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Archiv für: November 2009
30. November 2009, 10.13 Uhr:

Minarette und Zinnen

von Stefan Ripplinger

Haben die Schweizer, als sie die Minarette in ihrem Land verboten haben, sich, wie Henryk M. Broder schreibt, „in einer freien Abstimmung gegen die Islamisierung ihres Landes entschieden“?
Ach was, sie haben sich bloß in einer freien Abstimmung dafür entschieden, so zu bleiben, wie sie sind, weil sie eh nicht anders können. Basisdemokratie ist ihr Mittel, alles Neue und Fremde niederzustimmen.
In meinem Leben habe ich nur drei Länder bereist, die USA, Frankreich und, erst im letzten Winter, die Schweiz. Ich betrat ein Land, in dem dir jeder „Grüezi“ sagt und dich zugleich zum Teufel wünscht. Ein Land, in dem ein Kanton erst 1990 das Frauenstimmrecht eingeführt hat – auf gerichtliche Weisung, gegen den erbitterten Widerstand des Stimmviehs. Ich sah die Orte Lengnau und Endingen, wo die Juden über Jahrhunderte zusammengedrängt wurden und wo sie am 21. September 1802 von Hinterwäldlern aus den Nachbardörfern überfallen worden sind, weil sie als Anhänger der Französischen Revolution galten; noch heute haben die Häuser zwei Türen, eine für Christen, eine für Juden. Ich hörte von Zwangsansiedlungen der „Jenische“ (Sinti). Ich hörte von lokalen Abstimmungen gegen die Ansiedlung von Fremden, gegen die Einführung neuer Lehrmethoden, gegen alles Neue. Ich hörte von der hoffnungslosen Initiative eines Fähnleins Zivilisierter, die Militärgewehre aus den Wohnungen zu verbannen, wo sie regelmäßig von Ehemännern dazu benutzt werden, ungehorsame Frauen zu erschießen. Der Druck, die Normen penibel einzuhalten, ist gewaltig; selbst in Großstädten muss der Papiermüll akkurat verschnürt sein, sonst wird er nicht abgeholt. Oder kommt sogar die Müllpolizei? Ich merke, ich habe die Hälfte der Piefigkeiten und Reglements bereits vergessen, weil ich mich entschlossen habe, nicht wieder hinzufahren. Die Schweiz ist die Hölle mit Alpen. Nicht die „Islamisierung“ treibt ihre Bewohner um, sondern der Andere, den sie fürchten, die Emanzipation, die sie verachten, und die Moderne, die sie bloß im Bankverkehr dulden.

30. November 2009, 00.17 Uhr:

Echt knuffige Buddys

von Ivo Bozic

Händchen haltend sehen wir hier Hugo the Boss und Achmed Jihad.
Quelle? Mir unbekannt. Nur ein Fake? Wohl eher nicht. Weiß jemand mehr?


Übersetzung laut Thomas Schmidinger uebrigens:
Chavez: Er kehrt aus der Tiefe Persiens zurück, dem grossen Persien!
Ah, ich korrigiere, ich habe mich geirrt… ich habe mich geirrt… Danke, Danke Bruder und Meister.
Aus der islamischen Tiefe.
Eines Tages werden sie zurückkehren…. Mehr anzeigen
Ahmadinejad: [Guter?] Schüler Präsident!
Chavez: Haha, Du hast mir das sehr gut erklärt. Der Imam Nummer… acht!
Ahmadinejad: Zwölf.
Chavez: Zwölf! Ich habe mich nochmal geirrt!
Ahmadinejad: Der achte Imam ist in der Stadt Mashad, da wo wir waren.
Chavez: Ah, da wo wir waren, Danke. Ich denke ich werde weiterstudieren, sie sehen schon.
Gut, der Imam Nummer zwölf, genannt…
Ahmadinejad: Mahdi
Chavez: Mahdi, Mahdi - Mahdi und und Christus werden zurückkehren - zusammen, sich an den Händen haltend… Sie werden wiederkommen.

28. November 2009, 13.06 Uhr:

Kein Leberwurst-Zwang!

von Ivo Bozic

Echte Talentscouts wissen um das Potential und sind einfach schneller. Die “Jungle World” hat die künftige Familienministerin Kristina Köhler bereits im März 2006 interviewt - zum Thema Integration und Leitkultur. “Nicht jeder muss Leberwurst essen", sagte sie damals:

http://jungle-world.com/artikel/2006/11/17097.html

26. November 2009, 16.44 Uhr:

Möllemänner

von Ivo Bozic

Anlässlich Westerwelles Israel-Besuch wurde viel an Möllemann erinnert und an seine antisemitischen Ausfälle. Zu Erinnern wäre aber an die gesamte elendige FDP-Außen- und Wirtschaftspolitik im Nahen und Mittleren Osten, in der Möllemann letztlich nur ein Rädchen war!
Stand zum Glück alles in der Jungle World, 2004.
http://jungle-world.com/artikel/2004/39/13716.html

26. November 2009, 14.10 Uhr:

Got you

von Lieselotte Kreuz

Procrastination is writing this blog entry.

And: Procrastination is reading it. See? Got you!

24. November 2009, 18.31 Uhr:

Abgedriftet

von Jörn Schulz

Wenn Ihnen Bigbeatland zu radikal ist, haben Sie nun eine Alternative: „Willkommen zu einem neuen Abenteuer von Andi und seinen Freunden, die sich wieder für Demokratie und gegen Extremismus einsetzen. Diesmal müssen alle mit ansehen, wie ihr Freund Ben in die linksautonome Szene abdriftet. Am Ende sind alle geschockt…“ Nicht wegen der einfältigen Story, sondern wegen der autonomen Gewalt natürlich. Den lieben Kleinen, für die der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen den Comic zeichnen ließ, wird sogar erläutert, was ein Antideutscher ist, „eine Ausnahmeerscheinung im Linksextremismus“ nämlich.

