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Archiv für: Januar 2010
27. Januar 2010, 18.57 Uhr:

Ussama ist nicht Osama

von Jörn Schulz

Es gibt Momente, da kann ich die Verschwörungstheoretiker verstehen. So mag man wirklich kaum glauben, dass fast ein Flugzeug über Detroit in die Luft gesprengt worden wäre, weil die US-Geheimdienste nicht googeln können. Ihnen fehlen Suchmaschinen, die verschiedene Schreibweisen von Namen angeben. Das Außenministerium buchstabierte den Namen des Attentäters abweichend von der Version anderer Behörden. Deshalb konnte die Warnung des Vaters von Umar Farouk Abdul Mutallab nicht mit anderen Informationen in Verbindung gebracht werden, gestand Michael Leiter, Direktor des National Counterterrorism Center, vor einem Senatsausschuss. Dennis Blair, als National Intelligence Director verantwortlich für die Koordination von 16 Geheimdiensten, bestätigte “blinde Flecken, die eine Suche in der Art von Google” unmöglich machen. Das Problem tritt bei arabischen Namen nicht gerade selten auf, Leiter versprach, man werde nun an einer Lösung arbeiten. Ussama bin Laden hat sich in seiner Berghöhle vermutlich vor Lachen am Boden gewälzt.

Doch abgesehen davon, dass es in der Geschichte der Geheimdienste an derartigen Patzern und sonstigen Kuriositäten (meine Lieblingsstory ist die von den Agenten auf der Jagd nach dem Zauberwürfel) wahrlich nicht mangelt, darf man sicher sein, dass die Dilettanten der Dienste dem Senat gewiss gerne eine Ausrede präsentiert hätten, mit der sie nicht ganz so dumm dastehen. Denn nun wird Leiter die Karriereleiter vielleicht nicht weiter hinaufsteigen. Was für ein Glück, dass die Jihadisten mindestens ebenso dusselig sind.

27. January 2010, 18.00 Uhr:

Die Zukunft liegt in der Zukunft

von Jörn Schulz

„Er kritisiert die Banker und dass sich ‚in Teilen der Finanzwelt eine Kasino-Mentalität breitgemacht’ habe. Und er gibt sich ‚schwer enttäuscht’ über das ‚Unvermögen der Staatengemeinschaft, auf der Klima-Konferenz in Kopenhagen ein eindeutiges Bekenntnis zu einem klaren gemeinsamen Handlungswillen abzugeben’. Spricht von einer Menschheit, die ‚von der Substanz’ lebt.“ Eine Ansprache zum zehnjährigen Jubiläum von attac? Nein, die Rede Peter Löschers, des Vorstandvorsitzenden von Siemens, bei der Hauptversammlung.

Es gilt ja die Regel: Je mehr Leichen ein Konzern im Keller hat, desto größer das Bemühen, sich ein grünes, soziales und fortschrittliches Image zu geben. Eine Leiche will Löscher aber wohl loswerden. „Ab der zweiten Jahreshälfte 2010 will der Münchener Technologiekonzern Siemens keine Neugeschäfte mehr im Iran annehmen.“

Das ist ein Erfolg der Kampagnen von Stop the Bomb und anderen Gruppen. Von der Länderliste der Siemens-Webseite wurde der Iran bereits gestrichen. Löscher sagte allerdings nicht, ob die Abkehr vom Iran-Geschäft auch für joint ventures wie Nokia Siemens Networks gilt. Überdies heißt es in den „Daten und Fakten für Aktionäre“ im Kleingedruckten: „Dieses Dokument enthält zukunftsgerichtete Aussagen und Informationen – also Aussagen über Vorgänge, die in der Zukunft, nicht in der Vergangenheit, liegen. Diese zukunftsgerichteten Aussagen sind erkennbar durch Formulierungen wie ‚erwarten’, ‚wollen’, ‚antizipieren’, ‚beabsichtigen’, ‚planen’, ‚glauben’, ‚anstreben’, ‚einschätzen’, ‚werden’ oder ähnliche Begriffe. (…) Eine Vielzahl von Faktoren, von denen zahlreiche außerhalb des Einflussbereichs von Siemens liegen, beeinflusst die Geschäftsaktivitäten, den Erfolg, die Geschäftsstrategie und die Ergebnisse von Siemens. Diese Faktoren können dazu führen, dass die tatsächlichen Ergebnisse, Erfolge und Leistungen von Siemens wesentlich von den in den zukunftsgerichteten Aussagen ausdrücklich oder implizit enthaltenen Angaben zu Ergebnissen, Erfolgen oder Leistungen abweichen.“ Abgesehen davon, dass man bei Siemens offenbar die Aktionäre für ziemlich begriffsstutzig hält, bedeutet das: Man wird weiterhin aufpassen müssen. Geschäfte, die schlecht für das Image sind, können zum Beispiel auch über rechtlich unabhängige Tochterfirmen abgewickelt werden.

