Abo-Banner
Jungle World - shop
Archiv für: März 2010
26. März 2010, 13.18 Uhr:

Es geht voran

von Jörn Schulz

Der erste Umzug in der Geschichte der Menschheit war bekanntlich eine Zwangsräumung, und mitnehmen durften Adam und Eva nichts. Das hatte auch seine Vorteile. Wir haben hier zwar keinen Baum der Erkenntnis, aber zahlreiche andere Dinge, die wir mitnehmen müssen, um Ihnen auch von unseren neuen Redaktionsräumen aus neue Erkenntnisse übermitteln zu können. Deshalb hat sich die Redaktion nun in ein Labyrinth verwandelt, wer noch eine Tasse Kaffee ergattern will, muss erstmal einen Weg durch die Kartonstapel finden.

Beim Packen kommen allerlei rätselhafte und seltsame Dinge zum Vorschein, andere sind unerklärlicherweise verschwunden. Das wirft viele Fragen auf. Wer hat das Tagebuch geschrieben, das im Geheimfach eines Layouter-Schreibtischs entdeckt wurde? Wo ist die zweite Polizeimaus geblieben? Ist sie geflohen, weil sei sich bei uns nicht wohl fühlte? Wer von unseren Fotografen hatte ein so gutes Verhältnis zu Gerhard Schröder, dass er ihn aus nächster Nähe mit einer Bierflasche am Hals fotografieren konnte? Da ich hier der Haushistoriker bin, wird es wohl meine Aufgabe sein, diese Rätsel zu lösen.

Sie hingegen haben die einmalige Gelegenheit, an einem historischen Ereignis teilzunehmen. Schließlich zieht Ihre Lieblingswochenzeitung nicht alle Tage um. Wenn Sie also die 68er-Bewegung verpasst haben und Ihnen bei der Wiedervereinigung nicht zum Feiern zumute war, sollten Sie die Chance nutzen, sich hier morgen, am 27. März, ab 10 Uhr als Umzugshelfer oder Umzugshelferin einen Ehrenplatz in den Annalen der Jungle-World-Geschichte zu verdienen. Und ein Fan-Paket erhalten Sie obendrein auch noch.

23. März 2010, 15.58 Uhr:

Solche und solche Lötzschs

von Ivo Bozic

Da hat sich die Tageszeitung „Die Welt“ tatsächlich völlig verstiegen. Beim Versuch, irgendetwas Schädliches über die vermutlich künftige Parteivorsitzende der “Linken", Gesine Lötzsch, herauszufinden, stieß sie in der Birthler-Behörde auf irgendwelche wenig spektakuläre und uralte Akten aus der Vergangenheit ihres Ehemanns, bauschte die Sache mächtig auf, und nahm Gesine Lötzsch noch dazu in Sippenhaft. Götz Aly hat dies als „Ekeljournalismus“ bezeichnet und nun in einem bissigen Beitrag in der “Berliner Zeitung” angemessen gekontert: Lesen hier!

Gegen den in der Partei ämterlosen Ehemann Ronald Lötzsch – explizit jedoch nicht gegen seine Frau Gesine – lassen sich jedoch ganz andere Dinge vorbringen. Dafür braucht man gar nicht in der Normannenstraße staubige Akten zu wälzen. Einfach mal ins kostenlose Online-Archiv der “Jungle World” zu schauen, genügt.

Dort erfährt man, dass der Sprachwissenschaftler nach der Wende sehr engagiert gewesen ist beim Versuch, die „nationale Frage“ in der damaligen PDS populär zu machen. Dabei offenbarte er einen geradezu völkischen Nationalbegriff. Bei einer Tagung der Rosa-Luxemburg-Stiftung 2002 zu “Linke und Nation” erklärte er, dass es Ethnien seien, die eine Nation bildeten. Und: “Der Nationalstaat ist mit seinem Volk identisch.” Auf der Tagung musste sich der als alter Apo-Nationalist bekannte SPD-Rechte Tilman Fichter empören, dass in der dort vorgestellten, mit 10.000 DM durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderten Studie von Ronald Lötzsch und Erhard Crome ("Die Linke und ihr Verhältnis zu Nation und Nationalstaat"), Juden, Roma und Sinti nicht als Teil einer deutschen Nation vorkämen.

