von Jörn Schulz
Es ist ein seltsames Phänomen, dass Menschen, die nicht müde werden, den Kapitalismus zu loben, anderen vorwerfen, sie wollten Geld verdienen. So fragt Henryk M. Broder im Tagesspiegel: „Warum dürfen manche Tierrechtler ihr Leben am Rande der Legalität auch noch vermarkten?“ Das hat etwas mit den bürgerlichen Freiheiten und dem Gesetz von Angebot und Nachfrage zu tun. Wer sich als heroischer Kämpfer gegen einen übermächtigen Feind inszeniert, kann, sofern sein Thema hinreichend populär ist, seine Person lukrativ vermarkten. Der eine, Paul Watson, kreuzt die Meere und handelt sich Ärger ein, weil er meint, dass die Wale zu wenig geschützt werden. Der andere publiziert am Rande der Legalität und handelt sich hin und wieder eine Klage ein, weil er meint, dass die Muslime zu sehr geschützt werden. Beide sind erfolgreich in ihrem Job, sie sehen sich übrigens sogar ähnlich.
So geht es zu in der Marktwirtschaft. Da muss man nicht gleich nach dem Staat rufen, nur weil man neidisch ist, dass der Walschützer Paul Watson in „einem millionenteuren High-Tech-Trimaran“ fahren darf. Es war wirklich ein sehr schöner Trimaran, wie aus einem James-Bond-Film, und ich glaube, dass die Japaner das Schiff nur kaputtgemacht haben, weil sie, bis zu den Knien im Tran stehend auf ihren hässlichen Pötten, auch neidisch waren.
„Noch nerviger als Tierschützer sind freilich alleinerziehende Mütter“, meint Broder. Die haben zwar keinen millionenschweren High-Tech-Trimaran, aber sie besetzen den Platz, der Broder gebührt: „Neulich saß wieder eine Vertreterin dieser Spezies in einer Talkshow und klagte darüber, wie schlecht es ihr ginge. Mit Anfang 30 hatte sie schon vier Kinder, das erste bekam sie mit 15. Die folgenden drei haben sich dann mehr oder weniger ergeben. Nun ist der Zusammenhang zwischen Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung schon eine Weile bekannt, es gibt Verhütungsmittel, deren Einsatz allerdings ein wenig Disziplin erfordert, aber nicht mehr, als ein Diabetiker braucht, um seine tägliche Dosis Insulin zu nehmen. Man kann es auch keiner Frau verbieten, Kinder nach Belieben zu bekommen, und man kann sie nicht verpflichten, erst einmal die Bonität des Kindsvaters zu prüfen, bevor sie seine Virilität auf die Probe stellt.“
Hier stoßen wir gleich auf zwei seltsame Phänomene. Die Leute, die sich über die ewig jammernden Deutschen beklagen, jammern selbst am meisten. Keiner kann es ihnen recht machen. Wird eine Frau zur Hochzeit verpflichtet, heißt es: Zwangsheirat! Böser Muslim! Hat eine Frau Kinder, will sich aber nicht zur Heirat verpflichten lassen, heißt es: Verantwortungslos! Böse Schnorrerin! Hat eine Frau keine Kinder, heißt es: Egoismus! Böse Emanze!
Seltsam ist auch die Kampagne gegen alleinerziehende Mütter. Sie wird geführt von Männern, die bereits mit dem Anblick eines einzigen schreienden Kleinkinds überfordert sind. Manche überfordert auch schon der Anblick der Mutter. Sollte es einem aufgeklärten Patriarchen nicht wenigstens Hartz IV wert sein, wenn die Frauen sich der plärrenden Brut widmen, damit die Männer ungestört um die Welt schippern oder die Welt belehren können?
Eine Lockerung des Patriachats führt nun einmal dazu, dass viele Frauen ehemals heilige Verpflichtungen missachten. Da der Anteil der Väter, die nicht nur ein Sorgerecht beanspruchen, sondern auch allein für ein Kind sorgen, unter zehn Prozent liegt, gibt es viele alleinerziehende Mütter. Da Kinderbetreuung und Job schwer vereinbar sind, sind viele auf Hartz IV angewiesen. Da nach Angaben des Statistischen Bundesamts so ein Kind bereits im Jahr 2003 durchschnittlich 550 Euro im Monat kostete, der Hartz-IV-Satz aber deutlich niedriger ist, sind Mütter und Kinder arm. Wer nicht diese Armut, sondern die Tatsache, dass die Mutter sich trotzdem beharrlich weigert, einen Ernährer zu ehelichen (wie es – Überraschung! – auch Thilo Sarrazin tut) für das Problem hält, müsste sich eigentlich mit einem Muslimbruder gut verstehen. Tut er das nicht, weckt das den Verdacht, dass er neidisch auf die muslimischen Männer ist. Das Patriarchat ist der High-Tech-Trimaran des Muslims. Wenn mir keiner die Pantoffeln bringt, soll der sich seine gefälligst auch selber holen!
Broder hat allerdings recht, wenn er meint: „Galt früher einmal der Grundsatz, dass man Menschen helfen muss, die unverschuldet in Not geraten sind, so lassen es die Menschen heute bewusst darauf ankommen, dass ihnen geholfen wird, wenn sie in ein selbst gewähltes Elend geraten.“ Ich will aber mal nicht so hartherzig sein und ihm trotzdem helfen. Es gibt nämlich eine segensreiche, viel zu selten gepriesene Erfindung, die sein selbst gewähltes Elend beenden kann. Ich spreche von der Fernbedienung. Sie erlaubt es, ohne große Anstrengung das Programm zu wechseln, wenn man eine Sendung nicht mag. Es funktioniert, ich habe es oft genug selbst ausprobiert.
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