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Archiv für: April 2010
29. April 2010, 19.05 Uhr:

Wo ist eigentlich Thilo Sarrazin?

von Jörn Schulz

Während man nun selbst in der Bundesregierung langsam zu begreifen scheint, dass Deutschland gerade im Alleingang die zweite Phase der globalen Finanzkrise auslöst und selbst FDP-Politiker sich etwas vorsichtiger äußern, fällt auf, dass im Chor der Nationalchauvinisten eine Stimme fehlt: Wo ist eigentlich Thilo Sarrazin? Er ist gewiss nicht so dekadent, Urlaub zu machen. Haben ihn seine Vorstandskollegen von der Bundesbank gefesselt und geknebelt? Wie auch immer, Herr Sarrazin, Sie müssen sich jetzt nicht mehr bemühen, ich erledige den Job für Sie.

„80 Prozent der Griechen wollen nicht arbeiten“, sagte Thilo Sarrazin, der auf Einladung des Bundes der Kaltduscher in der Sparkasse Deppenhausen referierte. „Die große Zahl von Griechen hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel. Und Oliven mag ich sowieso nicht.“ Transferleistungen würden die Griechen nur dazu ermutigen, mehr Faulenzer in die Welt zu setzen, die den Leistungsträgern noch mehr Geld aus der Tasche ziehen. „Ich muss niemanden anerkennen, der uns unser hart erarbeitetes Geld nehmen will, um sich mehr Fleisch vom Gyros-Spieß abschneiden zu können.“ Angesichts des milden Klimas „braucht da keiner eine Heizung“, erläuterte Sarrazin seine Sparpläne für Griechenland. Auch die Wasserversorgung sei verzichtbar: „Die haben das Meer ja vor der Haustür.“ Die Gerüchte, er arbeite nun an einem Menüplan für Griechen, wies Sarrazin zurück: „Von Menü kann keine Rede sein. Man kann sich auch mit Brot völlig gesund, wertstoffreich und vollständig ernähren.“

28. April 2010, 16.23 Uhr:

Nein, die Wolken werden nicht verschwinden

von Jörn Schulz

Bei Auftritten von Angela Merkel wird immer noch „Angie“ gepielt, so auch in Bocholt. Das habe ich ja schon mal kommentiert. “Where will it lead us from here?” Nun, möglicherweise führt Merkels Griechenland-Politik zu „einer europäischen Version der Lehman-Krise“.

Ich habe aber auch den passenden Song für Papandreou, nämlich “19th Nervous Breakdown”: “Oh, who’s to blame, that girl’s just insane. / Well nothing I do don’t seem to work, / It only seems to make matters worse.” Vielleicht bald auch “Dead Flowers”: “Well when you’re sitting there in your silk upholstered chair / Talkin’ to some rich folk that you know / Well I hope you won’t see me in my ragged company”. Er könnte es auch nochmal mit “Emotional Rescue” versuchen: “Is there nothing I can say / Nothing I can do / To change your mind”. Aber letztlich: “You’ll never break, never break, never break, never break / This heart of stone”.

Den anderen Griechen empfehle ich “Beast of Burden”: “I’m not too blind to see / I’ll never be your beast of burden”. Und natürlich: “Ev’rywhere I hear the sound of marching, charging feet / ‘Cause summer’s here and the time is right for fighting in the street”.

27. April 2010, 19.00 Uhr:

Wir haben hier Spiele

von Jörn Schulz

Wir sollten uns lieber nicht um den Kontakt mit Aliens bemühen, meint Stephen Hawking, weil es uns sonst so ergehen könnte wie den Leuten, an deren Strand einstmals eine Horde halb verhungerter Spanier angespült wurde. Es ist erfreulich, dass Hawking interstellare Reisen nun offenbar für möglich hält. Ich habe selbst schon darauf hingewiesen, dass man nicht genau wissen kann, ob Aliens nette Leute sind, aber auch darauf, dass die Debatte über Außerirdische eher irdische Befindlichkeiten wiedergibt. Schließlich haben wir ja keine Ahnung, was da draußen los ist. Nun ist mal wieder Krise, die Erdlinge gehen aufeinander los, einer gönnt dem anderen nicht den Dreck unter den Fingernägeln, und schon heißt es: Die Aliens wollen unser – ja, was eigentlich?