24. November 2009, 10.51 Uhr:

W / M

von Stefan Ripplinger

Das Problem von Männlichkeit und Weiblichkeit, das nicht nur für einen Otto Weininger noch ein existenzielles, für einen Klaus Theweleit noch ein kritisches war, das von der Gender-Theorie abgewickelt und das am Ende in Modefotografien entsorgt worden ist, hat mich seit meiner Adoleszenz nicht mehr bekümmert; meine Weiblichkeit ist meine Männlichkeit. Doch zufälligerweise beziehen sich die beiden amüsantesten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe, auf dieses Problem.

Romain Garys in Form eines fingierten Interviews gelieferte Autobiographie (La nuit sera calme, Paris 1974) erzählt zwar die Geschichte eines Abenteurers, der Pilot in der Résistance war, gaullistischer Diplomat, Romancier, ein großer Liebhaber, ein Freund von John Ford, glückloser Regisseur und verheiratet mit Jean Seberg, aber all das nicht wie „der Saft- und Kraftkerl der Literatur, der er einmal war“ (Katharina Döbler), sondern gewissermaßen wie ein Anti-Malraux, ein Anti-Hemingway, keine Heldentaten, komische Zwischenfälle, keine Eroberungen, glory in defeat, „ich erzähle keine Geschichten gegen mich selbst, aber gegen das Ich, gegen dieses ‚Reich des Ich’“, das auch ein zinnenbewehrtes Reich des Männlichen zu sein scheint, der Selbstzufriedenheit, Härte und Grobheit. „Ein Mensch, der sich wohl in seiner Haut fühlt, weiß entweder nicht, was er sagt, oder er ist ein Schuft.“ Grotesker Höhepunkt dieses Buches, das ich nur mit großer Sympathie lesen konnte, ist seine, des Juden Gary, Liebeserklärung an Jesus von Nazareth, dessen mütterliche Zärtlichkeit von Generationen Kirchenfürsten, Kreuzzüglern und anderen „Machos“ in den Staub getreten worden sei. „Ich habe dir ja gesagt, dass ich etwas von einem Hund habe, eine überstark instinktive Seite, also hätte ich, wäre ich Jesus begegnet, sofort mit dem Schwanz gewedelt und ihm Pfötchen gegeben.“

Die umgekehrte Überraschung dann bei Charles E. Ives, von dem ich jahrzehntelang nur Central Park in the Dark kannte, weshalb ich ihn für eine Art Debussy mit gelegentlichen atonalen Kapricen gehalten habe, für einen zarten, stillen, verträumten Komponisten, und der das genaue Gegenteil davon ist, spröde, kantig, unberechenbar, komplex und dennoch zur Zartheit begabt. Seit ich dieses Jahr seine Vierte Symphonie, seine Lieder und vor allem das Monument seiner Concord Sonata kennen gelernt habe, gehört er zu meinen Favoriten. Wie seine nachgelassenen Memos (hg. v. John Kirkpatrick, London 1973) beweisen, hat der von allen geschmähte und verlachte, von der europäischen Avantgarde abgeschnittene Künstler, der sich immerzu anhören musste, das sei gar keine Musik, das könne man nicht einmal spielen, sich aus dieser langen Misere einen Groll bewahrt, der sich in immer neuen, komischen Tiraden entlädt.

Schuld waren in seinen Augen ältere Hühner, die bei der Hausmusik dünnen Tee trinken, nach süßen Klängen verlangen und aus allen Musikkritikern Hühnerliebhaber gemacht haben. Diese Kritiker müssen deshalb, wenn ein Löwe in die Stube tritt, empört aufschreien: „Er ist völlig verwachsen – keine Federn, falsche Farbe, zu lang, zu viele Füße –, er ist nicht wie ein Huhn!“ Ives, der Löwe, findet, und das ist nicht mehr so komisch, die Musik der Zeit „emasculated“, verweichlicht, verweiblicht. Und wenn ihm keine älteren Damen einfallen, die er für den allgemeinen Verfall verantwortlich machen könnte, travestiert er seine Gegner, so den Musikkritiker Philip Hale. „Tante Hale“, eine „nette und liebe alte Dame aus Boston (die meistens Hosen anhat)“, schrieb, Ives sei von Hindemith beeinflusst. Aber „Hindemith (ein netter deutscher Junge) hat nicht vor 1920 damit begonnen, ernsthaft zu komponieren, einige Jahre, nachdem ich meine (gute oder schlechte) Musik bereits abgeschlossen hatte, von der Tante Hale behauptet, sie sei von Hindemith beeinflusst“.

Es fällt schwer, nicht zu psychologisieren, in dem einen wie dem andern Fall, doch Gary und Ives bieten Zeugnisse aus einer andern Zeit, von andern Kämpfen, die vielleicht, wie aller Quatsch, verändert wiederkehren und Jungs, die sich partout nicht auf dem Fußballplatz balgen, sondern lesen oder Klavier spielen, Mädchen, die lieber Bagger fahren als Barbies umziehen wollen, erhebliche Schwierigkeiten bereiten werden, aber fürs Erste sind das bloß seltsame Echos aus der Tiefe oder Wunden, die unsern Vorfahren geschlagen worden sind.

Felix Klopotek weist mich noch auf diese schöne Aufnahme hin:

Seiten:12

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