Das Kein-Schmarrn-Abo
Archiv für: September 2008
30. September 2008, 23.57 Uhr:

Reisetagebuch 1

von Ivo Bozic

Jungle on the road again. Es ging los zu einer Zeit, da wir normalerweise grad ins Bett gehen. Dafür waren wir dann aber auch recht früh an unserem Reiseziel, die Sonne schien, und inzwischen haben wir uns in unserem Ferienhaus halbwegs eingerichtet. Es steht auf einer Insel. Das heißt aber nicht, dass wir deshalb jeden Tag zum Strand fahren werden. Wir haben schließlich einen Pool, und dass man den unter Wasser beleuchten kann, finden einige von uns ziemlich „abgefahren“. Heute wurde gegrillt, und angesichts der aktuellen Veganer-Debatte in der Jungle World ging es beim Tischgespräch (das da draußen auf der Terrasse unter dem Sternenzelt übrigens immer noch andauert) viel um Fleisch, Fisch, Reis und Sekt.

Leider haben nicht alle Geräte, die wir für die Zeitungsproduktion brauchen, den Flug überlebt, aber wir sind dennoch zuversichtlich, Ihnen bald eine unglaublich tolle Sonder-Super-Spezialausgabe über diese wundersame Insel zustellen zu können. Aber gemach: Erstmal müssen wir hier ordentlich recherchieren und uns umsehen. Die Aussicht ist übrigens wirklich famos. Und einige von uns haben heute schon – schon heute! - tapfer mit dem Recherchieren angefangen. Andere erledigten erstmal den Basis-Großeinkauf und besorgten noch fehlende Gerätschaften für unseren Computer-Park, der rund um den Esstisch wächst und gedeiht. Aber auch der Salat war toll und die Doraden angeblich ebenso. So, nun noch die Geschirrspülmaschine anschmeißen, dann folgt die erste Nacht im neuen Jungle-Home – und morgen werden wir dann ja wissen, wer wirklich schnarcht und wer wirklich nicht.
Schöne Grüße aus…
Haben Sie’s schon?

30. September 2008, 14.40 Uhr:

Platonismus der Armen

von Stefan Ripplinger

Ein unangenehmer Moment im Leben eines Menschen ist es, wenn er entdeckt, dass er ein chronischer Platonist ist. Mir ist das widerfahren. Scheußlich, sowas. Denn es bedarf keiner weiteren Erläuterung, dass der Platonismus via Begriff des „Logos“, Neoplatonismus, Renaissance die platte Aufklärung und den Positivismus, via Protestantismus und Idealismus die deutsche Philosophie entscheidend beeinflusst hat, alle bürgerlichen, unmaterialistischen Ideologien mithin; noch die Systemtheorie ist eine zutiefst platonistische Angelegenheit. Das ist kein Schnupfen. Ich wollte mich selbst davon kurieren.

Weiterlesen.

27. September 2008, 08.46 Uhr:

Engagiert

von Stefan Ripplinger

Je schlechter politische Kunst ist, umso genauere Aussagen macht sie über den Zustand von Kultur, Künstler, Kritik. Hans Haackes deutsche Erdproben im Reichstag, allein die Idee schon, nicht erst die Diskussion, oder die faulen „Versprechungen“ von Jochen Gerz sprechen Bände. Und so auch Gunter Demnigs ins Trottoir eingelassene, ausgerechnet von der Alfred-Toepfer-Stiftung preisgekrönte, ausgerechnet goldene „Stolpersteine“, die an Opfer der Nazis erinnern sollen. Über einen dieser Steine waren wir kürzlich gebeugt, er zeigt an, dass eine junge Frau aus diesem Haus in dieser Neuköllner Straße verschleppt und drei Tage später im KZ ermordet worden ist. Durch uns wurden zwei arabisch aussehende Jugendliche auf den Stein aufmerksam, und als wir weiterspaziert waren, sahen wir gerade noch, wie einer der beiden auf ihn spuckte. Egal, wie schlecht diese Kunst ist, sie erinnert uns doch immer daran, wo wir leben, wer wir sind. Vermutlich je schlechter, umso mehr.

24. September 2008, 18.17 Uhr:

Don't worry, be happy!

von Ivo Bozic

Wenn in der Jungle World mal jemand schlechte Laune hat, oder einen hartnäckigen Kater, wenn mal wieder das Wetter mies, die Heizung oder der Fahrstuhl ausgefallen ist, dann, ja dann startet ein fürsorglicher Kollege immer folgendes Video, wir versammeln uns vor seinem Rechner und alle machen mit. Danach ist alles wieder gut. Es funktioniert! Probieren Sie es aus, Sie werden sehen! Und jetzt alle:

Update: Erst jetzt sah ich, dass es zahlreiche Parodien und Remixe auf Youtube gibt, lohnt sich, da mal rumzusurfen. U.a. das hier ist ganz schön.