Das ist nämlich der Haken. Die Konquistadoren wussten, was sie wollten: Gold, Gold, Gold und außerdem noch Gold. Aber reist man wirklich zwischen den Sternen, um Fort Knox zu knacken? Und selbst wenn, sollen sie das Zeug doch mitnehmen. Vielleicht kaufen sie uns bei der Gelegenheit ja ein paar Finanzderivate ab. Aber seien wir einmal ehrlich: Dieser heruntergekommene Planet hat kaum etwas zu bieten. Wie auch immer die Aliens hierher kommen, einen Dieselantrieb haben sie gewiss nicht. Unser Öl können wir also behalten.

Wie üblich gibt die Science Fiction die interesantesten Antworten. Die Suche nach exotischen Leckereien könnte tatsächlich ein Grund sein, die weite Reise zu unternehmen. Es wäre Pech, wenn wir die begehrte Leckerei sind. Aber vermutlich gäben sich die Aliens mit einer Hähnchenkeule und ein paar Burgern zufrieden. Originell ist auch die Lösung bei „Predator“ (der zweite Teil mit Danny Glover ist übrigens viel besser als der erste mit Arnie), die Aliens kommen zur Großwildjagd. Das Großwild sind Menschen, aber die Predators sind Sportsmänner (ich vermute mal, es sind Männer, die Gender-Frage ist allerdings nicht wirklich geklärt), sie jagen nur Bewaffnete. Friedliche Zeitgenossen wie Sie und ich haben also nichts zu befürchten. Nebenbei bemerkt, falls das hier jemand aus Hollywood liest: wäre doch eine gute Idee, einen Predator gegen die Taliban antreten zu lassen („Predator III – Hunting in Kandahar“). Ich hoffe, das war jetzt nicht zu islamophob.

Aber zurück zum Thema. Bei aller Liebe zu “Stargate” (der Serie natürlich, der Film taugt nichts), wir werden gewiss nicht als Sklaven der Goa’uld enden. Die Lohnarbeit ist der Sklaverei überlegen, das weiß sogar Guido Westerwelle, und soviel Verstand wie dem können wir einem Alien schon zutrauen. Wenn wir für sie arbeiten sollen, werden sie uns auch bezahlen, und für die meisten von uns dürfte selbst der intergalaktische Mindestlohn eine Verbesserung bedeuten. Wenn sie uns als Gastarbeiter mitnähmen, bekäme die Formel vom “Aufstieg” endlich mal eine konkrete Bedeutung.

Sehr gelungen finde ich die Variante von Deep Space Nine, wo die ersten Besucher aus dem Delta-Quadranten sagen: „Wir haben gehört, Sie haben hier Spiele.“ Die Aliens reisen 70000 Lichtjahre, um im „Quark’s“ zu zocken. Ich glaube, diese Version kommt der Wahrheit am nächsten. Es geht den Aliens nicht um neue Erkenntnisse, und falls doch, werden sie ziemlich enttäuscht sein, wenn sie hier landen. Aber die ewige Suche des Aliens nach Entertainment könnte ein Grund sein, hier mal vorbeizuschauen. Deshalb rate ich auch den Leuten, die irgendetwas in den Weltraum hinaussenden: Versucht gar nicht erst, den fälschlichen Eindruck zu erwecken, dieser Planet werde von verständigen Lebewesen bewohnt. Sendet lieber: “Wir haben hier Spiele! Schrille Filme! Coole Musik!” Dann klappt’s vielleicht irgendwann mit den kosmischen Nachbarn.

26. April 2010, 18.45 Uhr:

Busenbeben

von Lieselotte Kreuz

“In the name of science, I offer my boobs” kündigt Jen McCreight an, und wenn wir uns beeilen, können auch wir noch ein bisschen mitmachen beim heute stattfindenden ersten internationalen Boobquake. Es ist ganz einfach: Schrank auf, Flittchenklamotten raus, anziehen und abwarten, ob’s ein Erdbeben gibt. Ein großes. Das sollte es nämlich, folgert die Bloggerin aus Indiana, zumindest, wenn an der Mitteilung des iranischen Geistlichen Hojatoleslam Kazem Sedighi was dran ist, die vielen Erdbeben im Iran würden ausgelöst durch, na, ratet ihr’s? Genau: Durch Frauen, die sich unanständig anziehen! Weil das doch zu mehr Ehebruch führt und dann wird Gott böse. Also los, wir gucken mal, ob’s nicht doch viel einfacher ist als gedacht, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, höhöhö. Männer müssen natürlich leider draußen bleiben, weil die ja offenbar selbst mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel und Rocksaum in Steißbeinhöhe nicht das allerkleinste Erdbeben zustande kriegen.
Vor Erkältungen braucht sich übrigens keine zu fürchten, wir können einfach schön in unseren warmen Zimmern sitzen bleiben, nachdem wir die dünnen kleinen Stoffrestchen an unseren Körpern befestigt haben. Gott sieht schließlich alles.

25. April 2010, 10.17 Uhr:

Der Grieche in mir erwacht

von Stefan Ripplinger

Der deutsche Nationalismus zeigt sich etwa alle zehn Jahre. In der Zwischenzeit kann er einem wie ein Gespenst der Antideutschen vorkommen, eine lästige Begleiterscheinung wie in andern sich modernisierenden Ländern auch, ein wenig Gegröl aus der Fankurve, Rassismus comme partout. Doch dann kehrt er zurück und man fragt sich, in welcher Höhle er überwintert hat. Aber er ist ganz der Alte, und sein sicheres Erkennungsmerkmal ist: Alle sind einer Meinung.

Dreimal habe ich das erlebt, 1977, als sich plötzlich die Westdeutschen zu einer Hetzmeute gegen ein Fähnlein Terroristen zusammenschlossen, 1989 selbstverständlich, und dann wieder 2002, als alle Saddam Hussein den Hals retten wollten. Jedes Mal schienen die Unterschiede zwischen Links und Rechts wie weggeblasen. Es ging nur noch um Details.

Jetzt ist das wieder so. Deutschland tritt kollektiv aus der EU aus. Einig schallt der schwäbische Ruf: „Mir gäbet nix!“ Und natürlich sollen die Griechen selbst schuld sein. Als ob nicht im letzten Jahr die ganze Welt von einer Finanzkrise erfasst worden wäre, der auch die deutsche Regierung nur mit einer gigantischen Verschuldung parieren konnte, wird der konkrete Fall mit „Betrügereien Griechenlands“ (Jürgen Trittin) erklärt.

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22. April 2010, 18.47 Uhr:

Noch mehr Watschn

von Jörn Schulz

Jürgen Elsässer gehört, wie Bettina Röhl und einige andere, eigentlich zu jenen, die ich für nicht satisfaktionsfähig erklärt habe. Nun muss ich aber doch eine Ausnahme machen. Dass Elsässer Bischof Mixa verteidigt, verwundert nicht mehr. Dass er reaktionäre homophobe Ressentiments propagiert („Sexueller Missbrauch scheint seinen Fokus nicht bei den Kirchen zu haben, sondern bei den Homosexuellen“), erstaunt auch nicht. Es mag sein, dass ich bei der Feststellung, dass „Watschn“ seit Anfang der siebziger Jahre nicht mehr „normal“ waren, die zivilisatorische Kluft zwischen Nord- und Süddeutschland unterschätzt habe. „Ein paar Watschn waren vor 20, 30 Jahren in der Erziehung normal“, meint jedenfalls auch Elsässer. Und fügt hinzu: „Ich hab auch vom Lehrer welche bekommen, und es hat mir nicht geschadet.“

“Es hat mir nicht geschadet” - diese Behauptung hört man immer wieder, seit Friedrich Nietzsche, der übrigens ein Domgymnasium und ein Internat besuchte, behauptete: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Bewiesen wurde sie noch von keinem, der sie aufstellte. Die Unfähigkeit zur Selbstreflexion ist jedenfalls kein Beweis.

19. April 2010, 17.23 Uhr:

Friendly Fire

von Jörn Schulz

Die „Fähigkeiten einer Einheit gegenüber einer feindseligen Demonstration“ zu testen, war das Ziel einer Übung der Gendarmerie in Orange. Die Rolle der Demonstranten spielten andere Gendarmen. Schließlich durften die Gendarmen auch Granaten einsetzen, völlig ungefährliche natürlich, die „nicht dafür bestimmt sind, zu verletzen“. Sie werden aber vorsichtshalber nur in Betonkästen geworfen, bei den Übungen jedenfalls. Ein übereifriger Gendarm warf seine Granate jedoch „aus Versehen oder aus Unachtsamkeit“ auf die Kollegen, ein Gendarm wurde durch die Splitter verletzt, 15 weitere erlitten „ernsthafte Gehörtraumata“.

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