Schlüppis
Archiv für: Januar 2009
29. Januar 2009, 15.53 Uhr:

Happy Hour in Washington

von Jörn Schulz

Meinem Rat, den „war on puritanism“ auszurufen, ist Barack Obama zwar noch nicht gefolgt. Doch die trockenen Zeiten sind im Weißen Haus vorbei. Unter George W. Bush wurde nur sparsam ausgeschenkt, alle Welt musste darunter leiden, dass der Präsident früher ein Alkoholproblem hatte. Obama hingegen lud umgehend wichtige Kongressabgeordnete zu einer Cocktailparty ein. Damit erhöht er nicht nur die Chance, widerspenstigen Republikanern sein Konjunkturpaket doch noch schmackhaft machen zu können, er setzt auch eine gute amerikanische Tradition fort.

Sie begann mit der Feier zur Fertigtstellung der Verfassung. Damals wurden 55 Flaschen Madeira, 60 Flaschen Bordeaux, 22 Flaschen Port, acht Flaschen Whiskey, ein wenig Bier und Cider sowie sieben Bottiche Punsch gereicht. Ob die Verfassung relativ kurz ausfiel, weil alle die Party nicht abwarten konnten und ob die 55 Verfassungsväter alles ausgetrunken haben, ist nicht überliefert. Franklin D. Roosevelt hob nicht nur die Prohibition auf, er mixte im Oval Office die Cocktails für seine Gäste selbst. Lyndon B. Johnson trank sogar am Steuer, allerdings nur bei Rundfahrten auf seiner Ranch. Hatte er seinen Becher mit Whiskey-Soda geleert, hielt er ihn aus dem Fenster, ein Mann vom Secret Service eilte dann herbei, um nachzufüllen.

Einen offiziellen Obama-Cocktail gibt es noch nicht, Vorschläge finden Sie unter anderem hier, hier und hier.

28. Januar 2009, 14.45 Uhr:

Deutscher Obama

von Ivo Bozic

Ich hoffe doch sehr, dass es zwischen diesen beiden Meldungen, keinen Zusammenhang gibt:

“Drei von vier Bundesbürgern wünschen sich einer Umfrage zufolge einen „deutschen Obama“".

und

“Alle lieben Guido!”

27. Januar 2009, 15.26 Uhr:

Deutschland jetzt neu starten

von Maik Söhler

Bulgarien reicht dieser Tage Michal Hvoreckys im Jahr 2006 erschienenem Roman “City: Der unwahrscheinlichste aller Orte” eine Bewegung nach.

Vielleicht ist es ja an der Zeit, sich auch hierzulande von Maximalforderungen zu verabschieden und schlicht zu fordern: “Deutschland bitte jetzt neu starten!” Ich bin skeptisch, aber einen Versuch könnte es Wert sein.

24. Januar 2009, 14.18 Uhr:

Politisches Reden

von Stefan Ripplinger

Ein charismatischer Journalist springt auf ein Podium und verkündet, es sei überfällig, die Nation in Scherben zu legen. Begeisterter Applaus. Wenige Jahre später betritt er dasselbe Podium und erklärt, wieder im Brustton der Überzeugung, was uns nun allein noch retten könne, sei die Nation. Erneut Applaus, wenn auch das Publikum nicht ganz dasselbe gewesen sein mag. Was ist hier vorgefallen? Hat sich etwas an der Nation, ihrer Geschichte oder an den Nationen im Allgemeinen geändert? – Soweit das in Neukölln beurteilt werden kann, nicht das Geringste. Leidet der Mann an einem Tourette-Syndrom? – Aber was. Zeigt er nun, nach Jahren der Verstellung, sein wahres Gesicht? – Das glaube ich nicht.

Weiterlesen.

21. Januar 2009, 07.55 Uhr:

Maker

von Stefan Ripplinger

Am Nachmittag des 21. Januar 1976 sagt Charles Reznikoff zu Marie, seiner Frau, mit einer für ihn untypischen Feierlichkeit: „Ich habe nie Geld gemacht, aber all das, was ich wirklich tun wollte, habe ich getan.“ Er erleidet später an diesem Tag eine schwere Herzattacke und stirbt im Krankenhaus St. Vincent kurz vor dem Morgengrauen des 22. Januar. Wie er es in seinem Testament gewünscht hat, werden bei der Trauerfeier keine Reden gehalten und er wird in einem Sarg aus Kiefernholz im Familiengrab der Reznikoffs auf dem Friedhof von Old Mount Carmel, Brooklyn, beigesetzt. Marie lässt auf einer schlichten Granittafel für das Grab „Charles Reznikoff, Maker, 1894–1976“ und einen Lieblingsvers aus einem seiner Gedichte gravieren: „… and the day’s brightness dwindles into stars“.
aus: Seamus Cooney, „Chronology“, in: Ders., Hg., The Poems of Charles Reznikoff. 1918–1975. Boston: Black Sparrow 2005, S. 392.

