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Archiv für: August 2008
29. August 2008, 16.05 Uhr:

Menschenopfer (2)

von Stefan Ripplinger

Die Geschichte des Opfers ist eine der Opferkritik.

Was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der HErr. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fetten von den Gemästeten und habe keine Lust zum Blut der Farren, der Lämmer und Böcke. (Jesaja, 1, 11)

Hermann Cohen, der die Opferkritik der Propheten bewundert, will gleichwohl mit dem Opfer nicht auch den öffentlichen Kultus verworfen sehen. In der Sublimierung des Opfers halten sich die alten sozialen Motive recht lange. Und vor der völligen Vergeistigung des Opfers im Protestantismus bleibt sogar das archaische noch erkennbar: Die Sakristei mancher mittelalterlichen Kirche verfügt über einen Ausguss für den in Blut verwandelten Messwein, er soll die vor den Kirchenmauern liegenden Felder düngen, so wie in Cesare Paveses Dialoghi con Leucò der Phrygier Lityerses mit dem Blut des Herakles dem Kornfeld, und nicht etwa einem Gott über dem Feld, opfern will.

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28. August 2008, 13.42 Uhr:

Alles meins

von Jörn Schulz

„Die Wissenschaftler hatten insgesamt 229 Manager zu einer Reihe spielerischer Experimente aufgefordert. Spieleinsatz waren die für Manager wohl kostbarsten Güter: Aktien. Jeweils ein Manager musste nun entscheiden, wie er eine festgelegte Menge von Aktien mit einem anderen - nicht anwesenden - Manager teilte. Sie bekamen zum Beispiel die Wahl, zwei Aktien für sich zu behalten und dem anderen Manager keine abzugeben oder die beiden Aktien eins zu eins untereinander zu teilen.“

Es ist nicht schwer zu erraten, wie das Experiment ausgehen würde. Ersetzen Sie „Manager“ durch „Kinder“ und „Aktien“ durch „Schokolinsen“, so ergibt es die Versuchsanordnung, die Spiegel online unter der Überschrift „Egoistische Vorschüler“ präsentiert. Erst mit fünf Jahren entwickeln Kinder Gerechtigkeitssinn, überdies werden sie im Kindergarten und in der Schule ermutigt, auch mal eine Schokolinse abzugeben. „Der Wunsch, Ungleichbehandlungen zu verhindern, unterscheide uns von anderen Tieren und auch von unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, schreiben die Forscher.“ Irgendetwas geht da wohl schief in Erziehung und Sozialisation, wenn wenn so viele Erwachsene in das Sozialverhalten von Schimpansen zurückfallen. Und die lausen sich wenigstens gegenseitig, ein Verhalten, das beim Homo sapiens im Spätkapitalismus noch nicht beobachtet wurde.

26. August 2008, 17.49 Uhr:

Die Fratze der Dämonen

von Jörn Schulz

Nein, Herr Huber, so können Sie ihr Einparteienregime in Bayern nicht retten. Etwas mehr Schwung müssen Sie schon in den Laden bringen. Die Idee, als Ritter in schimmernder Rüstung dem bolschewistischen Ungeheuer tapfer die Stirn zu bieten, ist ja gar nicht so schlecht. Aber es fehlt einfach der Elan.

„Wenn es sein muss, dann führen wir einen politischen Kreuzzug gegen die Partei von Oskar Lafontaine.“ Einen Kreuzzug führt man nicht, wenn es sein muss, man führt ihn, weil Gott es so will. Wenn Papst Urban II. im Jahre 1095 so lustlos an die Sache herangegangen wäre, hätten die tapferen Gotteskrieger niemals die Muslime und Juden in Jerusalem mit der Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus bekannt gemacht. Ihr Kollege Peter Ramsauer hat es schon besser drauf: „Die wahre Fratze der Linken ist noch nicht hinreichend dargestellt.“ Er will diesen „Dämon der Politik“ aus der bayerischen Parteienlandschaft vertreiben. Wahre Fratze! Dämon! Da riecht man den Schwefel, da verspürt der wahre Gläubige den Drang, zum Schwert zu greifen, um der ganzen gottlosen Brut…

Aber Sie, Herr Huber, halten es wohl eher mit Günther Beckstein, der meint, die Linkspartei sei „ein massives Thema.“ Doch mit massiven Themen werden Sie das bolschewistische Ungeheuer, das unseren hart erarbeiteten Wohlstand verschlingen und die Werte des Abendlandes im Gulag einsperren will, nicht erschlagen können.