23. January 2010, 15.06 Uhr:

Das Kommunistische Manifest ...

von Stefan Ripplinger

… ist auch eine „Dreizehnstimmige Kantate für vier Soli, doppelten gemischten Chor, Kinderchor und Blasorchester“ von Erwin Schulhoff aus dem Jahre 1932. Fast 80 Jahre nach dem Entstehen des Stücks wurde es gestern, im Rahmen eines kleinen Festivals, zum ersten Mal in Berlin (und vermutlich auch zum ersten Mal in Deutschland) aufgeführt. Leider nicht mit einem Blasorchester, sondern mit einem trockenen Klavier, aber in Berlin sind wir seit den Preußen Armut gewöhnt und denken uns die Posaunen von Jericho zu den heftig erschütternden Ausbrüchen der Chöre hinzu: „Es geht ein Gespenst um in Europa“, „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ und vor allem „Jaaaaaa, in die Luft sprengen, diese Schichten der offiziellen Gesellschaft!“

Das Libretto von Rudolf Fuchs wählt lediglich Sätze aus dem Manifest und stellt sie geschickt zusammen, seine Bearbeitung ist Brevier. So ergeben sich Solopassagen in Straubscher Prosodie: „Kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch hat die Bourgeoisie übrig gelassen als das nackte Interesse, die gefühllose bare Zahlung; an die Stelle der früheren, durch religiöse und politische Illusionen bemäntelte Ausbeutung, hat sie die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.“ Wie das Wort „Ausbeutung“ vom Sopran entwickelt und ausgearbeitet wird – phantastisch.

Schulhoff, geboren am 8. Juni 1894, Sohn bürgerlicher Eltern aus Prag, mit denen er sich später überwirft, „ich klage alle an, die nicht gewillt sind, ’ihre Eltern’ zu vernichten und somit alle Traditionen“, ist ein Wunderkind am Klavier, beeindruckt Anton Dvorák, geht für Max Reger Bier holen, bewundert Claude Debussy, korrespondiert mit Alban Berg und Tristan Tzara und ist ein sarkastischer, oft zynischer Mann, der vom rauflustigen Dadaismus eines George Grosz angezogen wird, mit Bardamen Nächte durchzecht, Saarbrücken für den Abort Deutschlands hält, ein urbaner, nervöser Komponist, der alle möglichen Einflüsse der Zeit, die gesamte „internationale Stilistik“ vom Zwölfton bis Jazz zu geistreichen, manchmal leisen, manchmal lachenden, immer tänzerischen Stücken zusammenführt. Sein Streichsextett oder sein erstes Streichquartett sind Meisterwerke, die erst in den letzten Jahren, von Gidon Kremer und anderen, außerhalb Tschechiens wieder gespielt worden sind.