A visitor once stopped one of the children:
a boy of seven or eight, handsome, alert and gay,
He had only one shoe and the other foot was bare,
and his coat of good quality had no buttons.
The visitor asked him for his name
and then what his parents were doing;
and he said, „Father is working in the office
and Mother is playing the piano.“
Then he asked the visitor if he would be joining his parents soon –
they always told the children they would be leaving soon to rejoin their parents –
and the visitor answered, „Certainly. In a day or two.“
At that the child took out of his pocket
half an army biscuit he had been given in camp
and said, „I am keeping this half for Mother“;
and then the child who had been so gay
burst into tears.
aus: Charles Reznikoff, Holocaust (1975). Boston: Black Sparrow 2007, S. 51.

16. Januar 2009, 19.03 Uhr:

Häretische Münzen

von Jörn Schulz

Reaktionäre Muslime und Islamisten können manchmal nützlich sein. Wenn sie sich über etwas beklagen, weisen sie damit häufig auf interessante Dinge hin, die einem sonst vielleicht entgangen wären. Auch Sven Muhammad Kalischs Thesen könnten wegen der Proteste muslimischer Verbände auf größeres Interesse stoßen. Er hält es für „äußerst wahrscheinlich, dass der Islam das Produkt einer christlichen oder judenchristlichen Gnosis ist“, der Prophet Muhammad sei wahrscheinlich keine real existierende Person gewesen. Ich halte diese These zwar nicht für überzeugend, doch Kalisch könnte recht haben, wenn er meint, dass die Religion des Islam anfangs „eine ganz andere gewesen sein muss.“ Auf Münzen taucht der Prophet erst recht spät auf, und frühislamische Herrscher verwendeten christliche Symbole. Bei den damaligen Eroberungszügen fehlte es möglicherweise an konfessionellem Bewusstsein. Auch die traditionelle islamische Orthodoxie betont gerne, dass niemand zur Annahme des neuen Glaubens gezwungen wurde. Möglicherweise hat die Araber damals aber nicht einmal die Mission interessiert, weil sie sich nicht einer spezifischen Religion namens Islam zugehörig fühlten, sondern, wie es ja auch im Koran dargelegt wird, ihren Glauben als aktuelle Version einer ewigen Botschaft Gottes sahen, und meinten, er bedürfe keiner besonderen Abgrenzung.

16. Januar 2009, 08.45 Uhr:

U.N. (3)

von Stefan Ripplinger

“Ein Professor der Germanistik, der selbst auf engstem Raum sich vor allem damit befaßt, die Hälfte zweimal zu sagen und den Rest so ungeschickt wie möglich, also nicht einmal was er mit links macht kann, es aber an allen Ecken und Enden treibt und auf den ersten Blick erkennen läßt, daß er gelegentlich schon auch mal von Büchern spricht, die er nicht gelesen hat.”
Uwe Nettelbeck, Die Republik, Nummern 68-71, Seite 149

“Geschrieben steht etwas Tröstliches: und Bücher wurden aufgetan, und ein ander Buch ward aufgetan, welches das des Lebens ist, und die Toten wurden nach ihren Werken unterschieden, ekrithesan, nicht, wie allgemein übersetzt wird, gerichtet, verurteilt.”
Nummern 89–91, Seite 178

“… und daneben: ‘Der schräge Clown. Wigald Boning wurde mit brillantem Nonsens zum Star eines neuen deutschen Humors’ – also ausgerechnet dessen, von dem mir auf der Zunge lag zu sagen, und es am Beispiel Wigald Bonings zu beweisen, daß ihm meine Humorlosigkeit vollauf gewachsen ist.”
Nummern 92–93, Seiten 31 und 32

“In Johnny Guitar, von Nicholas Ray, 1954, in Trucolor, einem etwas rotstichigen Farbformat, das Joan Crawford’s rotes Kleid, in dem sie lieber sterben als weichen will, ihren brennenden Saloon zur Geltung bringt auf Kosten aller übrigen Töne des wide open country und der Horizonte, und auch ansonsten, wie das schwarzweiße Pendant von Samuel Fuller, Forty Guns, 1957, mit Barbara Stanwyck, als Western leicht daneben, was sein damaliger deutscher Verleihtitel sehr gut zur Geltung brachte, ‘Wenn Frauen hassen’, in Johnny Guitar sagt, kurz bevor es zu jenem andern denkwürdigen Wortwechsel kommt, ‘Johnny Guitar, that’s not a name!’, ‘Like to change it?’, der Desperado Dancin’ Kid, dem es nicht gefällt, Vienna neben einem Fremden an der Bar stehen zu sehen, zu Johnny: Was geht hier vor, Mister? Johnny, dem die Störung und die Frage nicht gefallen: Nichts, was Sie nicht sehen, Mister.”
Nummern 94–97, Seiten 95 und 96