Bereits im November 1998 hatte Ronald Lötzsch auf einer Veranstaltung der Stiftung für Gesellschaftsanalyse und politische Bildung erklärt, eingebürgerte Ausländer seien auch mit einem deutschen Pass noch lange keine Deutschen. Er schlug ernsthaft vor, “Nicht-deutsche deutsche Staatsbürger” als “Deutschländer” zu bezeichnen. Er bedauerte in diesem Zusammenhang auch, dass man den “heute leider unpopulären Begriff der Rassenmerkmale” nicht mehr benutzen dürfe und betonte, der “nationale Faktor” sei auch in den untergegangenen sozialistischen Staaten vernachlässigt worden.

Dies, wie gesagt, könnte man gegen Ronald Lötzsch vorbringen, statt uralter Stasi-Kamellen. Gesine Lötzsch ist jedoch ausdrücklich vor diesen Äußerungen ihres Mannes in Schutz zu nehmen. Von ihr sind keine Äußerungen nationalistischer oder völkischer Art bekannt. Aber sollten welche bekannt werden, dann, seien Sie gewiss, finden Sie diese Information weder in Stasi-Akten noch in der “Welt", sondern wie immer in Ihrer “Jungle World". Versprochen.

23. März 2010, 01.43 Uhr:

Stilkunde: The End of Water as We Know It...

von Lieselotte Kreuz

…oder warum schwangere Frauen, die rauchen, cool sind:
Weil ich ein oberflächlicher, spaßorientierter Mensch mit einer erschreckend kurzen Aufmerksamkeitsspanne bin, sprechen mich ja einige Aufbereitungen gewisser Themen mehr an als andere, obwohl andere möglicherweise besser verargumentiert sind als einige, wenn ihr versteht, was ich meine. Andererseits implizieren andere Aufbereitungen dieser Themen eben auch drollige Vorstellungen darüber, wie man einen von Zylindermännern betriebenen Kapitalismus besser gestalten könnte, und dissen ganz unnötig schwangere Frauen, die sich wegen dem ganzen Stress mit der Namensfindung und irgendwelchen Gymnastikkursen auch mal ein Zigarettchen gönnen. Insofern sind diese anderen Aufbereitungen natürlich auch wieder selbst schuld, wenn ich mich den einigen zuwende, denen bei ihrem ganzen Herumgefluche gar keine Zeit mehr bleibt für solchen Unsinn.
Aber sagt doch mal selbst:

And now, Ladies and Gentlemen: Lewis Black.

17. März 2010, 16.51 Uhr:

Post für Guido

von Jörn Schulz

…kommt bald aus Arbil. Vor dem deutschen Generalkonsulat im Nordirak demonstrierten am 16. März Vertreter kurdischer Dörfer und Städte, um an das Giftgasmassaker von Halabja zu erinnern. Am 16. März 1988 waren von der Luftwaffe Saddam Hussein 5000 Menschen getötet worden, Tausende starben an den Spätfolgen. Mit Giftgas angegriffen wurden auch 35 weitere Dörfer und Städte. Die Demonstranten forderten von Generalkonsul Oliver Schnakenberg eine offizielle Entschuldigung für die Rüstungslieferungen an das damalige Regime. In der Petition heißt es: „Wenn sich Deutschland weiter weigert, eine offizielle Entschuldigung abzugeben, müssen wir davon ausgehen, dass es nicht zu den friedensliebenden Nationen gehört.“ Entschuldigen wollte Schnakenberg sich nicht, da die Regierung nicht für die Lieferungen verantwortlich gewesen sei, er behauptete gegenüber den Demonstranten, dass die Lieferungen untersucht würden. Immerhin will er die Petition an die Regierung und das Auswärtige Amt weiterleiten.

