von Jörn Schulz
„Kinderarmes Volk – verlorenes Volk“ – es gilt das Datum des Poststempels: 22.1.1937. Anders als der Führer kann Thilo Sarrazin immerhin eine Nettoreproduktionsrate von 1,0 vorweisen. Für das Vaterkreuz reicht das aber nicht. Der NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel lobt Sarrazin: „Seine ausländerpolitischen Aussagen atmen dagegen durch und durch den Geist nationaldemokratischer Überfremdungskritik. (…) Dem Bundesbank-Vorstand kommt das große Verdienst zu, die Überfremdungskritik der NPD endgültig salonfähig zu machen. Richtet man den Fokus auf seine bevölkerungs- und ausländerpolitischen Aussagen, kann man nur feststellen: hier hat jemand ein regelrechtes NPD-Buch geschrieben“.
Man mag glauben, Sarazin habe in seinem Buch nicht viel Neues zu sagen. Doch das ist falsch. Ganz nebenbei hat er der Geschichtswissenschaft neue Perpektiven eröffnet. Bislang glaubten die Historiker, Bauwerke wie die chinesische Mauer hätten der Abwehr von militärischen Angriffen gedient. Nun wissen wir es besser: „Ungesteuerte Zuwanderung konnte zu jeder Zeit staatliche Gebilde gefährden und die Stabilität einer Gesellschaft unterminieren. Das chinesische Kaiserreich hatte deshalb seine Chinesische Mauer, die Römer hatten ihren Limes. Zu keiner Zeit waren die Sicherung des Territoriums und die Regulierung von Zuwanderung trivial. Die um diese Fragen entstehenden Verwicklungen bedrohten Staaten und Gesellschaften häufig im Kern und prägten sie tief, und immer wieder waren sie begleitet von blutigen Orgien und Gewalt.“ Ob Invasion oder Migration – für Sarrazin ist alles Überfremdung. Was er sich unter „blutigen Orgien“ vorstellt, möchte wahrscheinlich nicht einmal sein Therapeut wissen.
Etwas inkonsequnet erscheinen Sarrazins schulpolitische Forderungen: „Schuluniformen sollten obligatorisch sein.“ Müssen die sozialen Unterschiede nicht eher hervorgehoben werden, um die Hartz-IV-Brut zu höheren Leistungen anzuspornen? „Zumindest für die größeren Kinder muss die Ganztagsschule so aufgebaut sein, dass sie zu Hause neben dem Wochenende nur den Feierabend verbringen.“ Feierabend? Wochenende? Das klingt verdächtig nach spätrömischer Dekadenz. Besser schon: „Die Eltern werden für jede unentschuldigte Fehlzeit mit empfindlichen Geldbußen belegt. Diese werden mit den Transferzahlungen auch dann verrechnet, wenn dadurch das sozioökonomische Existenzminimum unterschritten wird.“ Hunger war schon immer der beste Lehrmeister.
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