“Rinzing und Tewang versuchten es mit einer Darstellung der Umstände. Der Monsun ziehe auf. Keine Träger, um ein Camp auf dem North Col einzurichten. Nicht die Ausrüstung, um durch den Icefall zu kommen. Der Gipfel vom North Col aus nicht erreichbarer als von Camp III aus. Der North Col die Hölle. Die Strecke oberhalb des North Col teuflisch. Tewang schon der Abstieg aus Camp III nur noch unter Aufbietung seiner letzten Kräfte möglich. Der Sahib nicht erfahren genug, um durch den Icefall zu kommen. Und zu kraftlos. Und fast schneeblind. Sie sprachen mit Engelszungen. Sie ließen nicht mit sich reden. Wir gehen keinen weiteren Schritt mehr höher. Dann gehe ich allein.”
Nummern 98–108, Seite 620

Joseph Joubert: „Die Illusion. Gott schuf sie und setzte sie zwischen Samen, Früchte, Fleisch und den Gaumen, und dadurch ließ er den Geschmack entstehen; zwischen die Blumen und den Geruchssinn, und dadurch ließ er die Düfte entstehen; zwischen den Hörsinn und die Töne, und dadurch ließ er die Harmonie, die Melodie etc entstehen, zwischen die Augen und die Gegenstände, und dadurch ließ er die Farben, die Perspektive und die Schönheit entstehen.”
Nummer 110, Seite 46

Karl Philipp Moritz: “Wir hatten die Wälle und Thürme von Braunschweig schon im Angesicht – wir alle waren einige Minuten still – der Knabe schmiegte sich gerührt an seinen Vater – und ein armer pohlnischer Jude, der mitfuhr, hub in hebräischer Sprache den Psalm an herzusagen. ‘Wenn die Hülfe aus Zion kommen wird, dann werden wir seyn wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens seyn. Da wird man sagen unter den Haiden: Der Herr hat Großes an ihnen gethan; Der Herr hat Großes an uns gethan; des sind wir frölich. Herr, wende unser Gefängnis, wie du die Wasser gegen Mittag trocknest. Die mit Thränen säen, werden mit Freuden erndten. Sie gehen hin und weinen, und tragen edlen Saamen, und kommen mit Freuden, und bringen ihre Garben.’ Der Jude dachte nicht daran, ob ihn jemand verstand, oder nicht, da er den Psalm hersagte, und alles war aufmerksam und still im sympathetischen Mitgefühl der Menschheit, die sich sehnet, dem Druck entnommen zu seyn, der auf ihr liegt, und in ihrer angestammten Größe wieder zu schimmern.”
Nummern 112–115, Seite 5

“Goethe an Friedrich Johann Bertuch, … am 12. Januar, ‘Was ich von einem niederträchtigen Menschen, wie der Verfasser Ihrer Theaterrecensionen ist, in einem solchen Falle zu erwarten hatte, schwebte mir vor, als ich Sie neulich freundschaftlich um künftige Mittheilung solcher Aufsätze ersuchte. Sie schicken ihn mir gegenwärtig halb gedruckt, und ich kann nur so viel sagen: daß wenn Sie nicht selbst geneigt sind, die Sache zu remediren, und den Aufsatz zu unterdrucken, ich sogleich an Durchl. den Herzog gehe und Alles auf die Spitze setze. Denn ich will entweder von dem Geschäft sogleich entbunden oder für die Zukunft vor solchen Infamien gesichert seyn. Mag der allezeit geschäftige Verzerrer der Künste doch in der Allgemeinen Zeitung, oder wo er will, aufgaukeln, in Weimar werde ich sie nicht mehr leiden, in den Fällen wo ich als öffentliche Person anzusehen bin. Ich erbitte mir vor vier Uhr Ihre Erklärung darüber; mit dem Schlage geht meine Vorstellung an Durchl. den Herzog ab.’”
Nummern 116–117, Seiten 45 und 46

“Aber was sie alle Tage edieren eines schönen vielleicht einmal auch zu lesen, auszubuchstabieren, was sie schwarz auf weiß vor sich haben, in den Büchern, auf den Seiten, in den Sätzen, in den Wörtern, zwar wohl noch immer ein Punkt auf dem Programm, aber ein wunder, dessen vergebliche Abarbeitung sie um den Verstand bringt.”
Nummern 120–122, Seite 84

“Der einsame Coyote, der die Überreste im Zwielicht durchstreift, und einen Schluck aus dem Wasserloch nimmt, trägt ein Halsband. Der Hund am Ende von Osterman’s Weekend ist angeleint und hat eine zugebundene Schnauze.”
Nummern 123–125, Seite 207

Seiten:12

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