Den Erkenntnissen der UN-Inspektoren zufolge kamen 52,6 Prozent der Ausrüstung für Saddam Husseins Chemiewaffenproduktion aus Deutschland. Schnakenberg referierte einmal mehr die offizielle deutsche Position: „Eine wie auch immer geartete Mitverantwortung der Bundesregierung besteht nicht.“ Doch erste Hinweise auf deutsche Lieferungen gab es bereits 1982. Da das Außenwirtschaftsgesetz „im Zweifelsfall zugunsten des Freiheitsprinzips“ ausgelegt wurde, erhielt Saddam Hussein, was er brauchte. Außen- und Wirtschaftsministerium wurden in den achtziger Jahren fast ununterbrochen von FDP-Politikern geführt.

17. März 2010, 10.45 Uhr:

Plagiat? Vergleich!

von Stefan Ripplinger

Günter Grass und seine Freunde beschweren sich über ein Plagiat und wirken selbst wie ein blasses. Wenn ich nur wüsste, wen sie plagiieren:

Jedes literarische Werk ist ein originäres Kunstwerk. Das gilt für alle Arten von Techniken der Texterstellung, auch für literarische Collagen.

Der erste Satz klingt nach dem 19. Jahrhundert, das nun wieder im Schwange ist, „Techniken der Texterstellung“ dagegen nach Word für Windows. Und sollte einer, der nicht-originäre Kunstwerke schaffen wollte, kein Dichter sein? (Wäre er nicht sogar der klügere, weil er nicht schaffen wollte, was es prinzipiell nicht geben kann, und weil er auf all diese bürgerlichen Mythen nicht hereinfällt?)

Kopieren ohne Einwilligung und Nennung des geistigen Schöpfers wird in der jüngeren Generation, auch auf Grund von Unkenntnis über den Wert kreativer Leistungen, gelegentlich als Kavaliersdelikt angesehen.

Ja, der geistige Schöpfer, tief aus seiner wunden Seele zerrt er den immergrünen Quatsch ans fahle Licht der Öffentlichkeit. Eine geschickte Plagiatorin zöge ich diesen Vertretern der älteren Generation stets vor, bloß halte ich Helene Hegemann nicht für eine solche. Zu dieser Einschätzung bin ich gelangt, als ich in der Taz zwei Sätze jeweils in der Version von Airen und von Hegemann zitiert gefunden habe:

Ich habe ein Grad Fieber sowie ein knappes Promill Alkohol im überhitzten Blut.


Das war Airen, es folgt das Hegemannsche Plagiat:

Ich habe Fieber, Koordinationsschwierigkeiten, ein Promille im überhitzten Blut.

Die „Koordinationsschwierigkeiten“ sind nicht nur ungrammatisch (da sie ja nicht im Blut sein können), sie zerschlagen auch den Rhythmus des Satzes; sie zeigen eine stilistische Koordinationsstörung an. Zweites Beispiel, bei Airen:

Ich steige aus, mache drei Schritte nach vorn und pralle rückwärts gegen die Bahn. Dann stehe ich auf, mache drei Schritte nach vorn und pralle rückwärts gegen die Bahn. Schließlich kommen zwei so grobporige Bahnbullen und verfrachten mich in ein Taxi.

Bei Hegemann:

Ich mache drei Schritte nach vorn und knalle rückwärts gegen irgendeinen sich im öffentlichen Raum befindlichen Werbeträger von Langnese. Ich drehe mich um und knalle rückwärts gegen einen grobporigen Typen in grünen Klamotten. Er [der Polizist] setzt mich in ein Taxi …


Der eine ist ein Naturtalent (er sagt, er habe nie irgendein Buch von Wert gelesen und kenne nur ein einziges Gedicht, von Benn), er weiß, was Parallelismus ist, Klarheit und Kraft. Die andere hat keinen Sinn für Musik, weiß aber, wie man ganz gute Sätze in Bürokratismen – „öffentlicher Raum“, „befindlich“ und „Werbeträger“ – marinieren kann, damit sie ironisch und nach Intellektuellenkunst schmecken.

Wer trägt die Trophäe davon, das Talent oder die gelehrige Tochter?

Ein Literaturredakteur der Taz behauptet:

Ohne Betrieb würde es keine Literatur geben, jedenfalls keine öffentlich wahrnehmbare. Punktum.