23. September 2008, 18.02 Uhr:

Spiel mir das Lied vom Finanzderivat

von Jörn Schulz

Zur Finanzkrise werden Sie am Donnerstag in unserer Zeitung einiges lesen können, einschließlich wertvoller Anlagetipps, die sie wohl nicht reicher, aber vielleicht glücklicher machen. Einen Rat will ich aber schon heute geben: Allerorten ist nun die Rede davon, dass Häme und Schadenfreude unangebracht seien. Lassen Sie sich davon nicht beirren. Seien Sie hämisch, schadenfroh und erfreuen Sie sich an dem ergötzlichen Schauspiel, das die Bourgeoisie und ihre wirtschaftsliberalen Prediger Ihnen derzeit bieten. Natürlich ist es ein bisschen schade um das viele Geld, dass diese Leute verplempert haben, aber davon hätten Sie eh nie einen Cent gesehen. Nun müssen sie auf einmal Verstaatlichungen rechtfertigen und staatliche Reglements fordern, das ist in etwa so, als würde der Papst Kondome verteilen.

Recht amüsant ist auch das Bemühen, nachzuweisen, dass der Kapitalismus trotz allem eine feine Sache ist. „Mit dem Investment-Boom ist es wie mit jedem Exzess im Kapitalismus: Das Nützliche bleibt“, schreibt Nikolaus Piper in der Süddeutschen Zeitung. „Als die Räuberbarone im 19. Jahrhundert ihre Eisenbahnkriege austrugen, wurden unzählige Anleger um ihr Geld gebracht, aber die Vereinigten Staaten bekamen ein effizientes Schienennetz. In der jetzigen Krise wurden Milliardenvermögen vernichtet, aber es bleiben wichtige Innovationen, vor allem neue Techniken der Verbriefung von Krediten und Finanzderivate, die, wenn sie in einem richtig regulierten Markt gehandelt werden, Gutes bewirken können.“

Das ist in etwa so, als würde man Brandstiftung als Mittel zur Senkung der Heizkosten empfehlen, auch wird nicht recht klar, welche Rolle nun der Exzess bei der Innovation spielt. Schließlich kamen die meisten Staaten auf recht unspektakuläre Weise zu einem effizienten Schienennetz. Zugegeben, in der Schweiz oder in Schweden hätte man nie einen Film wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ drehen können. Die Fähigkeit, Stoff zu unserer Unterhaltung zu liefern, muss der Bourgeoisie zuerkannt werden. Allerdings lässt sie nach. 1929 stürzten sich Banker noch von den Hochhäusern, manche mit aufgesetztem Zylinder. Das waren existenzielle Dramen. Mittlerweile liefern die Kapitalisten nur noch Stoff für Komödien. Auch die Innovationen vermögen nicht mehr zu beeindrucken. Der Börsencrash brachte uns im 19. Jahrhundert die Eisenbahn, im 21. Jahrhundert bringt er uns das Finanzderivat.

22. September 2008, 19.21 Uhr:

Klimakatastrophe

von Ivo Bozic

21. September 2008, 09.08 Uhr:

Banal, nicht banal

von Stefan Ripplinger

Die europäischen Künstler richten etwas her, die US-amerikanischen lassen alles, wie es ist. Wenn sich aber ein europäischer Fotograf, sagen wir mal Wolfgang Tillmans, gewissermaßen gegen seine Tradition, dazu entschließt, etwas Banales abzubilden, wird das Bild … banal. Der amerikanische Fotograf fotografiert das Banale, ändert es nicht im Mindesten, es sei denn durch einen Winkel, eine Tönung, einen Dreh, und es gerät zu einem Faszinosum. Es fasziniert und bleibt zugleich schlicht das, was es ist. Nur der Blick ändert sich. William Eggleston zeigt einen Haufen stinkender Müllsäcke, aber auf seinem Foto sind sie einfach schön. (Und vielleicht waren sie es schon immer, aber er ist der erste, der darauf verfiel, Müllsäcke zu fotografieren. Wer Eggleston kennt, verändert sein Verhältnis zu Müllsäcken.) So richten die Alltagsmystiker des New American Cinema ihre Gegenstände nicht her (es fehlte ihnen auch das Geld dazu), sie lassen nicht spielen, sie haben kein Extralicht, kein Studio, keine Kostüme, kein Set, sie haben nur die Stadt oder den Wald hinterm Haus. Ihr Stoff ist alles, was zufällig da ist. Aber die Züge und Zäune bei Bruce Baillie, der Central Park bei Jonas Mekas erscheinen zugleich wie verwandelt und doch genau als das, was sie sind. Sogar der größte Visionär des US-Kinos, Stan Brakhage, konnte mit einigem Recht behaupten, er sei doch bloß ein Dokumentarist.

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