von Jörn Schulz
In den USA bezeichnet man als liberal einen Linksliberalen, der sich für individuelle Freiheit und soziale Gerechtigkeit einsetzt. Anderswo versteht unter einem Liberalen jemanden, der sich für die individuelle Freiheit einsetzt, soziale Gerechtigkeit aber für entbehrlich hält oder glaubt, der Markt werde sie schon herstellen. Nur in Deutschland hält man Menschen für liberal, die so etwas schreiben: „Ein freies Land muss mehr sein als ein Land individueller Rechte. Es braucht größere Festungen der Freiheit“.
Gerd Held erläutert in der Welt, von wem er spricht: „Unternehmen sind Festungen der Freiheit, die der Landschaft der Moderne ihre stabilen Höhenzüge geben. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass in dem populären Satz ‚Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen’ eine Geringschätzung – sogar eine Verachtung – liegt. Der Satz spricht den Unternehmen eine eigene moralische Würde ab. (…) Die Unternehmen sind kein Mittel zum Zweck. Sie sind selber ein Zweck, eine Daseinsweise der Freiheit. In ihnen wird die Freiheit produktiv, sie erhält einen Weltbezug und damit auch eine Mäßigung.“
Freiheit, einfach so – das war den Deutschen, gerade auch den vorgeblichen Liberalen, immer verdächtig. Dennoch muss ich zugeben, dass ich beeindruckt bin. Dem Unternehmen eine eigene moralische Würde zuzusprechen, darauf muss man erst einmal kommen. „Märkte an sich sind der Moral gegenüber indifferent“, behauptete etwa der Kryptokommunist Adam Smith.
Die deutschen Unternehmer sind besonders sensible Wesen. Anders als prosaische Briten und pragmatische Amerikaner bedürfen sie nicht nur einer Hofpoesie, die des Landes der Dichter und Denker würdig ist. Sie brauchen Liebesbeweise. Wegen „mangelnder Anerkennung und der Angst vor Neidern“ werde in Deutschland so wenig gespendet, meint der Milliardär Dietmar Hopp. Ulf Poschardt beklagt in der Welt die „Flucht der Reichen aus einer überwiegend missgünstigen Öffentlichkeit“. Amerikanische Milliardäre spenden, weil sie gelobt und geliebt werden wollen. Deutsche Milliardäre wollen erst gelobt und gebliebt werden, dann spenden sie auch etwas – vielleicht.
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