Ich behaupte das Gegenteil:

Im Betrieb gibt es keine Literatur mehr, und was im Verborgenen gut war, wird im Betrieb untergehen. Punktum.

15. März 2010, 14.28 Uhr:

RIP Jupp

von Ivo Bozic

Verstorben: Jupp Angenfort

12. März 2010, 18.36 Uhr:

Identitetskris

von Stefan Ripplinger

Seit 1982 höre ich keinen Pop mehr, aber noch jedes neue Album der Sparks. „This is the Renaissance / Came upon us all at once“ war der Ohrwurm vom letzten Jahr. Jetzt gibt es The Seduction of Ingmar Bergman, eine Produktion von Sveriges Radio; Hörspiel, Musical, Konzeptalbum, alles zusammen. Die Geschichte ist die bitter-komische des Exils, des Europäers in Hollywood, wo sich Brecht bekanntlich wie eine Chrysantheme im Bergwerk oder eine Wurst im Treibhaus vorkam.

Ingmar Bergman (Jonas Malmsjö), der die Beichte ablegt, dass es ihn eines trüben Nachmittags im Jahre 1956 unwiderstehlich in ein Bahnhofskino zog und er dort ein besonders übles Beispiel der eskapistischen Kunst, einen amerikanischen Actionfilm, angeschaut hat („en kall eftermiddag i maj i Stockholm 1956 kände jag mig tvingad att ga in pa en bio för att beskada eskapistkonst av varsta sort, en typisk amerikansk actionfilm“) und vor Ekel und Selbsthass fast den Verstand verlor, „varför?“, findet sich plötzlich in Hollywood wieder, in einer von Ron Mael gesteuerten Limousine, die ihn ins Studio befördert.

Der Chauffeur erlaubt sich bereits ein erstes, Misstrauen erregendes Kompliment („I love your films, they have a foreign flair“). Ganze Schleimkübel von Komplimenten schüttet der Studioleiter (Russell Mael) über den armen Meister aus, aber deutet auch schon an, dass es kein Spaß sein wird, Filme zum Spaß zu machen. „Mr. Bergman, we’re not hicks / Herr Bergman, vi är inga bönder / But we must deliver kicks / Men vi maste skapa underhällning“.

Das Unglück nimmt also seinen Lauf. Bergman, der das Geld vor sich sieht, das er immer gebraucht hat, ganze Batzen davon, versucht verzweifelt, irgendwas zu drehen, ein Starlet (Rebecca Sjöwall) herrscht den mit ihr unzufriedenen Regisseur an, „Why should I have to share / A crisis that you feel inside / An anger that’s an ocean wide“, Autogrammjäger, darunter Woody Allen, „Would you sign my T-shirt, please? / Make it out to Woody, Ingmar, please“, überfallen ihn, nach all den „identitetskriser“, die er in seinen Filmen geschildert hat, ergreift ihn nun wirklich eine, er nimmt Reißaus, wird von Helikoptern verfolgt, erbittet sich einen Engel, ausgerechnet Gott schickt ihm ausgerechnet Greta Garbo (Elin Klinga), die ihn dazu überreden will, mit ihr die Gösta Berlings saga anzuschauen, den Film, der sie zum Star gemacht hat.

Endlich kehrt Bergman zurück, Tausende Schweden vergießen Tränen vor Glück („They mispronounced his name / But here at home he’s he“).

Das Ganze umspült von Plastik-Tschaikowsky, Märschen und Schlagern aus der Dose und Retorten-Chören. Eine köstliche Platte, nur schade, dass sie zu spät für Hermann Bohlens Feature „Hörspiele und andere Geräusche in der Popmusik“ (1997) kommt.

Mit Dank an Fa. Google für die Übersetzung aus dem Schwedischen.

Seiten:12

Schmeicheln Sie uns!

Falls Sie Ihre Wertschätzung für unsere Website ausdrücken möchten, können Sie dies mithilfe des Mikro-Bezahlsystems Flattr tun. Benutzen Sie einfach den folgenden Button:

Mehr Informationen auf flattr.com

Golem-AnzeigeRM16

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …