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Archiv für: August 2009
26. August 2009, 19.20 Uhr:

Autonome im Kanzleramt

von Jörn Schulz

Wieviel Wein muss man trinken, um einen Abend mit Kai Diekmann ertragen zu können? Ist eine Tischrede von Angela Merkel einschläfernder als die Konversation von Jürgen Hambrecht (BASF)? Was hat der Vegetarier Frank Elstner mit seinem Schnitzel gemacht? Mit welcher Ausrede hat Merkels Ehemann sich gedrückt? Statt die wirklich wichtigen Fragen zu stellen, beschäftigen sich Presse und Öffentlichkeit einmal mehr mit Nebensächlichkeiten. Eines aber sollte jedem klar sein: Ein Spaß war Ackermanns Geburtstagsfeier im Kanzleramt sicher nicht. Es gibt keinen Grund, an den Angaben Klaus-Dieter Lehmanns, des Präsidenten des Goethe-Instituts, zu zweifeln, der sagt, dass Merkel ein „ertragreiches Gespräch über gesellschaftspolitische Positionen zustande gebracht“ hat.

Bereits vor Jahren habe ich erläutert, dass die Bourgeoisie zu ihren puritanischen Wurzeln zurückkehrt, und natürlich folgt ihr das politische Personal auf diesem Weg wie auf jedem anderen. Sorgen sollte uns deshalb nicht die Tatsache bereiten, dass Merkel Steuergelder verprasst hat. Das ist ihr Job, und für den Preis einer Hypo Real Estate ließen sich Millionen Ackermänner bewirten. Doch ist offenbar der Irrglaube sehr weit verbreitet, wenn Merkel Ackermann eine Rechnung geschickt hätte, wäre dies ein Zeichen für eine von den Interessen der Deutschen Bank unabhängige Regierungspolitik.

Sorgen sollte uns vielmehr die Tatsache bereiten, dass die Herrschenden nicht mehr zu Feiern verstehen. Denn eine herrschende Klasse, die sich zu amüsieren versteht, ist weit eher bereit, auch dem Pöbel etwas Amüsement zuzugestehen, wenn sie sich denn überhaupt für dessen Treiben interessiert. Die gehässige und bürokratische Pedanterie, mit der Hartz-IV-Empfänger schikaniert werden, ist ein Ausdruck der gleichen Haltung, mit der SPD und „Die Linke“ nun über Ackermanns Schnitzel quengeln. Es ist wie bei den US-Evangelikalen, die besessen sind von dem Gedanken, jemand anders könnte gerade den Sex haben, den sie selbst sich verbieten. Weil sie selbst sich nicht amüsieren können, ertragen sie nicht, wenn jemand anders es ihrer Ansicht nach tut. Noch dazu ohne sie.

Amerika ist da leider kein Vorbild mehr. Früher war das anders. Bei der Feier zur Erstellung der US-Verfassung wurden für 55 Männer 55 Flaschen Madeira, 60 Flaschen Bordeaux, 22 Flaschen Port, acht Flaschen Whiskey, sieben Bottiche Punsch sowie Bier und Cider gereicht. Die schöne Idee mit dem „pursuit of happiness“ hatten die Amerikaner schon elf Jahre vorher. Wer käme heute noch auf so eine Idee? Obama vielleicht, aber den Kongress würde das Glücksversprechen sicher nicht passieren. Die US-Bourgeoisie ist nun sogar führend in Sachen Puritanismus.

Es geht nicht mehr um Genuss, sondern um Status. Das gilt auch für die Boni der Banker. Die Empfänger wollen sich nicht etwas besonders Schönes kaufen und benötigen dafür das Geld. Der Bonus belegt den Status, seine Höhe zeigt, welchen Rang man in der Oligarchie einnimmt. Deshalb kämpfen die Banker so erbittert für die Sonderzahlungen wie einst barocke Fürsten über die Sitzordnung bei einem Hofbankett stritten.

Auch bei den Einladungen ins Kanzleramt geht es um den Status. Die Eingeladenen kämen auch, wenn trockene Brotkanten gereicht würden. Hauptsache, man gehört dazu. Das wäre eine harmlose Schrulle, wenn die Betreffenden nicht tatsächlich glauben würden, es sei „eine erstaunlich gute Mischung aus Wirtschaft, Politik und Kultur“ (Lehmann), wenn sie sich treffen. Es ist ähnlich wie in der linken Szene. Auch da treffen sich die immer gleichen Leute zu ertragreichen Gesprächen über gesellschaftspolitische Positionen, versichern einander ihre Wichtigkeit, intrigieren, kämpfen erbittert um ihren Status und den ihrer Combo, schimpfen über die Ignoranten da draußen und verwechseln dann irgendwann ihre eigene kleine Welt mit dem wirklichen Leben. So wird dann etwa die Kleider- und Fahnenordnung bei Demonstrationen zum Brennpunkt leidenschaftlicher Debatten.

Die autonome Szene im Kanzleramt kann erheblich mehr Schaden anrichten. Ich wüsste gern, wann zum ersten Mal „die Wirtschaft“ als Synonym für Manager und Unternehmer benutzt wurde. Kaum jemand käme auf die Idee, jeden Junkie zum Drogenexperten zu ernennen, während die Tatsache, dass jemand viel Geld verdient, ihn umgehend zum Ökonomen bzw. „der Wirtschaft“ höchstpersönlich macht. So verbreitet sich dann die Einschätzung, die Wirtschaftskrise sei überstanden. Da alle in der kleinen Welt der Merkels und Ackermänner das glauben oder wenigstens behaupten, muss es ja so sein.

Muss man dann auch noch lesen „Merkel schätzt die Bildung Ackermanns“, und befürchten, dass es stimmt, so wird deutlich, dass „die Wirtschaft“ auch für gesellschaftpolitisch kompetent gehalten wird. Ein beträchtlicher Teil der eingeladenen „Wirtschaft“ (u.a. BASF, Roland Berger, Trumpf) engagiert sich in der „Wissenfabrik“, die u.a. unschuldige Kinder mit betriebswirtschaftlichem Unfug quälen will. Dort ist auch Hochtief Mitglied, ein Unternehmen, das führend bei der Privatisierung des Schulbetriebs ist. Da bekommt der Begriff des ertragreichen Gesprächs gleich einen ganz anderen Klang.

20. August 2009, 19.19 Uhr:

Lieber untot als tot

von Jörn Schulz

Manchmal bedaure ich, dass ich kein Wissenschaftler geworden bin. Es war sicher ein Riesenspaß, die Studie zum Thema “If there was to be a battle between zombies and the living, who would win?” zu erstellen. Doch ist der an die Lebenden gerichtete Ratschlag „hit them hard and hit them often” wirklich klug und realistisch? Weitblickendere humanoide Strategen geben unter anderem zu bedenken, dass die EU zweifellos zunächst Zombie-Ausschüsse bilden und es an Kritikern des „war on zombies“ nicht mangeln würde.

Ich vermute, das recht schnell PETZ (People for the Ethical Treatment of Zombies) entstehen und die Kritik an den Ernährungsgewohnheiten der Untoten als ein anthropozentrisches Ressentiment geißeln würde. Die postmoderne Kritik würde den Begriff des Zombietums als soziale Konstruktion entlarven. “Zombies sind wie wir", sagt George A. Romero, und der muss es ja wissen. Während sich Friedrich-Ebert- und Heinrich-Böll-Stiftung um den Dialog mit den Untoten bemühen, auch wenn der eine oder andere Referent verspeist wird, warnt die Friedensbewegung, dass die Zombophobie und der „war on zombies“ zu einem Flächenbrand und einem neuen Wettrüsten führen werden, und Jürgen Elsässer veröffentlicht “Terrorziel Mensch. Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste” mit unzähligen Beweisen für die Steuerung der Zombiebewegung durch CIA und Mossad.

Zu wenig Interesse wurde bislang den potenziellen Entwicklungen unter der Untoten zuteil. Tatsächlich wird der aufgeklärte Zombie an einem Dialog interessiert sein. Zombies werden gewöhnlich den bildungsfernen Schichten zugerechnet. Erst wenn der letzte Mensch verspeist worden ist, wird der Zombie merken, dass er nun nichts mehr zu Beißen hat, glaubte man früher. Die neuere Zombieforschung führte jedoch zu der Erkenntnis, dass Zombies recht intelligent sind. Daher werden sie erkennen, dass es nicht in ihrem Interesse ist, alle Menschen zu fressen. Es wird eine Bewegung der Öko-Zombies entstehen, die für den Erhalt der natürlichen Ressource Mensch kämpft. Wer weiß, vielleicht entsteht auch ZETH (Zombies for the Ethical Treatment of Humans) und präsentiert Rezepte für zehn leckere Gerichte ohne Menschenhirn.