Kein Unbekannter in den Zwanzigern, sinkt mit dem Kommunistischen Manifest sein Stern. Inzwischen wieder in der Tschechoslowakei, gibt man ihm kaum Aufträge, er schreibt unter Pseudonymen Tanzmusik und arbeitet als Pianist. Im festen Vertrauen auf den „zusammenbruch der alten ordnung“ und den Sieg des Sozialismus verkennt er die Gefahr. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt wird Schulhoff, der jüdische Kommunist, Bürger der Sowjetunion und glaubt sich gerettet, am 13. Juni 1941 holt er die Visa beim Konsulat ab, am 22. Juni erfährt er vom Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion, am nächsten Tag werden er und sein Sohn von der Ausländerpolizei festgenommen und Ende 1941 von den Deutschen ins Internierungslager Wülzburg geschafft. Am 28. August 1942 stirbt Erwin Schulhoff dort, ausgezehrt, an einer Tuberkulose. Die Toten werden mit Tierkadavern in eine „Aasgrube“ geworfen.

„Nach dem Augenzeugenbericht eines Mitglieds des Begräbniskommandos, unseres Genossen Viktor Schulepnikow, liefen bei der Aasgrube Füchse zusammen und schleppten die Leichen in die Umgebung auseinander. Zweifellos war dies auch der letzte Weg Erwin Schulhoffs.“ (Lew Bereskin, „Im Internierungslager Wülzburg“, zit.n. Josef Bek, Erwin Schulhoff. Leben und Werk. Hamburg 1994)

19. January 2010, 15.10 Uhr:

Klimaschlampen

von Ivo Bozic

Peinlicher Zahlendreher beim “Weltklimarat” führt zu Verzögerung.
Statt 2035 soll der Himalaja-Gletscher nun doch erst 2350 verschwunden sein - eventuell…
Spiegel / Achse
Dass außerdem ein Schreibfehler vorliegt, und gar nicht die Eisberge sondern die Eisbären schmelzen, ist bislang aber nur ein Gerücht.

17. January 2010, 08.59 Uhr:

Show-Biz

von Stefan Ripplinger

„Als ich an einem schönen Oktobermorgen des Jahres 1971 in der Halle des weithin berühmten Beverly Hills Hotels auf einen Plymouth der Firma Avis wartete, mit dem ich an den Pazifischen Ozean fahren wollte, ging vor mir der weithin berühmte Schauspieler und Humorist Peter Ustinov auf und ab und trug, kokett wie ein Nummernmädchen im Varieté und äußerst konzentriert, einen überdimensionalen braunen Papierumschlag so mit sich herum, daß niemand vermeiden konnte zu lesen, was auf ihm geschrieben stand, in viel zu großen Lettern, um sonst einen Sinn zu machen: Mr. Peter Ustinov! Er bot dabei den Anblick eines Mannes, der um seine nächste warme Mahlzeit kämpft.“

Uwe Nettelbeck, Mainz wie es singt und lacht, Salzhausen-Luhmühlen 1976

15. January 2010, 18.42 Uhr:

Asyl

von Ivo Bozic

Es heißt, der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier habe dem Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, Dietmar Bartsch, politisches Asyl in der SPD angeboten. Das kann er gar nicht, da er selbst und seine SPD das Recht auf Asyl 1993 faktisch abgeschafft haben.

14. January 2010, 14.48 Uhr:

Die Zeit schlecht in der Zeit

von Ivo Bozic

“Als Lanzmann im Herbst vergangenen Jahres von Demonstranten gehindert wurde, seinen Warum Israel- Film in Hamburg zu zeigen, trat die ZEIT als erste überregionale Zeitung dieser Verhinderung mit einem entschiedenen Protest entgegen (Nr. 49/09)", behauptet Florian Illies in der “Zeit".
http://www.zeit.de/2010/03/Lanzmann

Zu dieser “Klarstellung” (so nennt sich der Artikel) muss jedoch klargestellt werden: Erstens ist es unzutreffend, dass Lanzmann daran gehindert wurde, sondern die veranstaltende Organisation “Kritikmaximierung” wurde daran gehindert. Und zweitens war die “Zeit” beileibe nicht die erste Zeitung, die über diesen Vorfall berichtete. Die “Jungle World” hatte bereits DREI MAL über den Eklat berichtet (am 29.10., 5.11. und 19.11.), bevor am 27.11. der erste Artikel der “Zeit” dazu erschien.
http://jungle-world.com/suche/?s=lanzmann

Seiten:12

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