24. August 2008, 13.56 Uhr:

"Gentrifizierung"?

von Ivo Bozic

Ein Dialog

- als wir in die städte kamen, waren die gefängnisse schon gebaut.
kulle nimmt einen schluck aus der schnapsflasche, lässt seinen blick bedeutungsvoll über die skyline der city wandern. varik zieht an einer zigarette.
- hast du ne ahnung, was unter dem schnee liegt, kulle?
- sackgassen, vielleicht. Ich kann mich nicht erinnern.
- berlin ist ein molloch.
- berlin ist eine stadt.
- die frisst mich auf.
- sei nicht kindisch, varik.
- doch, doch. herti, kaufhof, karstadt. hier sind hunderte von diesen kästen, vollgestopft mit lauter scheißkram, den niemand braucht. manchmal renn ich stundenlang durch son kaufhaus und find nicht einen gegenstand, den ich gerne besitzen möchte.
- man soll sein herz nicht an dinge hängen.
- wenn mans sich leisten kann.
kulle gibt varik die flasche. der nimmt einen tiefen schluck, wobei er genussvoll die augen schließt.
- andere leute zahlen ein vermögen für sonen verdammten lippenstift oder ein gummischlauchboot. denkst du, die habens alle dicke?!
- weiß nicht. du hast hier ein kino neben dem anderen, in jedem verfickten hinterhof gibts´n off-theater, die hotels sind gerammelt voll mit weltstars, aber irgendwie denkste ständig, du bist in einer dieser millionen mc-donalds-filialen, die rund um den globus wuchern und alle den gleichen big bac haben.
- du bist verwöhnt.
- ach, leck mich.
- berlin ist halt mehr als ne stadt, ist irgendwie ne kleine welt.
- ach du scheiße. wenn das die welt ist, muss ich glaub ich dringend mal nen ausflug zum mond machen, aber mal im ernst: mir kommt das hier eher vor wie der mond. hier ist nichts, was mich glücklich macht. ich langweile mich, kulle, ernsthaft.
- es steht nicht gut um dich, mein freund. die langeweile ist ein krebsgeschwür, das breitet sich aus und macht dich alle.
- was kann ich tun, kulle?
- da kann man nichts tun.
- langweilst du dich nie?
- nein, ich bin geduldig.
- und wenn der schnaps alle ist?
- bin ich immer noch geduldig. hör mal, mein freund: entweder du bist zäh und schaffst es, wie ein stummer fels, diesen fluss an dir vorbeiziehen zu lassen, oder er reißt dich mit und du säufst ab. das geht schneller als du denkst.
- in berlin gibt es keinen platz mehr für uns, glaube ich.
- es gibt auch woanders keinen platz.
- schöne scheiße.
- wenn du einen pudel hast und einen roten ski-anzug, ein funktelefon und ein nettes apartment mit stehlampe, dann kannst du dir vielleicht etwas vormachen, dass du zufrieden bist, dass du hier hingehörst. aber du gehörst eben nur dazu, wie ne schaufensterpuppe zum kaufhaus. du bist die staffage für den ganzen scheißladen. und wenn du riesige titten hast, oder besonders gut polierte schuhe, dann stellen sie dich ganz vorne in ihre dekoration.
- oh mann, so will ich nicht enden, alter.
- das sag ich dir.
- weißt du, kulle, ich glaub ich bin zu klein für diese welt. sie tötet mich, bevor ich gelernt habe zu atmen.
- ich habe von ihr das töten gelernt.
- und was spricht uns frei; kulle?
- nichts, varik, nichts. du kannst deine beichte durch die kirchen der welt brüllen, du kannst den leuten am tresen ein ohr abkauen, du kannst dich auf eine klippe stellen und alle himmel anrufen, das höchste ist, dass dich irgendein idiot auslacht. immerhin, man hat dich angehört.
- ey, lass uns abhauen.
- es gibt nichts, wo wir hingehen könnten.
- aber erstmal raus aus diesem gehege.
- den käfig schleppen wir mit uns rum, wo immer wir hingehen.
- vielleicht hast du recht. je mehr straßen es gibt, desto weniger auswege.
- unfug, du hast eben keine idee davon, was freiheit ist, varik.
- du denn?
- keinen schimmer.
- hier nimm noch nen schluck, dann ist alle.
- siehst du, das mein ich.