Aus emanzipatorischer Sicht muss ohnehin betont werden, dass die community der Zombies dem Spätkapitalistismus in vielerlei Hinsicht voraus ist. Es scheint sich um eine egalitäre Gesellschaft zu handeln, die Zombieforschung fand noch keine Hinweise auf Hierarchien. Kapital und Arbeit sind den Zombies ebenso unbekannt wie Armut und Krankheit. Ihre Jagdmethode beruht offenbar auf der freien Assoziation der Individuen. In Anlehnung an Adorno könnte man also sagen: “Es gibt eh kein richtiges Leben, da kann man sich auch gleich den Untoten anschließen.”

14. August 2009, 20.54 Uhr:

Bye Bye Blues

von Lieselotte Kreuz

14. August 2009, 18.52 Uhr:

Friede den Putschisten

von Jörn Schulz

Wolfgang Schäuble sollte sich schon mal nach einem sicheren Fluchtweg umschauen. Denn auch ihm kann man vorhalten, „durch seinen provokanten, respektlosen Umgang mit den Institutionen des Rechtstaates seines eigenen Landes, die er immer wieder verhöhnt und mit Füssen getreten hat“, eine Verfassungskrise heraufbeschworen zu haben. Schließlich gibt es kaum ein deutsches Gesetz, das nicht vom Verfassungsgericht kassiert oder wenigstens korrigiert wird. Ein solches Verhalten aber kann nach Ansicht der Friedrich-Naumannn-Stiftung (FNS) einen regime change rechtfertigen, jedenfalls in Honduras.

„Die Legende vom Militärputsch“ kritisierte bereits einen Tag nach der Machtübernahme des Militärs Christian Lüth, der FNS-Repräsentant in Honduras. Da konnte man noch hoffen, dass die FDP-Führung den Diktatorenfreund feuern oder wenigstens zum Schweigen verpflichten würde. Doch die FDP entfaltet eine beharrliche Lobbyarbeit für ihre rechtsextremen Kumpels in Honduras und lädt sie auch in den Bundestag ein.

Wolfgang Gerhardt ist allerdings der Ansicht, die Putschisten hätten etwas konsequenter sein sollen: „Das normale Verfahren wäre gewesen, ihn (Präsident Zelaya) seines Amtes zu entheben und ihn in Honduras vor Gericht zu stellen.“ Und er vertraut auf Gottes Wort: „Er (Zelaya) hat nicht diese moralische Autorität. Das hat im Übrigen der Kardinal der katholischen Kirche auch gesagt. Das ist ja bestimmt kein uninformierter Mensch in der Hauptstadt von Honduras, sondern er hat klar erklärt, dass Zelaya jede moralische und politische Autorität verloren hat.“

Aus dieser Parteinahme zu schließen, dass die FDP nun zu ihren nationalsozialistischen Wurzeln zurückkehrt, wäre wohl verfrüht. Eine Überwachung durch den Verfassungsschutz wäre aber ratsam, insbesondere Kontakte zu Bundeswehroffizieren sollten überprüft werden.

13. August 2009, 19.03 Uhr:

I wish to buy this parrot

von Jörn Schulz

Wenn sie Geld übrig haben sollten, gehen Sie nicht zum Anlageberater. Kaufen Sie sich einen Papageien. Ein Kanarienvogel tut’s wahrscheinlich auch, einen Schnabel sollte das Tier aber haben. Bei einem virtuellen Investmentspiel mit 12 Teilnehmern in Südkorea, so berichtet der Börseninformationsdienst Paxnet, belegte der Papagei Ddalgi den dritten Platz. Er pickte sich die richtigen Aktien heraus und erzielte einen Gewinn von 13,7 Prozent. Die anderen Broker, die überwiegend Verluste einfuhren, waren Menschen, jene Leute, die Ihnen in den Medien meist als „Analysten“ oder „Ökonomen“ vorgestellt werden. „Das Ergebnis ist erstaunlich“, meint Chung Yeon, der Chef von Paxnet. Das finde ich nun nicht. Ich frage mich vielmehr, warum Ddalgi noch kein Job in einem Aufsichtsrat angeboten wurde. Wenigstens einen Bonus von 100 Millionen Nüssen hätte der Vogel verdient.

