-Mann erschossen worden war, war nun gewiss kein Schriftsteller, den Kraus besonders hoch schätzte, ja vermutlich hat er ihn gründlich verachtet. Denn Lessing hatte drei Jahre zuvor Kraus „das leuchtendste Beispiel des jüdischen Selbsthasses“ genannt.***
Kraus’ Spott hatte sich Lessing aber schon viel früher zugezogen. In der Fackel 307/1910 heißt es:
Gotthold Ephraim Lessing ist nicht zu verwechseln mit einem gegenwärtigen Theodor Lessing aus Hannover, der einen »Lärmschutzverband« begründet hat, also einen Verein zur Beschützung des Lärmes, weshalb es begreiflich erscheint, daß der genannte Herr durch literarische Lärmmacherei eine Aufmerksamkeit erzwingen will, die einem Hardenepigonen nicht zukommt.
Aber was bedeutete das nun noch, nachdem ein Meuchelmörder den von den Hindenburgdeutschen inbrünstig Gehassten umgebracht hat? Einen Freund zu betrauern, gelingt den meisten, aber sehr wenigen nur, einen Gegner zu ehren. Arendt schreibt auch, dass Benjamin einem „aus dem Georgekreis stammenden ‚Widersacher’“, Max Kommerell, Gerechtigkeit hat widerfahren lassen. Kommerell war auf dem Weg in den Nazismus, aber hatte doch einiges geschrieben, das Benjamin für interessant genug hielt. Arendt merkt an:
Dem Freund in den Rücken zu fallen (…) entsprach durchaus der Stimmung der Zeit; aber den Widersacher zu ehren, das war gerade in Deutschland, wo es eine Solidarität der Geistigen, wie sie etwa die Ecole Normale in Frankreich heranbildet, nie gegeben hat, so gut wie unbekannt.****
Wenn er Benjamins Tod zum „ersten wirklichen Verlust“ erklärt hat, hätte Brecht damit jedenfalls nicht das Cliquen- und Clanswesen verlassen, das seit je in Deutschland für den gemütlichen Muff sorgt.
* Hannah Arendt: „Walter Benjamin (Essay, 1968/71)“, in Detlev Schöttker und Erdmut Wizisla, Hg.: Arendt und Benjamin. Texte, Briefe, Dokumente. Ffm. 2006, S. 45–97, hier S. 60.
** Karl Kraus: Dritte Walpurgisnacht. Schriften, hg. v. Christian Wagenknecht, Band 12. Ffm. 1989, S. 106.
*** Theodor Lessing: Der jüdische Selbsthaß. München 1984, S. 43
**** Arendt, S. 53.
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