19. August 2008, 20.59 Uhr:

Menschenopfer

von Stefan Ripplinger

Obwohl ein jeder weiß, dass sich Menschen alles nur Erdenkliche anzutun geneigt sind, fragt man sich doch, weshalb sie in fast allen Kulturen und zu fast allen Zeiten feierlich einen Schwachen aus ihrer Mitte gewählt haben, um ihm das Herz aus dem Leib zu reißen oder ihn auf einen Scheiterhaufen zu werfen oder ihn auf irgendeine andere Weise zu massakrieren. Die meisten Theorien über das Opfer, und es gibt deren Dutzende, sind sich darüber einig, dass die Opferung von Einzelnen die Bindekräfte der Gemeinschaft erhöht. René Girard z.B. glaubt, dass, ganz wie bei Hobbes, erst ein Krieg aller gegen alle herrschte. Dann stürzten sich alle auf einen, besonders Schwachen, und dieser Mord habe ihnen ihr Tun zu Bewusstsein gebracht, sie so sehr befriedigt und vor allem befriedet, dass sie aus dem Menschenopfer ein Ritual und eine Institution gemacht haben. Das leuchtet irgendwie ein, vielleicht zu sehr. Doch wer Filme von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub anschaut, kommt ins Grübeln.

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Einmal bestand die Chance, dass der verbreitete Klappentext- oder Rezensionswerbesatz “Ein Buch wie Dynamit” mal Sinn ergeben hätte. Hier werden neben vielem anderen auch kleine Teile der Geschichte des anarchistischen Teils der gewerkschaftlich organisierten US-amerikanischen Minen- und Bergarbeiterbewegung im späten 19., frühen 20. Jahrhundert fiktionalisiert - Pynchon kürz das Satzungetüm hübsch mit “Dynamitarden” ab. Allein: Der Klappentexter, Thomas Pynchon also, hat es vermasselt. Und den Rezensenten war mehr an der seltsamen Referenzgröße der “Zugänglichkeit” gelegen.

Weitere Vorschläge für Klappentextsätze, teils dem Roman entnommen:

- Eine Emphase, deren Verachtung unserer Aufmerksamkeit nicht hatte engehen sollen.

- Er hatte gelernt, neben den Tag zu treten. Wohin auch immer er damit gelangte, der Ort besaß seine eigene gewaltige, unverständliche Geschichte, seine Gefahren und Extasen, sein Potenzial für unverhoffte Romanzen und frühe Beerdigungen.

- Ein Buch wie ein permanenter Belagerungszustand.

Interessierte Verlage, die einen Klappentexter suchen, richten Ihre Bewerbungen bitte
an findensieohnemüheheraus@internet.com oder besuchen mein Xing/Facebook/Myspace/MeinVZ/Kaioo-Profil.

Ach ja, hier noch Thomas Pynchon als Besucher auf der Games Convention 2008

17. August 2008, 20.09 Uhr:

Georgien: Israel mit Pipeline?

von Ferdinand Muggenthaler

Stanislav Lakoba weiß die Geopolitik auf seiner Seite. “Weder die Türkei noch der Iran wollen, dass aus Georgien ein neues Israel entsteht", frohlockt der Sektretär des abchasischen Sicherheitsrats im Interview mit El Pais. Auch in Abchasien lässt sich offenbar mit dem antiisraelischen Stereotyp vom Aussenposten des US-Imperialismus Stimmung machen.

Der russische Imperialimus ist dagegen gerade Lakobas bester Verbündeter. Seine Hoffnung, dass auch die Türkei jetzt alte Gebietsansprüche gegen Georgien ausgeraben könnte, mag übertrieben sein. Dafür kann er fest damit rechnen, dass die russischen Panzer seine Provinz vom “georgischen Joch” befreien.
Anders als im Kosovo sind es jetzt die USA, die sich auf die Unverletzlichkeit der Grenzen berufen. Und niemand glaubt, dass Russland seine Liebe zum Befreiungsdrang der Ethnien in den “Völkergefängnissen” dieser Welt entdeckt hat. Die Zeitungen drucken wieder Pipelinerouten.

Zeit, die alte Dossiers und Polemiken in der Jungle World über Piplinerouten, den Zerfall Jugoslawiens und die neue Weltinnenpolitik neu zu lesen.

Seiten:123

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