13. August 2009, 15.23 Uhr:

M wie Mutti

von Jörn Schulz

Wird nun Hans-Christian Ströbele sein bestes Stück vorzeigen? Vermutlich nicht, er gewinnt ja sowieso, obwohl seine Gegenkandidatin Vera Lengsfeld mit ihrem Wahlplakat nun auch international für Aufsehen sorgt. Erstaunlicherweise denken viele Menschen, es gehe um Sex, wenn behauptet wird: „Wir haben mehr zu bieten.“ Lengsfeld aber hat recht, wenn sie sagt: „Sexismus? Das ist lächerlich.“ Denn nicht dem Liebhaber, dem Säugling im Wähler wird hier die Brust dargeboten, die Mutterbrust nämlich. Nicht ein erotisches Abenteuer wird versprochen, sondern die sorglose Geborgenheit des friedlichen, gedankenlosen Nuckelns, das sättigt und schläfrig macht. Sehr aufschlussreich in diesem Kontext ist die Ode des Bild-Poeten Franz-Josef Wagner an Merkel als „Mama Deutschland“, aber auch die Merkel gewidmete Webseite „Mutter der Nation“ mit der aufmunterndern Parole: „Mama schafft das.“ Das Erfolgsrezept stammt übrigens von McDonald’s. Ja, schauen Sie sich das „M“ nochmal genau an. Weil Geborgenheit in unsicheren Zeiten besonders wichtig ist, konnte McDonald’s von der Krise sogar profitieren. Selbst in Kreuzberg gibt es nun eine Filiale.

5. August 2009, 19.06 Uhr:

Panthersprung ins Zombienest

von Jörn Schulz

Kaum weht unseren Jungs am Hindukusch etwas Pulverdampf um die Nase, glauben manche Journalisten, nun sei wieder ein etwas schneidigerer Tonfall angebracht. Zum Beispiel Ansgar Graw, Politikredakteur der Welt. „Zu kämpfen mit dem Feind, ihn zu verfolgen und zu vernichten und sich zu erfreuen am Geschrei der Weiber!“ OK, das war Conan der Barbar. Graw hingegen will „den Feind jagen und stellen – nicht nur auf hoher See, sondern auch in seinen Nestern an der Küste.“

Der Feind, das sind die somalischen Piraten, die sich eines besonders verwerflichen Vergehens schuldig gemacht haben, einer „Kriegserklärung an den freien Handel“. Als sich herausstellte, dass Siemens so frei war, mit 4283 illegalen Zahlungen den Handel zugunsten des eigenen Unternehmens umzuleiten, sprach seltsamerweise niemand von einer „Kriegserklärung an den freien Handel“. Niemand wollte den Feind verfolgen, vernichten und sich am Geschrei der Aktionäre erfreuen. Niemand schrieb Sätze wie: „Das Risiko für die Verbrecher muss dramatisch steigen, ihre Aussicht auf Profit gewaltig sinken.“

Dass die somalischen Piraten etwas gegen den Welthandel haben, ist im Übrigen natürlich Unfug, denn ohne Welthandel gäbe es auch keine Beute. Warum das Geschäft noch immer läuft, verrät Graw nebenbei auch. Den „Reedern wird zwar Konvoischutz angeboten, doch die Mitfahrt darin scheitert häufig am internationalen Termindruck, an der unterschiedlichen Geschwindigkeit der Schiffe und vielfältigen Zielhäfen.“ Statt ihre Schiffe ein oder zwei Tage mit halber Kraft laufen zu lassen, weil im Konvoi auch mal ein langsamerer Frachter mitfährt, setzen die Reeder die Besatzungen, überwiegend miserabel bezahlte asiatische Matrosen, lieber erheblichen Gefahren aus.

Dass ausschließlich Lohnabhängige Opfer der Piraten werden, ist tatsächlich ein Grund, auf die von Graw beklagte „Robin-Hood-Romantik“ zu verzichten. Eine gewisse Bewunderung könnte man den Seeräubern ansonsten nicht versagen, die in zehn Meter langen Pirogen, ausgerüstet nur mit rostigen Kalaschnikows und verbeulten Raketenwerfern, von den modernsten Kriegsschiffen der Welt gejagt werden. Erinnert sich noch jemand an das Versprechen, dass die von der deutschen Marine gefangen genommenen Verdächtigen einen fairen Prozess in Kenia bekommen sollten? Wozu auch, jetzt sind „kühne Schritte“ gefragt. Es „müssen Küstenregionen vor ‚failed states’, ohnmächtigen Zombiestaaten, in die Administration gesunder Staaten übergeben werden – auch wenn ein solches Signal internationaler Verantwortung prompt als Neokolonialismus denunziert würde.“

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